Kunst als Service

Auf der derzeit höchsten Stufe der Evolutionsleiter Kunst findet man keine handelbaren Objekte mehr.

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Was ist gute Kunst? Wenn man PassantInnen auf der Straße zufällig mit dieser Frage konfrontiert, beziehen sich vier von sieben Personen in ihrer Antwort auf Bilder.

„Van Gogh ist für mich gute Kunst.“

„Wenn ich etwas erkennen kann auf einem Bild, dann finde ich es gut.“

„Mir gefällt´s, wenn ich nicht weiß, was es ist. Ne abgefahrene Karikatur oder so.“

„Meine eigene Malerei ist für mich gute Kunst.“

Zwei Menschen von sieben denken eher in monetären Werten und hängen damit immer noch an der Idee eines Objekts.

„Gute Kunst ist es dann, wenn es teuer ist.“

„Wenn ein Museum etwas kauft, dann sollte es schon gut sein, die müssen sich ja dafür rechtfertigen, wofür sie Steuergelder ausgeben.“

Eine Person von sieben hat jedoch eine völlig andere Beziehung zu guter Kunst.

„Ich möchte einen anderen Blickwinkel auf  meinen Alltag durch gute Kunst bekommen. Das kann eine Architektur sein, ein Film, eine Performance, ich möchte dadurch inspiriert werden.“

Schon seit Jahren begleitet mich der Gedanke, bildende Kunst neu zu definieren. Analog zur Entwicklung der Gesellschaft weg vom materiellen Besitz hin zum ideellen Wert. Joseph Beuys hat mit seiner Aussage „Jeder Mensch ist ein Künstler“ den wichtigsten Denkbaustein dafür geliefert. Doch die Umsetzung seiner Ideen findet man bisher selten. Nach wie vor ist die Kunstlandschaft vom handelbaren Objekt beherrscht – Kunst als Ware ist zu stark im Bewusstsein der Bevölkerung verankert.
Einige Projekte der Net.Art der Neunziger Jahre des letzten Jahrtausends haben hier schon sehr früh erste Ansätze gezeigt, eigene Perspektiven auf Kunst einzunehmen. Skint – The Internet Beggar von Heath Bunting ist ein schönes Beispiel dafür. Immer mehr Künstlerinnen und Künstler gehen heutzutage davon ab, Objekte herzustellen, sondern wenden sich immateriellen Projekten zu, die im traditionellen Kunstmarkt nicht mehr handelbar sind.

In den 2000ern entwickelte ich frühe Konzepte, wie man diese Kunst als Service nicht nur als festen Bestandteil der bildenden Kunst definieren kann, sondern auch Geldflüsse dafür ermöglicht, um solche Werke überhaupt entstehen lassen zu können und dachte über Archivstrukturen dafür nach. Ich habe damals den Begriff „Online Art“ dafür benutzt und mich auf virtuelle Werke bezogen, die im Netz zu finden waren. Mir fehlte es jedoch an einer nennenswerten Anzahl an überzeugenden Projekten, um die kritische Masse zu erreichen, die notwendig ist, um im Bewusstsein der Kunstwelt stabil Akzeptanz dafür zu finden.
Das intuitive Verständnis für vernetztes künstlerisches Denken war noch nicht entwickelt genug. Erst die Durchsetzung von unserem Denkapparat mit Onlinestrukturen ermöglichte den Durchbruch von Kunstprojekten, die sich als Service verstehen. Sogar Bazon Brock, der sein Selbstmarketing nicht zuletzt darauf begründet, dass er mit Joseph Beuys gemeinsam Happenings veranstaltet hat, beschimpfte mich, ich wolle Kunst marginalisieren, als ich Online Art als feste Größe in der Kunstgeschichte des 21. Jahrhunderts festschreiben wollte. Er setzte Online Art mit Webdesign gleich und verglich wütend die Situation damit, dass sich heute „jeder Friseur und jeder Bäcker Künstler nennen würde – backen sei aber keine Kunst!“ Langsam öffnet sich dieser Knoten des Unverständnis aber. Berlin ist ein guter Ort, um Veränderungen zu beobachten. Die sensible Künstlercrowd greift neue Entwicklungen intuitiv auf und lässt unerwartete Momente zu. Während beim Gallery Weekend Berlin JägerInnen, die missverständlich als „SammlerInnen“ bezeichnet werden, in Limousinen von Ort zu Ort pirschen, um prestigeträchtige Trophäen zu erlegen, finden in unmittelbarer Nachbarschaft neue Kunstformen Beachtung, die sich dieser Art des Kunstmarketing bewusst entziehen. Bei ihnen steht die Gestaltung der Gesellschaft als künstlerisches Handeln im Vordergrund.

Ich werden Ihnen Projekte, die für mich  beispielhaft sind für die Idee von „Kunst als Service“, in unregelmäßigen Abständen in dieser Kategorie vorstellen. Darunter werden bildende KünstlerInnen vertreten sein, ArchitektInnen, SchauspielerInnen, SchriftstellerInnen, DesignerInnen und PerformerInnen, ebenso wie kreative Köpfe aus eigentlich gestaltungsfernen Disziplinen.

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