Berlinale Überlebensstrategien

Wie die schöneste Jahreszeit Berlins zum ungetrübten Kinoerlebnis wird

Geschätzte Lesezeit: 11 Minuten

Berlinale! Endlich. Darauf freue mich jedes Jahr. Mein erstes Mal war 1996. Ich war seither akkreditiert als Filmschaffende, Produzentin, Presse, in manchen Jahren war ich Gast. Ich kenne vor Ort alle Tricks. Exclusiv auf Granaton.com fasse ich für Sie die besten Tipps zusammen.

Filmplaner

Der individuelle Programmplaner auf der Website der Berlinale ist großartig. Registieren Sie sich, so behalten Sie die Übersicht über Filme und Termine. Haben Sie einen Film verpasst, den Sie unbedingt sehen wollten, können Sie hier einfach und schnell Ersatzscreenings finden.

Auswahl

Es ist völlig unwichtig, welche Filme Sie sich aussuchen, alle Sektionen haben feine Inhalte. Lassen Sie sich treiben. Sie können überall hingehen. Vorsicht ist allerdings geboten, wenn Sie Horror oder Gewalt nicht ertragen, denn hin und wieder verirrt sich ein gut gemachter Splatterfilm oder ein Psychoschocker-Vorfilm in das Programm. Auch so manche Doku ist nichts für schwache Nerven (Beispiel: Vergewaltigung von Lesben in Südafrika). Die Berlinale hat nach wie vor einen starken Gay-Fokus, wenn Sie nach Zufallsprinzip ins Kino gehen, kann es schon vorkommen, dass Sie einen Thementag erleben.
Das Klischee, man solle keine Wettbewerbsfilme ansehen, denn die kämen später ins Kino, ist noch nie wahr gewesen. Auch im Wettbewerb sind nur sehr wenige große Hollywoodproduktionen. Wenn man Glück hat, findet man Wettbewerbsfilme nach der Berlinale in Arthouse-Kinos oder in sehr gut sortierten Videotheken wieder. Auch Bärenträger sind vor dem Verschwinden nicht beschützt.
Die Berlinale ist ein Premierenfestival, fast alle Programme stellen nach der ersten Vorstellung die Filmschaffenden vor. Wenn man gerne Kontakte knüpfen oder Insiderinformationen bekommen will, sollte man sich die Premieren aussuchen und sich im Kino weit nach vorne setzen (die Platzwahl ist frei). So kann man sich bei der anschließenden Publikumsdiskussion interessant einbringen und die FilmemacherInnen kennen lernen. Auch im Panorama, im Forum und in anderen Sektionen gibt es viele Premieren, bei denen Stars und Sterne vorgestellt werden, oft mit Publikumsgespräch. Sie werden nur weniger prominent angekündigt, als im Wettbewerb.

Sprachen

Alle Filme werden im Original gezeigt. Fast alle von ihnen haben englische Untertitel. In ganz seltenen Fällen sind die Untertitel deutsch. Wer kein Englisch versteht, kann sich immer noch an den Bildern und Tönen erfreuen, es gibt teilweise auch Filme, die man versteht, ohne die Worte zu kennen. Alternative zu fehlenden Englischkenntnissen ist der Film in der eigenen Muttersprache.

Stars

Natürlich kommen große Namen zur Berlinale. Natürlich können Sie sich an die rote Bande stellen und laut kreischen, wenn Christoph Waltz an Ihnen vorbeikommt. Aber jetzt einmal ganz unter uns: Das ist doch unter Ihrer Würde! Sie kommen wegen der Filme, nicht um vor Ihren FreundInnen anzugeben, dass Sie Hannah Herzsprung aus nur drei Metern Entfernung gesehen haben. Wer allerdings gerne stilvoll einen Blick auf Vincent Cassel werfen möchte, kann im Ritz-Carlton einkehren, die Bar ist frei zugänglich. Tipp: Er hat sich letztes Jahr von Monica Bellucci getrennt.

Roter Teppich

Vor dem Berlinale-Palast, dem Kino International, dem Haus der Berliner Festspiele und dem Friedrichstadtpalast liegen wunderschöne rote Teppiche ausgerollt. Sie sind nur vor den Vorstellungen abgesperrt, zu denen prominentes Publikum erwartet wird. Meistens können SIE auf ihnen wandeln. Üben Sie! Genießen Sie. Bitten Sie Passanten, Sie zu fotografieren. Das ist die beste Gelegenheit für glamourös-selbstironische Selfies.

Begleitung

Gehen Sie allein zur Berlinale. Manche Filme sind so speziell, dass Ihre Begleitung die ganze Zeit nölen wird und Ihnen so den Film verdirbt. Manchmal ist es genau umgekehrt – Sie wollen gerne gehen, bleiben jedoch aus Rücksicht sitzen und verpassen einen viel spannenderen Film, der besser zu Ihnen gepasst hätte. Manchmal bekommt man das allerletzte Restticket und steht zu zweit vor der Entscheidung, sich entweder zu trennen oder gar nicht ins Kino zu gehen. Manchmal steht man vor dem Kino auf dem Kartenstrich und wird bestenfalls mit viel Glück ein einziges Ticket aus zweiter Hand bekommen, niemals jedoch zwei oder gar drei. Außerdem lernen Sie niemanden kennen, wenn Sie in Gesellschaft sind – und das ist doch das Beste an der Berlinale, dass die ganze Welt zu Gast ist und man nicht nach Korea fahren muss, um neue Freunde zu finden, denn Korea ist vor Ort.

Kinder

Natürlich können Sie mit Ihren Kids in passende Vorstellungen gehen. Die Sparte „Generation“ ist extra dafür gedacht. Viele Eltern schwören darauf. Da wuselt es geradezu im Kino. Besonders die Filme für Jugendliche sind oft auch für Erwachsene sehr spannend, man kann sie auch ohne Kindbegleitung ansehen.

Tickets ohne Akkreditierung

Versuchen Sie erst gar nicht, Online-Tickets zu bekommen. Sie verschwenden nur Ihre Energie im F5 Kampf. Online-Tickets sind auch teurer und anstellen müssen Sie sich vermutlich dennoch, auch Onlinetickets garantieren Ihnen keinen Soforteintritt ins Kino. Ihre Ausdrucke können nicht zuletzt auch manchmal nicht ordentlich gescannt werden. Stellen Sie sich lieber gleich an den Ticketcountern an! Da können Sie tolle Leute kennen lernen.

Es gibt zwei Arten von Kassen: Vorverkauf und Tageskasse. Im Vorverkauf bekommen Sie KEINE Tagestickets, dafür jedoch Tickets für die kommenden drei Tage und für den Publikumstag (16. Februar). An den Tagestickets in den Kinos selbst bekommen Sie NUR Tickets für den jeweiligen Tag und das jeweilige Kino.

Die drei Vorverkaufskassen sind sehr unterschiedlich. Am Potsdamer Platz steht man sehr lange in der Schlange und trifft internationale Newcomer. Im Kino International steht man zu Beginn der Kassenöffnungszeiten ewig an und trifft viele Cineasten aus Berlin, untertags wird es einfacher. Im Haus der Berliner Festspiele ist die Schlange nie sehr lang und das Publikum sehr kulturaffin – hier sind die Insider. Sind die Tickets für die Filme ausverkauft, die Sie gerne haben wollten, fragen Sie an der Kasse nach Alternativen. Lassen Sie sich nicht drängeln. Fragen Sie den VerkäuferInnen Löcher in den Bauch, der Stress der Schlange hinter Ihnen (jede Sekunde zählt bei der Berlinale, da mehrere Kassen gleichzeitig Tickets verkaufen) geht Sie nichts an.

Tickets an den Tageskassen bekommt man auf drei verschiedene Arten: Entweder man steht vor Kassenöffnung (in vielen Fällen 10:00) vor der Türe und sammelt die zurückgegebenen Kontingente der Vortage ein. Oder man fragt zwischendurch spontan immer wieder direkt im Kinofoyer nach, oft kommen am Tag der Vorstellung Einzelkarten in den Verkauf, die von Akkreditierten freigegeben werden. Schlechtestenfalls kann man versuchen, eine Stunde vor Vorstellungsbeginn noch eine letzte Restkarte zu ergattern. Hier sollte man ganz vorne in der Schlange am Ticketcounter sein, denn oft werden im gefüllten Kino leere Plätze gezählt, die in der letzten Sekunde noch verkauft werden. Zwei, drei Karten könnten noch übrig sein. Nicht selten stehen auch Wiederverkäufer vor den Kassen, man kann erworbene Tickets nicht retournieren. Ein Schildchen „suche Karte für Film XY, gebe dafür Blowjob“ ist empfehlenswert. Doch man kann sich nicht auf dieses Glück verlassen. Nachmittagsvorstellungen (auch Premieren) sind natürlich viel leichter zu erreichen, als prime-time Screenings. Ermäßigung gibt es nur an den Tageskassen. StudentInnen und Berechtigte zahlen die Hälfte (gültige Ausweise nicht vergessen, die Berlinaletickets werden von eigens geschultem Personal verkauft, hier wird gnadenlos kontrolliert!)

Tipp: Naturgemäß sind Premierentickets für deutsche Produktionen am schwersten zu bekommen, denn da sitzt nicht nur die gesamte Filmcrew im Saal, sondern auch deren Familien, Freunde, Fans und Geschäftspartner. Einfacher zu bekommen sind Karten für asiatische Filme, die Filmteams aus HauptdarstellerInnen und RegisseurInnen sind meistens eher klein. Ganz easy sind Nachmittagsscreenings von afrikanischen öder österreichischen Dokus, zu denen nur RegisseurInnen angereist sind, die kein Mensch kennt. Das sind dann nicht selten auch die interessantesten Filme.

Sitzplätze

Bei der Berlinale ist freie Platzwahl. Seien Sie rechtzeitig da! Sonst bekommen Sie den Platz in der ersten Reihe außen links. Denken Sie nicht einmal daran, Ihre Tasche und Ihre Jacke auf den Nebensitz zu legen, die Kinos werden voll. Lassen Sie keinen Platz zwischen sich und dem Nachbarn, sonst müssen Sie kurz vor Beginn des Screenings umständlich aufrücken. Wenn Sie auf Begleitung warten und einen Platz verteidigen, haben Sie nicht viel Spaß, denn Sie werden im Sekundentakt gefragt werden, ob der Platz neben Ihnen frei ist. Nicht selten wird sich ein bärbeißiger Besucher einfach auf den Platz setzen und Sie beschimpfen, wenn sie versuchen, ihn zu verscheuchen. Die Ausrede „mein Freund holt gerade Popcorn“ funktioniert nicht, denn Popcorn ist bei der Berlinale verboten. Telefonieren ist schwierig, in vielen Kinos ist der Empfang zu schwach. Und wer zu spät kommt, wird nicht mehr eingelassen, das Ticket verfällt ohne Recht auf Erstattung.

Verpflegung

Ohne Proviant zur Berlinale zu gehen, kann sehr teuer und langwierig werden. Rund um den Potsdamer Platz sind die Mittagsmenüs zur Berlinale gestrichen, die Verpflegung in den Kinos ist noch höher im Preis als Starbucks. Bei McDonalds wie auch bei Sushi Circle stehen Menschentrauben. Wenn sich grantige BerlinerInnen, die vor Ort arbeiten und nur schnell einen Mittagssnack wollen, mit Berlinale-Publikum mischen, kommt es schon mal zu Drängeleien und Animositäten. „Sie sind sicher aus Bayern, da sind die Leute so widerlich wie Sie.“
Ein nettes Suppen- und Brötchenplätzchen für Berlinale-BesucherInnen ist das Foyer des Arsenal Kinos, doch auch hier muss man oft lang warten. Taschen werden von den Kinos nicht auf Essen oder Getränke kontrolliert, offen in der Hand getragene Lebensmittel werden aber am Eingang zum Kino beschlagnahmt. Nicht einmal Nachos oder Popcorn von den Kinobars werden durchgelassen. Im Kino selbst zu essen ist verpönt.
Falls Sie mehrere Filme pro Tag sehen wollen, werden Sie viel Zeit damit verbringen, in der U-Bahn zu sitzen, in den Foyers von Kinos zu warten oder in Schlangen zu stehen. Wählen Sie folglich einfache, geruchslose Lebensmittel, die nicht fetten/saften/kleben und nicht stark krümeln. Gut: Studentenfutter, Karotten und Trockenwurst. Schlecht: Zwiebelmettbrötchen, Bananen (Quetschgefahr – und wohin mit der Schale?) und saure Gurken.
Nehmen Sie eine Wasserflasche mit breitem Hals und Brausetabletten mit. Die können Sie in den Toiletten neu auffüllen. Sie werden sie brauchen. Briefchen für heiße Zitrone können Sie auch mitnehmen, alle Kaffeebars geben Ihnen heißes Wasser, wenn Sie betonen, dass Sie Ihre Medizin nehmen müssen.

Internet

Berlinale ohne Internet ist wie Schule ohne Stundenplan. Die Berlinale-Website hat eine sehr gute mobile Version. Falls Sie üblicherweise kein internetfähiges Gerät bei sich tragen, borgen Sie sich ein Smartphone oder ein Tablet aus. Mit mobiler Verbindung, denn die W-Lan Versorgung der Berlinale ist eher mau. Es gibt natürlich auch geheime Zugänge zu Pressezonen mit Desktoprechnern, diese sind aber so fragil, dass ich sie hier nicht verrate, sonst gehen sie vielleicht kaputt.

Bier

Im Sony Center Innenhof gibt es ein Brauhaus, das frisches Bier aus Bayern verkauft. Köstlich. Probieren Sie das Weißbier mit Holunder oder die Variante mit Mango.

Das schönste Café

Üblicherweise ist die Auffahrt zum Café der DFFB im Filmhaus (Sony Center) vom Pförtner untersagt. Doch zur Berlinale kontrolliert niemand. Fahren Sie mit dem Lift in den obersten Stock, genießen Sie die Höhe und schauen Sie sich vom Balkon des Cafés aus die Aussicht auf das Berlinale-Publikum von oben an.

Nikotin

Achtung Gelegenheitsraucher und Ehemalige: Vor allen Kinos stehen Trauben mit Zwischendurchfumeuren. Die Versuchung, viel zu viel zu qualmen, ist riesig. Nehmen Sie sich Scheuklappen mit und kommen Sie nicht auf die Idee, selbst Zigaretten bei sich zu tragen! Falls Sie es nicht mehr aushalten sollten, schnorren Sie. So können Sie gleich nette Gespräche anbahnen.

Parfum

Lassen Sie das. Sie werden sich damit nicht wohl fühlen. Selbst, wenn Ihr Nachbar im Kino eine sehr schlechte Nase haben sollte, so werden Sie selbst Sorge haben, dass Sie jemanden durch Ihre Duftwolke stören könnten. Die Vorstellungen sind meist bis auf den letzten Sitz voll, da gibt es kein Entrinnen.

Applaus

Nach den Filmen wird geklatscht. Seien Sie ruhig die/der Erste damit. Sie werden sehen, das macht Spaß. Für viele FilmemacherInnen, die mit im Kino sitzen, ist es der erste öffentliche Auftritt. Ihr Lob ist pure Motivation. Wenn Ihnen der Film gar nicht gefallen hat, ist ein lautes Buh aber in Ordnung. Auch Szenenapplaus ist natürlich erlaubt. Das kommt allerdings eher selten vor, das Berlinale-Publikum ist sehr dezent.

Kontakte

Visitenkarten helfen enorm. Ebenso ein Notizbüchlein, in dem Sie notieren, wen Sie wann getroffen haben. Nichts vergisst man so schnell, als das Gesicht in der Kinoschlange, den Flirt im Café oder das Gespräch im Kinofoyer zum Namen auf der Visitenkarte. Auch doppelseitige Klebepads sind hilfreich – zum Einkleben der Visitenkarten ins Büchlein.

Partys

Viele Filmschaffende laden nach der Premiere zu einer kleinen Feier ein. Fragen Sie die RegisseurInnen nach dem Film danach. Hauptsächlich deutsche Produktionen sind dafür berühmt/berüchtigt. Gehen Sie aber niemals zu einer Filmparty, wenn Sie den Film nicht gesehen haben. Das würde Ihnen wenig Sympathie einbringen.

Kunst

Einmal mehr ist die einzige geförderte Sektion, die für ALLE BesucherInnen zugänglich ist, die Kunstsparte: Im ForumExanded gibt es nicht nur kostenpflichtige Screenings, für die man Tickets braucht, sondern auch Ausstellungen in Museen/Galerien und Projektionen in öffentlichen Institutionen, die kostenlos erreichbar sind.

Waschräume

Die elegantesten sehr leicht zugänglichen Toiletten befinden sich im Grand Hyatt, Eingang Marlene-Dietrich-Platz. Ebenfalls leicht zu erreichen und sehr sauber sind die Kabinen im Arsenal Foyer im Untergeschoß Filmhaus. Eine gute Behindertentoilette mit Schlüssel ist im CineStar zu finden.

Berlinale-Feeling

Natürlich kann man sich Filme auch abseits der großen Spielstätten ansehen. Berlinale goes Kiez ist sicher sehr romantisch und nett. Aber glauben Sie mir: ECHTES Berlinale-Feeling kommt nur dann auf, wenn Sie am offenen Herzen operieren. Und das ist nun einmal seit einigen Jahren der Potsdamer Platz. Glamouröse Satelliten sind Friedrichstadtpalast und International. Cubix und Colosseum kann man vernachlässigen. Und der gute, alte Westen ist nicht mehr das, was er früher einmal war. Der Zoopalast als Spielstätte ist einfach nur dröge. Probieren Sie hingegen eine Gala im Friedrichstadtpalast. Kämpfen Sie um einen guten Platz. Es ist verdammt eng, aber Sie werden es lieben – falls Sie nicht über 1.80 Meter groß sind.

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