Ai Weiwei, ruf mich an!

Was ich vom berühmten chinesischen Künstler und Aktivisten gerne wissen möchte, ist kein Stoff für westliche Hochkultur.

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Ai Weiwei ist in Berlin angekommen. Sie haben es sicherlich gelesen. Nach Jahren im chinesischen Hausarrest bekam er von den Exekutivbehörden seinen Pass retourniert. Endlich konnte er seinen kleinen Sohn wiedersehen, er lebt in Deutschland.

Das 15. internationale literaturfestival berlin lud Ai Weiwei zum ersten öffentlichen Gespräch mit Dichter Liao Yiwu in die Philharmonie. Am Büchertisch im Foyer erwarb ich das Werk Der verbotene Blog, erschienen im Galiani Verlag. Es war als Taschenbuch vorliegend, ohne Hartcover. Ein großer gelber Aktions-Sticker klebte darauf, er ließ sich nur mühsam abkratzen. Neben ehrfurchtgebietenden Kunstbilderbüchern sah das Objekt wie Massenware aus.

Diese überarbeitete Auflage ist eine reduzierte Auswahl von online-Publikationen Ai Weiweis zwischen 2006 und 2009. Neugierig blätterte ich darin, hoffte auf spannende Einsichten über Kunst als Bloggen und erweiterte Social Media Inspiration. Immerhin wird Kurator Hans Ulrich Obrist im Umschlag zitiert, er betrachtet Weiweis Blog als „eine der größten gesellschaftlichen Skulpturen unserer Zeit“.

Ich wusste nicht, was mich erwarten würde an diesem Abend und war nicht unglücklich über meinen Presse-Platz auf der Tribüne links, direkt über der Bühne gelegen. Würde ich Fotos machen können? Ich zückte meine kleine Bloggerkamera. Umgehend beschwerte sich die amerikanische Reporterin neben mir, der man fotografieren vom Rang untersagt hatte. Ein Pulk Fotografen drängelte sich mit riesigen Kamerarohren an der Kante vor dem Publikum. Man gewährte den VIPs in der ersten Reihe Parkett einen Blick auf die angespannte Kehrseite.

Unter frenetischem Applaus betraten die chinesischen Künstler die Bühne. Das Gespräch zwischen Ai Weiwei und Liao Yiwu wurde simultanübersetzt ins Deutsche. Die Dolmetscherin trug ein feuerrotes Kleid. Sie wirkte wie eine gesellschaftskritische Skulptur von Duane Hanson.
Eine Besucherin hörte nicht gut und beschwerte sich lautstark. Die Sätze tröpfelten zähflüssig und wirkten ein wenig gequält. Man sprach über dunkle Themen. Auswirkungen von Diktatur und Folter, verlorene Heimat und Illusion – man blieb im Rahmen der Erwartungen. Wollte man dem traditionsverwöhnten berliner Literaturpublikum bieten, wonach es in seiner lüsternen Schwermut dürstete?

Ai Weiwei und Liao Yiwu im Gespräch, Philharmonie, 15. Literaturfestival Berlin

Ai Weiwei und Liao Yiwu im Gespräch, Philharmonie, 15. internationales literaturfestival berlin

Ai Weiwei hatte jüngst im Aufwachfernsehen erklärt, seine Heimat seien die sozialen Medien. Dieser Umstand schien mir wichtig, seine Position interessant. Genau darüber wollte ich gerne mehr wissen – doch an diesem Abend ging man kaum darauf ein. Vielmehr zog Ai Weiwei den symbolischen Vergleich von innerer Heimat zu Bildern einer Mauer, einem Seil oder einer Wasseroberfläche. War das Publikum zu alt für flüchtige Daten und Instagram? War der philharmonische Rahmen zu prominent? Immer wieder zückte Ai Weiwei sein Smartphone und warf lange Blicke darauf. Überprüfte er Reaktionen auf Instagram Posts?

„Sprich über VPNs und Twitter“ wünschte ich mir. Ich war zu weit weg. Gerne hätte ich Fragen gerufen, doch die ehrfürchtige Distanz verbat es mir. Ich hoffte auf eine Gelegenheit zu einem Interview im Foyer. Mein Interesse gilt nicht so sehr dem Kunst- und Kulturtainment, das sich auf die bekannten Inhalte von Regimekritik und Widerstand stürzt. Ich interessiere mich für Form und Medium, Bedingung und Ursache, Wechselwirkung und Entwicklung, Veränderung und Stillstand durch Ai Weiweis Interaktion mit dem globalen Netz.

Eine Signierstunde von Ai Weiwei und Liao Yiwu war angekündigt. Die Menschenschlange wuchs die Treppen der Philharmonie bis in die oberen Stockwerke. Mich anzustellen erschien hoffnungslos. Stattdessen wartete ich neben den Fotografen beim Büchertisch. Als Ai Weiwei eintraf, stand er kurze Zeit direkt neben mir. Ich gab ihm eine Karte, auf die ich meine Kontaktdaten gekritzelt hatte. Dazu hatte ich „Fragen über das Internet und Instagram“ vermerkt. „Contact me, I’ve got a lot of questions!“ machte ich deutlich.

Ai Weiwei, ruf mich an! Du hast meine private Handynummer. Nicht sehr viele Leute haben dieses Privileg. Allein schon die Vorstellung ist hochspannend für mich, was ein Anruf von dir auf meinem Handy bedeuten würde. Du selbst hast erklärt, dass du auch in Deutschland von deinen chinesischen Stalkern überwacht wirst.

Lass uns über Kommentarräusche, Onlineobjekte, innere Migration, öffentliche Privatsphäre und dein virtuelles Vaterland sprechen.

2 Gedanken auf "Ai Weiwei, ruf mich an!"

  1. cd Antworten

    Interessant, obwohl ich nicht verstanden habe, ob das Interview interessant war. Eher nicht.. anscheinend. Die Beobachtungen gefallen mir (Dame mit dem roten Kleid und der Gedanke von Obricht, der Blog als ,gesellschaftliche Skulptur‘ – kann man drüber nachdenken.

    • Granaton Antworten

      Es handelte sich um ein formloses Gespräch unter chinesischen Exilanten ohne Moderator. Manchmal witzelten sie herum, manachmal sprachen sie über das Leben in der Diktatur, manchmal ärgerten sie sich einfach gegenseitig. Ich fand die Sitzung zu lang, das Gespräch schleppend. Wohl auch, weil ich wenig Überraschungen erlebte. Die Hochkultur in Deutschland kann schrecklich ermüdend sein. Es gibt jedoch einige Rezensionen über den Abend, die die Inhalte positiv oder erweiternd kommentieren. FAZ, WELT, TAZ, TAGESSPIEGEL, alle haben geschrieben. Amüsant fand ich die Zusammenfassung der Prinzessinnenreporter.

Teilen Sie Ihre Meinung mit