Camus in Moabit

Im Kunstraum Kurt-Kurt zeigt Pfelder eine ebenso humorvolle wie poetische Installation französischer Art

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Kennen Sie Pfelder? Nein? Dann wird es aber Zeit. Pfelder ist Künstler. Ein sehr guter Künstler. Keiner von denen, die Farbe auf Leinwänden verteilen, um sie dann als Objekt bestmöglich zu verkaufen, sondern jemand, der sich künstlerisch mit Fragen von Raum und Zeit beschäftigt. Vereinfacht gesagt: Er ist für Kunst im öffentlichen Raum bekannt. Mit kommunalem Charakter.

Pfelder im Kurt-Kurt

Drinnen oder Draußen? Pfelder in seinem Kunstraum Kurt-Kurt im Geburtshaus von Kurt Tucholsky.

Ephemere Installationen mit kommunalem Charakter?  Was bitte kann man sich denn darunter vorstellen? Imaginieren Sie ein Theaterstück, das nur ein paarmal aufgeführt wird, um Geschichten aus Ihrer Gegend oder ihrem sozialen Umfeld zu erzählen. Es ist kurz da, gibt Ihnen die Möglichkeit, über sich selbst und Ihr Leben zu reflektieren und dann ist es Erinnerung. So ist es auch bei Arbeiten von Pfelder. Der Unterschied zur Aufführung besteht darin, dass es sich bei einer Installation um die körperliche Anwesenheit von einem oder mehreren Objekten handelt. Pfelder hat beispielsweise einmal in einem deutschen Dörflein eine Baulücke der Hauptstraße mit weißen Gardinen verhängt und so einen privat wirkenden Raum geschaffen. Dahinter hat er einen Garten inszeniert und mit langen Wäscheleinen ausgestattet. An den Leinen hingen Bettlaken, auf die Fotos von privaten Gärten dieses Dorfes gedruckt waren. Die BesucherInnen konnten in diesem Umfeld abstrahiert sehen, welcher Nachbar wie seinen Fleck Erde gestaltet.

Wozu soll das gut sein?

Kurt-Kurt Lübecker Straße

Die Fenster in der Nachbarschaft vom Kurt-Kurt. Viele Gardinen und Jalousien, Privatsphäre wird geschätzt.

Jaja. Immer diese Frage, welche Rolle Kunst spielt, wenn man sie nicht einmal an die Wand hängen kann …
Erstens: Sie ist interessant. Damit fängt es schon einmal an. Es ist ein ungewöhnlicher Blick auf eine gewohnte Umgebung, das bringt Abwechslung. Zweitens schafft es Gemeinschaftsgefühl. Die Menschen fühlen sich beachtet, lernen sich besser kennen, reflektieren über ihre Umgebung. Drittens macht es Menschen stolz, wenn sich KünstlerInnen gezielt mit ihrem Umfeld auseinander setzen. Sogar dann, wenn sie eigentlich von den Ergebnissen enttäuscht sind. Wenn sie am sonntäglichen Mittagstisch über diese sinnlose Verschwendung von Steuergeldern schimpfen, so werden sie dem Kumpel aus Baden-Baden dennoch grimmig stolz erzählen, was da Ungewöhnliches passiert ist.

Pfelder betreibt auch einen Kunstraum. Er lädt KünstlerInnen aus dem Bezirk ein, sich temporär an diesem Ort auszutoben. Dieser Ort liegt in Berlin. Aber nicht etwa in der Potsdamer Straße, so wie die vielen anderen großen kommerziellen Galerien Berlins. Und auch nicht im Scheunenviertel. Nein, der Raum ist in MOABIT. Kennen Sie Moabit? Das ist dieser frühere Arbeiterbezirk mit einem MigrantInnenanteil von fast 50%, von dem man manchmal sagen hört, da solle man als Frau allein besser nicht wohnen. Gleich in der Nähe des Kunstraums ist der Kleine Tiergarten, früher hieß es immer, man würde Nadeln im Gras finden und könne seine Kinder nicht dort spielen lassen. Und die Justizvollzugsanstalt ist auch nicht weit entfernt. „Klischees“ versichert Pfelder, die Leute sind freundlich, das Klima im Bezirk fröhlich.

Kurt-Kurt im Geburtshaus von Tucholsky

Das Kurt-Kurt im Geburtshaus von Kurt Tucholsky. Das Haus fällt wegen seiner grünen Klinkerfassadenelemente auf.

Warum also gerade Moabit? Erstens wohnt Pfelder in diesem Kiez. Zweitens liegt der Raum im Geburtshaus von Kurt Tucholsky. Deshalb wurde er Kurt-Kurt genannt. Pfelder betreibt ihn zusammen mit seiner Partnerin Simone Zaugg, die auch Künstlerin ist. Drittens ist die Straße, in der dieser Laden zu finden ist, eine so stille, unscheinbare Altbaustraße ohne Cafés oder Geschäfte, dass dieses „Stadtlabor“ wie ein Diamant aus der Häuserzeile leuchtet.

Die erste Ausstellung, die ich im Kurt-Kurt gesehen habe, war eine Raumarbeit von Katharina Grosse. Großartig. Eine echte Herausforderung für zukünftige Präsentationen.
Jetzt hat Pfelder eine Einladung zu einer Arbeit über seinen Newsletter geschickt, die von ihm selbst ist. Er schreibt: „Das Fremde ist eine existentialistische Installation von Pfelder frei nach Albert Camus, der vor kurzem seinen 100sten Geburtstag gefeiert hätte. Camus trifft Tucholsky.“ Das klingt doch super.
Ich bitte um ein kurzes Gespräch für eine Vorberichterstattung.

Pfelder - Das Fremde

Das billigste Holz, das man in Berlin bekommen kann: Bauverschalungen aus dem Baumarkt.

Pfelder hat im Kurt-Kurt eine Burg gebaut. Oder auch ein Fort. Fichtenbretter sind so zusammengenagelt, dass ein unerreichbarer Innenraum im Innenraum erzeugt wird. Die Versuchung, einen Blick hineinzuwerfen, ist unwiderstehlich. Durch Astlöchlein und Ritzen kann man hineinlinsen. Klar, dass ich sofort mein Auge an das Objekt drücke.

„Das Fremde – was ist das eigentlich?“ fragt Pfelder in dieser Arbeit. Camus wäre am 7. November 2013 hundert Jahre alt geworden. Irgendwie hat die Ausstellung damit zu tun. Ist das Fremde drinnen oder draußen? Ist es offen oder versperrt? Ist es in uns oder außerhalb? Ist es gut oder böse? Ist der Kubus eine Analogie auf die Todeszelle von Meursault in Camus´ Roman „Der Fremde“? Antworten bleibt der Künstler schuldig, sie sind in der Fantasie der BetrachterInnen zu finden.
Der Kubus wird zur Eröffnung innen hell erleuchtet sein, während es außerhalb dunkel bleiben wird. Eine Impression aus Frankreich ist Teil der Arbeit, Soundkulissen aus dessen Süden klingen heraus. Die großen Fensterscheiben des Ausstellungsraums bieten einen wunderbaren Blick. Sicherlich wird das am Abend der Eröffnung eine sehr eindrucksvolle Lichtstimmung ergeben.

Pfelder - Das Fremde

Ein Astloch im Fort. Was ist darin versteckt? Neugierig schaue ich ins Innere.

Es kommen Leute aller Stile und Hautfarben an dem Ort vorbei. Kopftuch, Sweater, Rucksack. Einige bleiben stehen und werfen einen Blick auf den ungewöhnlichen Ladeninhalt, manche winken uns auch. „Die Nachbarschaft ist sehr offen und neugierig“ erzählt mir der Künstler. Dadurch, dass die Scheiben auch bei Umbauten nie verhängt werden, entsteht Vertrautheit. Die Passanten mögen, dass hier immer etwas Neues passiert.

Und wie ist der Zusammenhang zwischen Tucholsky und Camus? „Sie hätten sich sicherlich viel zu sagen gehabt“, vermutet Pfelder.

Pfelder Das Fremde
Eröffnung: Donnerstag, 27.02.2014 um 19 Uhr
Ausstellung von 27.02. – 15.03.2014
geöffnet Do – Sa 16 – 19 Uhr oder nach Vereinbarung
Artist Talk & Finissage: Samstag, 15.03.2014 um 17 Uhr
Kurt-Kurt, Lübecker Straße 13, Berlin-Moabit

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