Avatar und Gravatar

Ich bin keine Göttin, doch das Internet lässt mich eine werden.

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Der Ursprung des Wortes Avatar, „Avatara„, ist im Hinduismus zu Hause. Es repräsentiert eine göttliche Erscheinung auf Erden im Körper eines Menschen oder eines Tieres. Die Götterfamilie im Hinduismus ist unglaublich groß, ich begreife die Vorteile des Monotheismus in missionarischer Hinsicht und lese mich erst einmal nicht in die Verwandtschaftsverhältnisse von Krishna, Vishnu und Agni Purana ein. Frage mich jedoch: Wie kam dieser Begriff in mein WordPress System? Und was hat es mit den kleinen Bildchen auf sich, die üblicherweise bei Kommentaren in Blogs veröffentlicht werden?

Die Vorgeschichte des virtuellen Avatars ist faszinierend und voller kulturwissenschaftlicher Besonderheiten. H.P. Lovecraft erwähnte den Begriff in seinem 1927 verfassten Horror-Roman „Der Fall Charles Dexter Ward„. Als „Avatare“ werden darin die vermuteten Repräsentanten von verstorbenen Hexenmeistern bezeichnet, in deren Tradition Tote zum Leben erweckt werden können. Wahrscheinlich handelte es sich um einen im Englischen längst eingeführten Terminus, der für alle Arten von Verkörperungen aus der Götter- oder auch der Unterwelt benutzt wurde.

Den Durchbruch für die Computerwelt brachten die lieben Achtziger! In den USA wollen Aliens durch Songs Kontakt mit der Welt aufnehmen und werden in einem Roman „Avatare“ genannt. Dies inspiriert einen jungen Science-Fiction begeisterten Ingenieur zur Übertragung dieser Begrifflichkeit in ein Videospiel des Game-Ablegers einer Filmproduktionsfirma. Er knüpft ein neues semiotisches Dreieck und dreißig Jahre später ist jedem digital eingeborenen Kleinkind klar, auch indischen und nepalesischen, was mit diesem Begriff gemeint ist, nämlich das individuelle Bildchen, das als Repräsentation für eine virtuelle Identität verwendet wird.

Wie geht dieses Bildchen denn nun online? In Blogs kann man meistens keine Profilfotos uploaden, dennoch sieht man neben Kommentaren oder in Autorenfeldern individuelle Portraitbilder, Comicrepräsentationen oder Grafiken. Wie geht das? Hier kommt Gravatar ins Spiel. Wikipedia verrät mir, dass Gravatar mit Globally Recognized Avatar zu übersetzen ist. Man kann sein Avatarbild über verschiedene Plattformen, unter anderem gravatar.com (zu WordPress gehörig), mit seiner E-Mail-Adresse verknüpfen lassen. Fortan wird dann automatisch der hinterlegte Avatar angezeigt, wenn man beispielsweise irgendwo ein Kommentar mithilfe der verknüpften E-Mail-Adresse hinterlässt. Dies hat jedoch natürlich die üblichen datenschutzrechtlichen Nachteile, die Plattformen können unerwünschte Werbung an diese kreativ geernteten E-Mail-Adressen schicken und für Insider ist es ein Leichtes, die zu den Avataren gehörenden Adressen auszulesen. Soll man das denn tun?

Mir geht es ja eigentlich nur darum, dass neben den Kommentaren auf Granaton, die von mir verfasst werden, die primär Antworten auf Kommentare von BesucherInnen sind, auch ein Bild erscheint, das mich repräsentiert. Und nicht mehr der berühmte „blasse Typ vor der grauen Wand“ von WordPress, den man in der Dashboard-Einstellung „Diskussion“ auswählen kann. „Dafür gibt es sicherlich ein Plugin“ kommt mir in den Sinn – und genau so ist es. Ich überfliege die Liste von Angeboten, die mir WordPress anbietet, wenn ich über die Plugin-Suche „Avatar“ eingebe und entscheide mich für „WP User Avatar„. Schnell installiert habe ich nun die Möglichkeit, ein Bild aus meiner Mediathek als Benutzeravatar zu definieren. So einfach war das! Krishna sei Dank! Oder nein, nicht Krishna, der Name des Plugin-Entwicklers ist Bangbay Siboliban. Bangbay hat Wurzeln in Laos, studierte in New York und lebt und arbeitet heute in Los Angeles. Herzlichen Dank, Bangbay!

[Nachtrag, 18.10.2013]

Ich gebe mich geschlagen. Überall, auf allen Blogs, in denen man kommentieren kann, bin ich der „blasse Typ vor grauer Wand“. Oder ein buntes Standardbild. Gerade fiel mir auf, dass ich sogar für den bald anstehenden Workshop, den ich für WordPress UserInnen anbiete, kein individuelles Autorenbild habe, denn der Veranstalter hat WP User Avatar nicht installiert.

Das … macht keinen Spaß. Wenn ich kommentiere, dann will ich auch wiedererkennbar sein. Wozu habe ich ein Logo? Wozu habe ich einen Künstlernamen, der einzigartig ist und der zusammen mit dem Logo wiedererkannt werden soll? Ich kommentiere gerne in passenden Kontexten, denn das hilft einerseits ein kleines bisschen für die Offpage Optimierung seiner eigenen Seite, andererseits – und das ist noch viel wichtiger – lernt man dadurch AutorInnen und AnbieterInnen von Inhalten besser kennen.
Seufz. Gravatar. Na gut. Ich lege ein Profil bei einem Unternehmen in den USA an, das dauert keine 10 Sekunden, lade mein Logo hoch, verknüpfe es mit meiner E-Mail Adresse und eine Viertelstunde später ist neben allen Kommentaren, die ich bisher im deutschsprachigen Raum als Granat On hinterlassen habe, mein Logo zu sehen. Hexerei. Das Internet ist unheimlich. Irgendwie hat das schon etwas … Göttliches an sich, nicht?

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