64. Berlinale | Forum Expanded

Persönliche Eindrücke über Werke von Yael Bartana, Malak Helmy, Amie Siegel, Chris Kennedy, Juliane Henrich und Ahmed Mater

Geschätzte Lesezeit: 18 Minuten

Beitragsbild: Yael Bartana nach dem Screening ihres Films „Inferno“ im Arsenal am 8.2.2014

INFERNO von Yael Bartana

Niederlande, USA 2013, 22 Min

Yael Bartana - Inferno

Der erste Tempel von Jerusalem wird in Sao Paulo rekonstuiert. Bauträger ist die Universal Church of the Kingdom of God, die auf christlichen Glaubensgrundsätzen aufbaut. Während das Vorhaben tatsächlich verwirklicht wird und im Bau begriffen ist, schickt Yael Bartana das Projekt in ihrem Film durch ein Inferno.

Inferno hinterlässt nach einem Screening eine Spur des Unbehagens im Publikum. Ein Film, den kaum eine BesucherIn eindeutig einzuschätzen vermag. Einerseits sieht man wunderschön gestaltete Bilder, die Künstlerin ließ sich von historischen Gemälden inspirieren. Die Farben sind sehr interessant gewählt, an prätentiöser Zeitlupe wird nicht gespart. Auch die Dramaturgie funktioniert gut, ihr Vorbild sei „La Dolce Vita“ von Federico Fellini gewesen, sagte mir Yael Bartana. Doch die Geschichte, die sie in diesem Film aufrollt, ebenso wie die formalen Anleihen an Propagandakunst diktatorischer Regime, können sehr abstoßende Wirkung auf die ZuseherInnen haben.
Erzählt wird die Zerstörung eines Tempels in Sao Paulo. Traditionell jüdisch geschmückte Menschen in Brasilien, gekleidet in weiße Gewänder, feiern extatisch die Ankunft von israelischen Kultgegenständen. Monumentale Skulpturen, die Menora und Bundeslade darstellen, werden von Armeehubschraubern zum neu errichteten Tempel von Jerusalem in Sao Paulo geflogen. Eine zeremonielle Feier findet zu dessen Einweihung statt. Anstelle eines Rabbiners oder Priesters, der sich mit Worten an seine Gemeinde wendet, zelebriert eine Gruppe aus Tänzern einen schamanisch anmutenden Kult. Die Schar der Gläubigen ist vielfältig, Männer feiern gemeinsam mit Frauen, Erwachsene mit Kindern, die Ethnien sind bunt gemischt. Während der Feier bricht Feuer und Chaos aus, die Ursache ist nicht erkennbar. Die Erde tut sich auf, Menschen stürzen in einen tiefen Spalt, Panik und Verzweiflung packen die Gemeinde. Der dämonische Hohepriester, ein schwarzer Brasilianer mit übernatürlich leuchtenden Augen, scheint das Inferno wenngleich nicht verursacht, doch zumindest feierlich herbeigesehnt zu haben. Tod und Verderben greifen um sich, der Tempel stürzt ein, ein Feld von leblosen Menschenkörpern bleibt zurück, denen man nicht genau ansehen kann, woran sie eigentlich gestorben sind.
Schließlich gibt es einen Zeitsprung. An der Unglücksstelle steht nun ein Mahnmal. Es gleicht der Klagemauer in Jerusalem. Traditionell jüdisch gekleidete Männer stecken Gebete in die Mauerritzen, japanische Touristen fotografieren. Ein Esel, der als messianisches Symbol von der Künstlerin integriert wurde, mischt sich mit der Menschenmenge.

Yael Bartana - Inferno

Woran sind diese feiernden Gläubigen gestorben? An einer Rauchgasvergiftung durch offenes Feuer? Die Todesursache, ebenso wie der Anlass für das Inferno bleiben unklar.

Dieser Film ist – insbesondere für einen Kunstfilm – überzeugend aufwändig. Er hat hohen Production Value, so der professionelle Terminus. Dennoch kam mir „Inferno“ wie eine Sammlung von Klischees von Klischees vor. Das scheint auch so intendiert gewesen zu sein, Yael Bartana spricht von kollektivem Bewusstsein, über das sie erzählen möchte. Ich glaubte Filmzitate aus Blockbustern erkannt zu haben, die aus Alexander, The Time Machine, Matrix Revolutions, Independence Day, Black Hawk Down, Thor und anderen bekannten Monumentalfilmen stammen. Im Kern wollte der Film, so vermute ich, die immerwährende, spiralförmige Wiederholung in der Tragödie erzählen. Aber brauchte man dafür wirklich diese satte Orgie an Symbolen, die in mir ein ähnliches Gefühl von Abscheu erzeugen, wie ich es von Fünfziger Jahre Filmen aus Hollywood kenne? Superhelden, Weltuntergang, Menschenopfer … Dafür, dass das Werk nur 20 Minuten lang war, war darin so viel Mythos angehäuft, dass ein übles Übersättigungsgefühl in mir zurückblieb. Danach gefragt, welche Rolle so manche Ikone gespielt habe, findet die Künstlerin oft keine überzeugende Antwort.
Aufgrund des Titels, „Inferno“, war ich auf Dante konditioniert gewesen, doch Referenzen an die Göttlichen Komödie vermisste ich. War dieser Film bis ins Mark ironisch gemeint? Er sei eine Fantasie, es ginge ihr um die Ästhetik von „destruction and violence“ erzählt Yael Bartana. Es schien ihr bitterer Ernst zu sein. Wollte sie gegen die Vereinnahmung von jüdischen Symbolen protestieren?
Einige Male fiel in der Diskussion der Name „Leni Riefenstahl“, Holocaustverherrlichung wurde vermutet, Yael Bartana selbst erzählte, dass ihr schon Antisemitismus vorgeworfen worden sei. Eine Zuseherin war sehr wütend über die Feier der Zerstörung in diesem Film. Sie wurde in ihrem emotionalen Ausbruch jedoch gebremst durch die einigermaßen absurde Frage, ob sie selbst jüdisch sei. In Deutschland eine vernünftige Diskussion zu führen, sobald sich die Debatte um Antisemitismus dreht, ist schlichtweg ein Ding der Unmöglichkeit. „German nonjewish people have a very different way dealing with that“ warf die Moderatorin ein, woraufhin sie gleich zurechtgewiesen wurde, diese homogene Gruppe der „German Nonjews“ gebe es so nicht. Die Künstlerin wollte daraufhin gerne mehr über die kollektive Identität der Deutschen in Bezug auf den Holocaust wissen, doch das Thema war vom Tisch. Wenn man nicht Zeugin abgrundtiefer Absurdität werden möchte, in deren Verlauf die ProtagonistInnen im Sekundentakt ihre Haltung anpassen, sollte man diese Debatte besser vermeiden. Ich vermutete weniger die Mythisierung des Holocaust oder Antizionismus hinter der Geschichte, in mir blieb aber ein ungemütliches Geschmäckle von subtil dargestelltem Rassismus zurück. Warum wird die ethnisch durchmischte brasilianische Glaubensgemeinschaft vernichtet? Ich habe mir eine diesbezügliche Frage lieber verkniffen.
Einige Vermutungen des Publikums gingen in die Richtung „Marketingstrategie“. Ist das ein spekulatives Werk, um im Kunstmarkt Erfolge zu erzielen? Ist Yael Bartana als Künstlerin hoffnungslos überbewertet? Oder ist das Werk ein Geniestreich? Die Kuratorin des Jerusalem Film Festivals saß im Publikum und war jedenfalls begeistert. Sie hat Yael Bartana noch im Saal öffentlich zum Premierenscreening in Israel eingeladen. Interessant waren die Gäste, die sich zur Premiere von diesem Film im Saal versammelt hatten. Bjørn Melhus, Candice Breitz und zahlreiche andere klangvolle Namen, die man aus der Film- und Videokunstwelt kennt, teilten sich eine Sitzreihe. Auch sie arbeiten seit vielen Jahren mit Filmzitaten. Ist das eigentlich ein eigenes Genre? Zitatkunst? Movie Quote Art als Abstraktion eines kollektiven Bewusstseins, das durch Bewegtbild erzeugt wird?

Music for Drifting von Malak Helmy

St. Agnes, Alexandrinenstraße 118-121, 10969 Berlin
Täglich, 6.2. bis 17.2., 11:00 – 19:00 (Eintritt frei)
Meet the Artists
So., 16.2., 17:00

In der kulturell genutzten Gemeindekirche St. Agnes, einem schlichten minimalistischen Sechzigerjahrebau in einer unspektakulären Gegend von Kreuzberg, wird während der Berlinale die Gruppenausstellung What do we know when we know where something is? gezeigt. Eine Installation davon ging mir sprichwörtlich unter die Haut. Die Turmspitze der Kirche wurde von Malak Helmy mit der Tonaufnahme einer Brieftaube im Flug erfüllt. Der charismatische Ort vibriert von eigenartigen Basstönen, die vielleicht auch Regentropfen sein könnten oder Industriegeräusche, man kann den Klang nicht sicher zuordnen, wenn man nicht weiß, worum es sich dabei handelt. Die Künstlerin hat für den Flug der Taube fünf Orte in Ägypten ausgewählt, die kulturell oder historisch bedeutend sind. Lesen Sie einen Text dazu auf der Website des Forum Expanded. Und schauen Sie sich mein kurzes Video aus dem Turm an. Natürlich kann es nicht das körperliche Gefühl vermitteln, das man hat, sobald man auf dieser Plattform steht und von Klang durchgeschallt wird. Aber für einen ersten Eindruck sollte es ausreichen. Steigen Sie da hoch! Nehmen Sie sich die Zeit. Eine einmalige Erfahrung!

 

Provenance | Lot 248 von Amie Siegel

Provenance, USA 2013, 41 Min
Lot 248, USA 2013, 6 Min

Amie Siegel mit Anselm Franke

Amie Siegel im Gespräch mit Kurator Anselm Franke

Auch wenn man die Hintergründe des dokumentarisch-filmischen Kunstwerks  „Provenance“ noch nicht genau kennt, versteht man durch den dramaturgischen Faden intuitiv, wovon diese Arbeit von Amie Siegel handelt, sobald man vom Fluss der Bilder gefangen ist. Wir befinden uns zu Beginn des Films in der Welt einer designaffinen westlichen Elite. Reduziert gehaltene Wohnsituationen werden gezeigt, exquisite Möbelstücke sind in ein Umfeld alltäglicher Freude an harmonischer Form integriert, das nicht selten vom Stil des Bauhaus inspiriert ist. Ein offener Kamin einer Villa, davor ein Sofa. Ein Antiquariat in Paris, darin eine Leseecke. Eine französische Maisonettewohnung, vor dem Treppenaufgang ein Sesselchen. In der Küche eines Architektenhauses ein auffälliger Stuhl. Die Hauptdarsteller der Geschichte sind Sitzmöbel. Sie alle haben die gleichen charismatischen Beinchen. Sie erinnern mich in ihrer gespreizten, spitz zulaufenden Form spontan an den Zirkel im Staatswappen der DDR, haben auch ein lustig-verspieltes Element, sie wirken sehr fröhlich. Fast ein wenig wie Comicfiguren. Hat man den Stil erst einmal nach ein, zwei Abbildungen intuitiv verstanden, so vergisst man ihn nicht mehr und erkennt ihn in jeder weiteren Szene sofort wieder. Die Abnutzungserscheinungen im Holz lassen auf Vintage aus der Mitte des 20. Jahrhunderts schließen. Dem Publikum wird klar: Hier handelt es sich um begehrte Designermöbel, die nicht nur hübsch und fröhlich wirken, sondern auch eine Atmosphäre von Erhabenheit und Insiderwissen transportieren. Die nächsten Einstellungen bestätigen diesen Eindruck. Eine Fotografin lichtet Möbelstücke sorgfältig vor weißem Hintergrund ab, jedes Stück wird bestmöglich inszeniert. Die Bilder dienen als Katalogmaterial für prominente Auktionen, bei denen Sitzgruppen der Serie um Rekordpreise bis zu 60 000,- Euro verkauft werden. Alle Möbel tragen eine Ziffer, sie scheint wichtig zu sein. Ist sie eine Art Signatur des Designers?
Ich kenne diese Serie nicht. Bin nun auch keine Expertin für Design des 20. Jahrhunderts. Ich erkenne einen Mies van der Rohe Sessel an seiner Neigung auf den ersten Blick, der Eamon Chair ist gemütlich, ich habe ihn schon ausprobiert. In meinem eigenen Wohnzimmer stehen Stühlchen von Philipp Starck und die Lampe neben meinem Bett stammt von einem Vintage-Designhändler aus Paris, ich habe sie mit meinen eigenen Händen im Zug nach Berlin transportiert. Doch an Insiderwissen über Designkataloge und Auktionspreise fehlt es mir. Insofern akzeptiere ich die Bedeutung dieser Serie im Film unhinterfragt. Ihre Schönheit und Formsicherheit ist offensichtlich. Dass sie sehr begehrt ist, beweisen die Auktionsresultate. Sie kommt wahrscheinlich von einem Designer, der aus direkter Linie aus dem Bauhaus hervorgeht. Alles in Ordnung, suggeriert mir meine Perspektive. Worauf will die Künstlerin also hinaus?

Der Film macht mit seinem Publikum eine Reise. Auf Containerschiffen sehen wir stapelweise Stühle dieser Art, sie werden über das Meer verschickt. Es scheint noch sehr viele davon zu geben. Der Transport lässt auf sehr weit entfernt gelegene Ursprünge schließen. Doch woher stammen sie?

Provenance - Amie Siegel
Plötzlich ein rapider Wechsel. Wir befinden uns nicht mehr in der westlichen Zivilisation. Wir sind nun im Urwald. Äffchen springen munter an Sichtbetonwänden hoch. Zwischen Gummisträuchern und Mammutbäumen sehen wir eine halbverfallene Wohnanlage. Sie scheint verlassen zu sein. Hin und wieder entdeckt man Spuren von menschlicher Anwesenheit. Wo sind wir hier? Die Architektur mit ihren typischen Fünfziger Jahre Designhinweisen scheint der Nachkriegsmoderne zuzugehören, doch das ist nicht Europa.
Bild für Bild lernen wir nun, dass wir uns in Indien befinden. Eine ganze Stadt aus Beton ist in diesem Stil errichtet worden. Überall entdeckt man unsere nun vertrauten Designgegenstände. Wir sehen ein kleines Import/Export Büro, das mit Bergen von Elektroschrott handelt. Ein Unternehmer telefoniert auf einem dieser charismatischen Sesselchen sitzend. In einem Callcenter, in dem die MitarbeiterInnen auf billigen Computerdrehstühlen aus China arbeiten, die als so wertvoll erachtet werden, dass einige davon trotz Benutzung in ihrer Plastikverpackung eingeschlagen sind, steht in der Ecke ein ungeliebter alter Besucherstuhl mit den typischen Beinchen. Wissen die Leute in diesem Unternehmen gar nicht, dass sie durch den Verkauf dieses einen Möbels nach Europa ein ganzes Callcenter in Indien neu einrichten könnten? Offenbar nicht – die Objekte sind unbeachteter, selbstverständlicher Alltag. Eine öffentliche Bibliothek, in der die Sichtwände ebenso schmuddelig wirken, wie die Regale zerkratzt und abgenutzt sind, ist komplett eingerichtet im gleichen Stil. Auf einem Betondeck eines Wohnblocks, nur durch ein offenes Flugdach notdürftig vor Regen geschützt, liegt ein ganzer Schrottberg der Sessel. Barbarei! Wie wenig wird doch hier geschätzt, was Europäer als wertvoll erachten! Überall erkennt man die begehrten Ziffern, die den Stücken in den westlichen Auktionen ihre Authentizität garantieren. Schließlich wird klar, wer hinter dieser Situation stecken könnte: In einem Betongang hängt ein Portrait von Le Corbusier. Und auch das Parlament, Gerichtssäle und Polizeistationen sind im gleichen Design möbliert.

In der anschließenden Diskussion erzählt die Künstlerin von der Hintergrundgeschichte. Als Britisch-Indien von seinen Kolonialherren unabhängig wurde, teilte sich das Land in Indien und Pakistan. Die Provinz Punjab wurde in blutigen Kämpfen auseinandergerissen. Lahore ging an Pakistan. Im indischen Teil brauchte man eine neue Hauptstadt. Le Corbusier wurde als Architekt für die Errichtung dieser Planstadt beauftragt, er ließ in den Fünfziger Jahren aus dem kleinen Dörfchen Chandigarh eine Millionenstadt entstehen. Das Design der Möbel, mit denen seriell Innenarchitekturen gestaltet wurden, stammt von ihm und seinem Partner Pierre Jeanneret. Nach der Jahrtausendwende entdeckten clevere Händler diesen Möbelschatz und brachten ganze Container der vielfach bereits verschrotteten Stücke nach Europa. Wie dieser Stein ins Rollen kam, ist mir nicht ganz klar. Ob die Künstlerin selbst die Initiatorin war, oder ob sie den Prozess nur dokumentierend begleitet hat, bleibt ungewiss. Die Möbel wurden restauriert und als Sammlerstücke in Umlauf gebracht. Mittlerweile ist die Ausfuhr aus Indien verboten, dennoch werden immer noch große Ladungen verschifft. Amie Siegel erzählt den Prozess rückwärts, sie lässt ihre Geschichte in den elitären Villen der wohlhabenden SammlerInnen beginnen und führt uns zurück zum Ursprung. Wenn ich mir nun die Bilder aus dem Film erneut ansehe (Sie finden weitere Stills, wenn Sie nach Filmtitel und Künstlerinnamen online suchen), dann habe ich plötzlich ein ganz anderes emotionales Verhältnis zu diesen Stücken. Nach wie vor finde ich sie sehr schön. Lustig, elegant, interessant. Doch ich spüre nun auch einen Ruch an ihnen, wittere eine Art „Schmauchspur einer Jagd“, so ähnlich wie ich sie bei Elefantenzähnen oberhalb von Managerschreibtischen oder Tigerfellen an Wohnzimmerwänden merke. Schweizerisch/französisches Kulturgut, das in Indien gelebt wurde und nun Teil der Geschichte einer Stadt ist, wurde sinnbildlich von Trophäenjägern entführt und im kulturellen Ursprungsland teuer zu Markte getragen. Wobei es ja auch wieder schön ist, wenn hohe Qualität aus dem Schrottstatus befreit und neu entdeckt wird. Insofern ist die Frage, wie ich mich zu diesen Objekten verhalten soll, für mich sehr ambivalent. Sicherlich trägt die ungewöhnliche Herkunft dieser Möbel nicht unwesentlich zu ihren Rekordpreisen bei. Sie haben eine einzigartige Geschichte, die im symbolischen Wert mit inbegriffen ist. So wird die Entwicklung der Objekte eine Parallele zur Evolution der zeitgenössischen Kunst, die inhaltlich durch Motivation von zahlreichen westlichen Ausstellungsplattformen immer stärker in die Richtung eines informellen Neukolonialismus gelenkt wird. Mich überfällt beispielsweise jedes Mal Unbehagen, wenn ich einen weißen, europäisch sozialisierten Künstler dabei beobachte, wie er Inhalte vermittelt und verteidigt, die im Herzen von Afrika verortet sind. Es fühlt sich für mich an, als wolle man zwar nicht Raubbau an den Rohstoffen und den Bodenschätzen des schwarzen Kontinents betreiben, dafür aber an ihren Geschichten, die von weißen Eroberern für das Amusement der westlichen Kulturkonsumenten ausgebeutet werden.

Amie Siegel fütterte den Sammlermarkt erneut mit diesen Objekten, indem sie eine Lizenz von ihren Film Provenance dem Auktionshaus Christies zur Versteigerung anbot. Diese Situation filmte sie, woraus der neue Film LOT 248 entstand – eine Referenz auf die Kennziffern der Möbel. Ihr Werk wurde ersteigert – um einen seriösen fünfstelligen Betrag. Er ist vergleichbar mit dem emotionalen Preisempfinden für eine Sitzgruppe. Natürlich ist es ganz interessant, diese Analogie zu beobachten, sie erzählt doch sehr viel über das Verhalten von Sammlern, das im Endeffekt einem sehr menschlichen Bedürfnis entspringt – dem nach einer eigenen Identität. Dennoch wäre dieser Schritt für mich nicht mehr zwingend notwendig gewesen, um das Anliegen der Künstlerin zu erkennen. Interessiert mich doch die Schere zwischen Begehren und Vernachlässigung, Wert und Schrott, Indien und Europa viel mehr als nur der kleine, elitäre Zirkel rund um den Kunst- und Auktionsmarkt. Ich gebe es zu, ich reihe mich ein in die BefürworterInnen der künstlerischen Ausbeutung anderer Kontinente. Letztendlich habe ich ja den Joker „Völkerverständigung“ in der Hand. Toleranz kommt schließlich nicht von Ignoranz. Ich fühlte mich nach dem Film Provenance sehr bereichert. Meine Sammelleidenschaft gilt nicht so sehr Objekten, ich sammle lieber neue Erfahrungen und erweitertes Wissen. Wo könnte man das besser, als im Forum Expanded der Berlinale?

Brimstone Line von Chris Kennedy

Kanada 2013,10 Min

Chris Kennedy und Uli Ziemons

Chris Kennedy im Gespräch mit Kurator Uli Ziemons

Der Film fängt an. Drei Minuten später grummelt eine Frau im Publikum leise: „Geht das jetzt 100 Minuten lang so?“. Hoffentlich (!), denke ich mir, denn das, was ich sehe, ist unheimlich interessant. Ein Bach, irgendwo auf einem nördlichen Breitengrad. Grüne Laubbäume. Wasserrauschen. Die Strömung klingt rhythmisch, fast wie Herzschlag. Allein auf dieses Fließen könnte man schon eine Stunde lang schauen und die Seele baumeln lassen. Aber das Interessante an diesem Werk ist nicht das Umfeld, sondern ein dreiteiliges, selbst gebasteltes Set von Rahmen mit Rastern aus Draht. Ich kenne den Fachbegriff für dieses historische Künstlerwerkzeug leider nicht. Seit der Renaissance haben Maler mit Suchern so die Zentralperspektive für ihre Bilder auf Skizzen übertragen. Obwohl eines dieser Objekte das wichtigste Requisit im Kunstfilm „The Draughtsman´s Contract“ von Peter Greenaway ist, finde ich die korrekte Bezeichnung nirgends im Internet. Ich möchte mich mit der Recherche über dieses Objekt auch nicht länger aufhalten, über kurz oder lang wird mir der Terminus noch begegnen.
In Chris Kennedys Werk dienen diese Rahmen als Raummarkierungen. Immer drei Stück davon stehen in einer Flucht hintereinander. Die Kamera zoomt durch sie hindurch und verlagert ihre Schärfe von einem Raster zum nächsten. Dadurch entsteht ein Gefühl für Tiefe, das einerseits die Dimension des Films thematisiert, andererseits sehr viel über Brennweiten, Raum im Film und Schärfewirkungen erzählt. In mehreren Akten werden die Rahmen neu inszeniert. Ich könnte ewig zusehen. Die letzte Einstellung zeigt den Bach ohne Rahmen. Plötzlich ist alles flach. Das Medium Film ist ein zweidimensionales Stück Celluloid, durch das Licht auf eine zweidimensionale Wand geworfen wird. Der Raum entsteht nur im Kopf. Noch nie habe ich diesen Umstand so stark gespürt, wie in diesem Moment. Zehn kurze Minuten hat der Film gedauert.
Danach gefragt, ob Greenaway eine Inspiration für ihn gewesen sei, räumt Chris Kennedy ein, dass er The Draughtsman´s Contract kennen würde. Seine Initialzündung sei jedoch ein Rahmen auf einer Staffelei im Atelier eines Bildhauers gewesen. Welcher Bildhauer? frage ich ihn. „Irgendjemand – ein unbekannter Künstler aus San Francisco“. Keine Namen. Nun gut.

schleifen von Juliane Henrich

Deutschland 2014, 6 Min

schleifen - Juliane Heinrich

Wie definierst du den Unterschied zwischen Filmen über Kunst und Kunstfilmen?“ wurde ich schon öfters gefragt. Das ist in vielen Fällen gar nicht so einfach zu beantworten, doch bei „schleifen“ fällt es mir sehr leicht. Dieses Video ist ein schönes Beispiel für die Sparte Kunst. Dokumentarfilm oder auch Spielfilm haben einen Anfang und ein Ende. Das Publikum kann ohne jedes Vorwissen die 30, 60 oder 100 Minuten miterleben, die die Geschichte dauert. Es sieht neue Welten, wird unterrichtet in unbekannten Themen, erlebt eine Achterbahn der Gefühle. Dann wird das Buch geschlossen, der Film ist zu Ende. Ob man dem Thema noch länger nachgeht oder nicht, liegt ganz im Ermessen der BetrachterInnen. „schleifen“ ist das genaue Gegenteil. Sechs Minuten lang sieht man … nichts. Na gut, das ist ein wenig übertrieben, man sieht schon etwas, man sieht Straßenzüge. Die Kamera fährt durch ein deutsches Örtchen. Ein völlig unspektakuläres Kaff mit Häusern, Straßenlaternen und ein paar Geschäften. Alles recht menschenleer, zufällig kommt man an Leuten mit Fotoapparat vorbei, vielleicht haben sich versehentlich Touristen dahin verirrt. Schließlich sieht man zwei Männer, die über eine leere Baubrache stapfen. Ende. Eine Freundin, mit der ich das Video gemeinsam angesehen habe, meinte am Ende amüsiert: „So – that was NOTHING“. Ich musste ihr Recht geben. Nun bin ich ja nun doch schon eine ganze Weile Playerin in Kunst und Kultur, deshalb kenne ich die Bedeutung von Nichts recht gut. Üblicherweise wollen KünstlerInnen durch die Darstellung des Nichts auf ein Etwas aufmerksam machen. So wie auch in diesem Fall.
Die Videoaufnahmen sind eine gemischte vorher-nachher Collage. Ein kleines, jahrhundertealtes Dorf wurde zugunsten einer Tagbauanlage versetzt. Es wurde an der alten Stelle vollständig abgetragen und an einer neuen wiederaufgebaut. Dabei wurden die alte Bausubstanz und auch der dicke Dorfbaum vernichtet, lediglich das Interieur wurde umgezogen. Die Aufnahmen zeigen Straßenzüge aus dem alten und dem neuen Dorf. Proteste gegen den Abriss wurden juristisch erstickt, alle Klagen wurden abgewiesen. Wenn man mit diesem Wissen den Film neu anschaut, ist er plötzlich nicht mehr Nichts. Dann fängt man an, Details zu entdecken, die man ohne diese Information niemals gesehen hätte. Die Stimmung schlägt von Desinteresse in Neugier um.
Haben Sie nun eine Ahnung vom Unterschied zwischen Kunst im Film und Filmkunst? Beim narrativen Film versetzen sich die Filmschaffenden in ihr Publikum und erzählen ihnen eine Geschichte. Bei Kunstfilmen ist das Publikum eingeladen, sich in die Gedankenwelten der Kunstschaffenden hineinzudenken.

Leaves Fall in All Seasons von Ahmed Mater

Saudi Arabien 2013, 20 Min

Leaves Fall in All Seasons, Ahmed Mater

Mekka ist uns allen irgendwie ein Begriff. Vermutlich haben wir sofort das Bild der Kaaba vor Augen, umströmt von Zigtausenden Muslimen, die das Heiligtum anbeten. Was uns jedoch meist weniger geläufig ist, ist der Umstand, dass Mekka eine Millionenstadt in Saudi Arabien ist, die stetigem Wandel unterliegt. Sie ist der exclusivste Ort der Muslime, mindestens einmal im Leben sollte man sie als Gläubiger besucht haben. Eine riesige Infrastruktur erstreckt sich rund um das Heiligtum. Ständig werden historische Gebäude abgerissen und neue Architekturen errichtet. Obwohl Nichtmuslime keinen Zugang zur Stadt haben, sind schon längst Mc Donalds und Starbucks präsent, die Stadt wird unermüdlich erneuert. Diese Prozesse bleiben von Westen weitestgehend unbemerkt, die Berichterstattung fehlt. Die einzigen Zeugnisse von Abriss und Aufbau, Streiks und Arbeitsverhältnissen stammen von Bauarbeitern, die sich gegenseitig auf den Baustellen mit ihren Handys filmen. Sie kommen als Gastarbeiter von überall her, aus Syrien, Palästina, dem Iran. Nach getaner Arbeit fahren viele von ihnen wieder nach Hause. Jahrelang hat der saudische Arzt Ahmed Mater dieses Material gesammelt. Er hat es entweder direkt von den Arbeitern via Bluetooth übermittelt bekommen, von deren Familien zugeschickt bekommen oder auf Youtube gefunden. Darunter sind Bilder von beeindruckenden Abrissarbeiten ebenso wie monumentalen Aufbauten. Das obenstehende Videostill beispielsweise zeigt einen Arbeiter, der mit der Spitze eines Hochhauses von einem Kran auf den Bestimmungsort gehievt wird.
Auch Aufstände sind dokumentiert. Arbeiter, die bereits sechs Monate keinen Lohn mehr bekommen haben, ziehen protestierend über eine Baustelle. Es wird in diesen Videos auch viel gelacht, Scherze werden gemacht. Auf den Baustellen entstehen Freundschaften. All diese Videos werden aus persönlichen Gründen geschossen, sie sollen an die Familien geschickt werden, oder an Freunde. Ahmed Mater glaubt aus gutem Grund an den glücklichen Zufall. Er hat schon so viel interessantes Material bekommen, dass es für drei Filme reichen würde. Die Namen der Autoren werden größtenteils nicht genannt – würde bekannt, wer welche Videoclips geleakt hat, könnten die Protagonisten in Schwierigkeiten kommen.
Danach gefragt, ob er den Film in seiner Heimat zeigen kann, antwortete Ahmed Mater, es gäbe keine Kinos in Saudi Arabien. Lediglich geheime mobile Kinoleinwände wären existent, auf denen 10- bis 15-minütige Werke gezeigt werden. Seine Verbindung zum Film ist sehr interessant – er hat während seines Studiums Röntgentechnologie gelernt, kam so zum Bild, studierte die Geschichte der Fotografie und macht heute Kunst. Voll des Lobes ist er für das Internet. Youtube beispielsweise ist seiner Ansicht nach die fairste Kinoplattform der Welt. Für das Forum Expanded wurde er von Kuratorin Stefanie Schulte Strathaus aber nicht online entdeckt, sondern in einem Filmfestival in Beirut.

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