Eine kleine Aufgabenliste fürs Bloggen

Einfach mal so nebenbei? Wer hat Ihnen denn das erzählt?

Geschätzte Lesezeit: 8 Minuten

Es ist doch wahr! Da denken Sie sich als ArbeitgeberIn, ein Blog ist gut für die Aufmerksamkeit für Ihr Unternehmen im Netz und Sie tragen der PraktikantIn auf schreiben Sie doch mal was, Sie haben eine so schöne Ausdrucksweise! Sie glauben, ein Artikel sei in fünfzehn Minuten fertig, würde gaanz viele Zugriffe über Suchmaschinen bringen und wie nichts in sozialen Medien viral werden.

Ganz ehrlich? Ich habe mir das auch ein bisschen so vorgestellt früher. Blog aufsetzen, losschreiben, das geht schon. Und jetzt? Jeder Artikel bringt eine To-do Liste mit sich, die länger ist als der Einkaufszettel einer siebenköpfigen Familie am Samstagnachmittag. Mit Hund!

Wie? Wieso? Was ist denn da groß zu tun? Sie haben doch WordPress, damit können Sie gleich online im Browser ihre Gedanken festhalten? Wie lang brauchen Sie für einen Artikel denn? Zwei Stunden?

Jaja, das denken SIE. Artikel schreiben ist komplexe, zeitaufwändige Arbeit, Sie sehen sie nur nicht. Ich erzähle Ihnen jetzt mal, was das eigentlich heißt.

Redaktion

Es fängt damit an, dass Sie ein Thema brauchen. Worüber möchten Sie schreiben? Macht das Gespräch darüber Sinn? Passt es zur Content-Autorität des Blogs? Wie soll der Tonfall sein? Bringt das Umfeld Traffic? Interessiert es Ihre LeserInnen? Ist die Idee nützlich? Einen Artikel zu planen ist Kopfarbeit. Einfach mal so, aus dem Bauch heraus schreiben – wozu? Wer soll denn ziellosen Unsinn lesen? Wie können Sie neue Zielgruppen mit Artikeln erschließen?

Recherche

Einzigartiger Content erstellt sich nicht von selbst. Sie brauchen Material. Welche Inhalte passen zum Thema? Woher bekommen Sie aktuelle Informationen? Sie müssen sammeln. Bildmaterial, Texte, Zitate, Zusammenhänge, Links, Quellen, Onlineressourcen. Sie erstellen eine Ideen-Liste und kuratieren eine erste Index-Übersicht.

Suchmaschinen-Plan

Google wird befragt: Gibt es Suchanfragen zu diesem Thema, welche Keywords können helfen? Wie groß ist die Konkurrenz im Aufmerksamkeitsspektrum, gibt es Unternehmen, die für das Thema werben? Sie testen relevante long-tail Kombinationen, überlegen einen sattelfesten Permalink, vergleichen sich mit der Konkurrenz und denken über die SEO-optimierte Headline nach.

Überschriften

Natürlich, die SEO-Keywords für die Headline haben Sie schon, daraus muss jetzt ein guter Eyecatcher für Ihre LeserInnen gemacht werden. Er wird später noch viele andere Zwecke haben. Dazu kommt die Sub-Headline, die emotionale oder ergänzend erläuternde Inhalte transportieren soll. Da sollten Sie schon ein bisschen Zeit investieren.

Texten

Endlich sind Sie soweit, den Text zu erstellen. Sie quetschen sich Sätze und Strukturen aus den Synapsen. Sie kämpfen sich durch 1000 Formatierungsmöglichkeiten: Absatz-Überschriften, Unterüberschriften, Listen, Tabellen, Links. Sie schreiben den Text flüssig, er soll gut lesbar sein. Huckel und Holpersteine werden eliminiert, Zitate werden gekürzt, Absätze geformt. Eventuell machen Sie eine Konkurrenzanalyse, um zu sehen, wie viel Zunder Sie geben müssen für echten Mehrwert. Dann natürlich die Rechtschreibprüfung. Zweimaliges Korrekturlesen ist kein Fehler. Feilen, an Google denken, putzen, noch einmal Korrektur lesen.

Medien

Der Text ist fertig. Sollen Bilder, Videos, Slides mit eingebaut werden? Sie haben selbst fotografiert und 300 Schüsse zur Auswahl, davon brauchen Sie zwei. Sie suchen aus, treffen eine endgültige Auswahl. Das Bild ist zu bearbeiten: Guter Ausschnitt, Farben, Kontraste. Verkleinern, fürs Web speichern, mit exakt der Kompression, die gerade noch nicht kippt ins Artefakte-Meer. Bilder hochladen, SEO-Titel dafür vergeben, Beschreibungen optimieren. Wo soll das Bild gezeigt werden? Wie groß soll es im Artikel stehen? Lassen Sie es von Text umfließen oder wird es das Artikelbild? Sie copypasten iFrames von Youtube oder Vimeo, Sie veröffentlichen Ihre Slides im Text, sie prüfen alle Funktionalitäten – auch für das Smartphone. Alles sieht gut aus.

Quellenangaben

Haben Sie aus Publikationen zitiert? Nutzen Sie Bilder mit halboffenen Lizenzen? Vergessen Sie nur nicht, die entsprechenden Quellen anzugeben – Sie wissen ja, was andernfalls passieren kann … Neeein, ich spreche nicht davon, dass Ihnen jemand Ihre Dissertation aberkennt! Ich erinnere an Abmahnungen durch AutorInnen, die sich nicht beachtet fühlen …

Interne Verlinkung

Die Links, die Sie intern auf Ihrer eigenen Seite setzen, stärken Ihre Inhalte und können nützlich sein für Ihre UserInnen. Fügen Sie ein Inhaltsverzeichnis mit Ankern zu den Überschriften im Text hinzu, bauen Sie eventuell ein Glossar ein und stellen Sie im Text interne Verlinkungen zu anderen Artikeln über Keywords her. Denken Sie an sinnvolle Ankertexte!

Call to Action

Gibt es etwas, das Ihre UserInnen tun sollen, wenn sie den Artikel konsumieren? Sich in einen Newsletter eintragen, einen Kommentar hinterlassen, Ihnen eine Nachricht schicken, ein Produkt bestellen? Vielleicht einen Tweet von einem Zitat verschicken? Denken Sie daran, daran auch zu erinnern. Gestalten Sie Ihre Aktions-Aufforderungen eindeutig, kreativ und denken Sie empathisch an die Vorlieben Ihrer UserInnen.

Geschafft – oder?

Jetzt können Sie ihn veröffentlichen, den Artikel, denken Sie und er ist sofort online, nicht? Jaja, das wäre schön, aber halt! Es ist noch ein ganzer Schwung an zusätzlichen Aufgaben zu erledigen, bevor der Artikel online geht. Na was denn noch? Haben Sie eine Ahnung!

Meta-Informationen

Metas, die kennen Sie aber schon, nicht? Seitentitel, Open Graph Informationen, Textarchivierung? Ja, natürlich kennen Sie die. Da sind einmal die Tags, die automatisch ins Inhaltsverzeichnis übernommen werden. Welche Begriffe gibt es schon im Archiv, braucht man wirklich neue? Dann die Kategorien für die Informationsarchitektur. Immerhin finden Ihre UserInnen die Artikel im Menü über gut sortierte Kategorien wieder. Eine oder mehrere Kategorien für den Artikel? Brauchen Sie vielleicht neue?
Die SEO-Aufbereitung für die Snippets in Google will individuell angefertigt werden: Vorschautitel und -texte wollen geschrieben und getestet werden.
Social Media Metas sind zu bedenken: Wie soll die Artikelvorschau in Facebook aussehen? Ach verdammt, dafür brauchen Sie ja ein eigenes Vorschaubild für den Facebook Newsfeed. Welches Bild ist effektiv? Was wird gerne angeklickt, was hat das Potenzial, viral zu werden? Viral? Naja. Welche Bilder werden von Ihrer Zielgruppe möglicherweise gerne angeklickt und/oder geteilt werden? Erneut öffnen Sie Ihr Bildbearbeitungsprogramm, um das beste Foto in den passenden Facebook-Dimensionen zurechtzuschneiden und in ihre Meta-Formularfelder hochzuladen.

Weiterlesen-Empfehlungen

Was passt zu diesem Inhalt? Sie wollen doch nicht, dass Ihre LeserInnen am Ende des Artikels gleich wieder weggehen? Welche Empfehlungen interessieren Ihre LeserInnen? Suchen Sie sorgfältig aus, hier geht es um Aufmerksamkeit für ihre anderen mühsam erstellten Artikel!

Teaser

Natürlich brauchen Sie einen Teaser für Ihre Startseite. Lassen Sie sich etwas Schönes einfallen. Texten Sie einen spannenden Aufhänger. Nicht vergessen!

Tracker

Ächz. Jetzt ist es aber geschafft. Einfach nur noch auf „Veröffentlichen“ klicken! Doch halt! Da fehlt noch etwas! Die Zählmarke von VG Wort. Ach ja, Sie brauchen wieder neue. Mal schnell im TOM System einloggen, neue Marken generieren und ins CMS importieren. Dem Artikel eine Marke zuweisen, damit nur ja kein einziger Klick versäumt wird, es geht um Portokasse, aber dennoch – Sie wollen keinen einzigen Zugriff verlieren.

Service und Werbung

Für mich als Content-Bloggerin ohne Werbung ist an dieser Stelle die erste onpage-Arbeit getan. Sie können aber gerne noch Seitenwidgets thematisch an den Artikel anpassen und passende Infoblöcke platzieren. Für werbefinanzierte BlogtexterInnen geht es sogar noch ein Stückchen weiter. Affiliate-Links, Werbeschaltungen und/oder externe Ad-Systeme sind in den Fließtext einzubauen.

ENDLICH! VERÖFFENTLICHEN!

Der Artikel ist online. Jede/r kann ihn lesen.

Wer liest ihn?

Social Media Management

Der Artikel muss verteilt werden. Auf Facebook, auf Twitter, Bilder können über Pinterest oder Flickr beworben werden. Beteiligte werden getaggt, Freunde damit genervt. Die sorgfältig gestaltete Vorschau flattert über Ihre sozialen Kanäle. Interessiert sich jemand dafür? Wird der Inhalt geliked, kommentiert, geteilt?

Blogger Relations

Per E-Mail werden Interessierte aufmerksam gemacht. Verlinkt den Artikel, Blogger! Nimm den Artikel in Deine Medien-Übersicht auf, Pressereferentin! Sonst war doch die ganze Arbeit umsonst.

Linkbuilding

Wo können Sie den Artikel eigenhändig verlinken? Gibt es Partnerseiten, können Sie ihn in Kommentaren platzieren? Welche sozialen Umfelder eignen sich für die Verteilung der URL?

Kommunikation

Sie werden retweetet, Fragen kommen auf, auf Facebook entsteht ein Shitstorm? Unter dem Artikel sammeln sich Kommentare interessierter UserInnen? Bedienen Sie dieses Feedback. Niemand kommentiert? Leisten Sie bessere Arbeit! Spam findet seinen Weg, trotz gut geformter Filter? Löschen. Schnell. Jeder Spamlink schwächt Ihren Blog. Antworten Sie auf seriöse Kommentare, bedanken Sie sich für die Aufmerksamkeit. Kritik wird in Lob verwandelt. Ihr Publikum wird es Ihnen danken.

Post-publish SEO

Google? Nimmst du den Artikel in den Index? Und wenn ja, wie hoch? Über mehrere Wochen wird der Artikel beobachtet, gestriegelt und optimiert, besonders behandelt und frisiert, bis Google ihn endlich auf die erste Seite der angepeilten Suchergebnisse lässt. In Folge wird er immer wieder überarbeitet, die Titel angepasst, das Datum neu eingestellt, damit der Artikel nicht wieder abfällt.

Boa, ist das aber viel Arbeit! Hat sie sich für Sie gelohnt?

Statistische Auswertung

Jeder Artikel hat einen Platz in Ihrer Sitemap. Wird er gerne gelesen? Ist er nützlich? Bringt er Ihnen positives Image? Tun Ihre UserInnen, was Sie von ihnen erhoffen? Wie hoch ist die Absprungrate? Wie kann man die Aufmerksamkeits-Spanne verbessern? Stärkt der Artikel die Autorität Ihrer Seite? Wie können Sie ihn verbessern? Verbessern Sie ihn!

Sitemap-Leichen löschen

Der Artikel bringt keinen Mehrwert. Sie haben so viel investiert – und jetzt müssen Sie ihn von der Seite nehmen. Ist es Ihr Blog? Na gut, dann ist das einfach, sie müssen nur sich selbst überwinden. Handelt es sich jedoch um die Seite einer Institution, die für die Erstellung des Artikels Gehälter und Honorare investiert hat, müssen Sie diskutieren, und darum kämpfen, dass der Artikel gelöscht werden darf.

Und jetzt sagen Sie jetzt noch einmal zu Ihrer PraktikantIn:
„Machen Sie den Unternehmensblog! Das schaffen Sie doch so nebenbei!“

5 Gedanken auf "Eine kleine Aufgabenliste fürs Bloggen"

  1. Sabienes Antworten

    Ich würde das gerne mal ausdrucken, und meinem Mann zum Lesen geben.
    LG
    Sabienes

  2. Peter30 Antworten

    Gibt es eine einfachere Möglichkeit, diese Techniken zu lernen, als sich Wissen durch eigene Experimente und Fundstücke wie diese (danke!) selbst anzueignen? Standardwerk? Handbuch? Dieses eine tolle Forum, wo man als Blogger und SEO-Anfänger unbedingt sein sollte?
    Freche Frage. Könnte Sie ja einfach dafür bezahlen! Aber ich suche nach Wegen, die Geschichten zu erzählen, die ich erzählen möchte, statt den Großteil der Zeit in den Kampf mit der Technik zu stecken.

    • Granaton Antworten

      Lieber Peter,
      um ehrlich zu sein: die große Auswahl an Möglichkeiten macht es mir unmöglich, die eine Empfehlung zu geben, die Antwort auf alle Ihre Fragen geben kann. Es gibt ein paar wunderbare Publikationen, beispielsweise „Think Content“ von Miriam Löffler.
      Ist Ihr Hemmschuh eher die Software (Blog aufsetzen, Funktionen pflegen) oder eher die Aufbereitung der Inhalte für Suchmaschinen?
      Da kann ich Ihnen nur ans Herz legen, sich von SEO Traditionen nicht einschüchtern zu lassen. Google erkennt gute Inhalte mittlerweile anhand der Qualität von Ihrem Content. Schreiben Sie los, Sie lernen durch die Aktivität am allermeisten.

  3. Jan Antworten

    Hi!
    Toller Beitrag, die Realität beim Bloggen sehr humorvoll wiedergegeben!
    Als ich in einem Praktikum Blog Beiträge schreiben sollte, hat sich meine Meinung über die Schwierigkeit auch schnell geändert..

    Wenn dir manche dieser Aufgaben über den Kopf wachsen und zuviel Zeit fressen, kann ich dir mit meinem Service helfen! Ich nehme dir das Layout, die Verlinkung und das SEO ab! Ich schreibe dir gleich eine Email mit den Details, falls du Interesse hast! :)

    Lg Jan
    PS: Danke für den Beitrag, jetzt habe ich eine sehr detaillierte Liste um was ich meinen Service erweitern kann!

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