„Deine Kunst ist zu schön!“

Anna Talens folgt nicht allen Moden. Auch nicht denen im deutschen Kunstmarkt.

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Die Künstlerin wohnt im Bötzowviertel in Berlin. Ihre Hausverwaltung hat ihren vollen Namen an das Klingelschild geschrieben: Dr. Anna Talens. Sie hat in Spanien Kunst studiert und eine Dissertation über die Erfahrung von Natur geschrieben. Eines Tages wurde sie von einer Nachbarin gefragt, ob sie wirklich Arzt sei.

Anna Talens ist keine Ärztin. Ganz falsch lag die Nachbarin mit ihrer Vermutung jedoch nicht. Ihre Kunstwerke haben therapeutische Wirkung. Sie machen glücklich. Anna Talens hat einen intuitiv-kindlichen Zugang zu ihrer Kunst, sie kann in kleinen Details große Assoziationen sehen und in großen Ruinen Märchen entdecken. Dabei entstehen so schöne, sinnliche und nicht selten auch lustige Werke, dass man gar nicht anders kann, als mit glänzender Stimmung aus ihren Ausstellungen gehen.

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Entdecken konnte ich Anna Talens aktuelle Installation Beauty and Decay durch Zufall: Ich schlenderte an einem Samstagnachmittag durch Berlins Straßen. Dabei kam an einem unsanierten Repräsentationsbau vorbei, der seit Jahren verschlossen gewesen war. An diesem Tag stand die Türe plötzlich offen. Ich betrat die alte Ruine und befand mich in einem Wunderland. Teile der Wände, des Bodens und der Säulen einer denkmalgeschützten Metallwarenhandlung waren über und über mit Gold bedeckt.
Die Kuratorin der Ausstellung Dr. Bettina Springer veranstaltet in dieser Altbauruine temporäre Einzelpräsentationen. Künstlerinnen und Künstler werden eingeladen, sich mit dem Ort individuell auseinanderzusetzen.

Anna Talens ließ sich von der japanischen Tradition Kintsugi inspirieren: Zerbricht eine Tasse, wird sie nach dem buddhistischen Wabi-Sabi Konzept nicht weggeworfen, sondern mit Goldlack repariert. Das erhöht den Wert der Tasse.
Den historischen Raum in Berlin-Mitte untersuchte Anna Talens auf Risse, Schäden und Spuren von Verfall und restaurierte sie mit echtem Blattgold. Eine Woche lang trug sie mit einer Assistentin Schicht um Schicht Gold auf. Auch Kinder verstehen die Botschaft. Dieses Kunstwerk ist zugänglich für alle Gesellschaftsschichten, Berufshintergründe und Altersgruppen.

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Kleine Beobachtungen im Alltag neu zusammenfügen und zu einem größeren Ganzen interpretieren, das ungewöhnlich und inspirierend auf die BetrachterInnen wirkt, gehört zum künstlerischen Konzept von Anna Talens. Sie macht aus einer Feder eine Winterlandschaft, aus Rosendornen Haifische und aus Schnürsenkeln Arte Povera Skulpturen. Ihre Arbeiten sind so poetisch und spannungsgeladen, dass ich sie sofort besitzen würde wollen. Natürlich hat mich interessiert, ob die Künstlerin eine Galerievertretung in Berlin hat.

Was glauben Sie? Hat sie eine?

Sie vermuten richtig, wenn ich diese Frage stelle, muss die Sache einen Haken haben. „Deine Arbeiten sind zu schön!“ wurde ihr schon von zwei GaleristInnen unabhängig voneinander gesagt. Zur spanischen Tradition von emotionaler Narration haben deutsche Galerien wenig Zugang. „Konzept steht in Berlin im Vordergrund!“ bemerkt Anna Talens treffend. „Vor Intuition und Poesie haben die Leute Angst.“

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So absurd es klingen mag, Anna Talens Werke sind für den deutschen Kunstmarkt zu positiv. Dennoch lässt sie sich nicht von ihren Ideen abbringen: „Wir brauchen ein Gegengewicht zu den traurigen und belastenden Ereignissen in unserem Leben. Kunst kann uns helfen, darüber hinwegzukommen.“ Dass ihre KollegInnen teilweise auf den berliner Zug aufspringen und sich Trends anschließen, die stark in Richtung Theorie und Kritik gehen, kann sie gut verstehen, doch möchte sie sich nicht daran beteiligen. Ihre Werke sind bewusst vom Zufall inspiriert. Ein Kurator sagte über ihre Ausstellung, im Fall von „Beauty and Decay“ sei das kein „Objet Trouvé“, sondern eine „Maison Trouvée“.
Es gibt in Berlin sehr viele Möglichkeiten, Räume zu finden und zu Kunstwerken zu deklarieren. Insoferne ist Anna Talens hier auch genau richtig. Sie hat viele spannende Pläne, wie sie mit dem Material Gold weitere Interaktionen in Berlin inszenieren könnte. Ich freue mich schon sehr auf zukünftige Irritationen.

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Nach der Ausstellung wird das Gold vollständig abgetragen und in einem Behälter gesammelt werden. Sie sei ihr ganzes Leben lang auf Reisen gewesen, erzählt mir die Künstlerin, für sie sei es wichtig, dass ihre Besitztümer und Kunstwerke nur wenig Platz brauchen. Aufbewahren wird sie nur die Überreste des Goldes, das sich mit dem Staub und der Wandfarbe vermischt haben wird. Sie wird es für weitere Ausstellungen verwenden. Die Erinnerung an das Werk ist stark genug, um diesem Artefakt eine eigene Bedeutung zu geben.

Grunsätzlich versteht sich Anna Talens als Bildhauerin. Wenn man genau hinsieht, bemerkt man auch, dass sie einige Raumelemente, wie beispielsweise abgefallene Ziegelsteine, sehr bewusst angeordnet und vergoldet hat.

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Auch auf den Einladungskarten der Ausstellung sind zufällige Goldornamente aufgetragen. Die Künstlerin hat eine Auflage von 700 Drucken zu Einzelstücken verarbeitet. Die BesucherInnen haben sie der Kuratorin förmlich aus der Hand gerissen, die abgebildete Karte war die letzte. Ich habe sie von Anna Talens geschenkt bekommen. Sie hat jetzt einen Ehrenplatz in meinem Schlafzimmer.

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