#dclass fühlt sich hölzern an

Dank der ungewöhnlichen #dclass Konferenz wird mir bewusst, wie schlimm es werden kann, wenn man kein Geld hat.

Geschätzte Lesezeit: 13 Minuten

Sich in einer Rolle wohl fühlen

Wenn ich zu Konferenzen gehe, frage ich mich vorab, welches Publikum welche Erwartungen mitbringen wird. Welche äußerlichen Merkmale welchen Effekt haben werden. Ich kann mich in viele Stile hüllen und dabei authentisch auftreten. Welche Erwartungen kann man vor Ort mit seinem Aussehen bedienen oder auch konterkarieren?

Meistens passt bei Konferenzen ein schwarzes Outfit. Beim Zukunftskongress Aktion Mensch trug ich eine schwarze Stoffhose, ein gerade geschnittenes Baumwollkleid mit rundem Ausschnitt und darüber einen schlicht gehaltenen schwarzen Mantel. Der Button der Aktion Mensch konnte darauf perfekt zur Geltung kommen.

Bei den API Days schmückte ich mich mit Schwarz und Gold. Durch die offensichtliche Distanzierung vom Nerdlook wollte ich meine Außenseiterinnenposition unterstreichen und dadurch Kompetenz als Strategin ausstrahlen. Hätte ich mich in ausgewaschene Jeans und ein Schlabbershirt gepackt, hätte ich dieser elektronikknisternden Männermeute erst Hackerkompetenz beweisen müssen, damit man gerne mit mir spricht.

Lieber unverstanden als unsichtbar

Als ich bei einer Onlinemarketingkonferenz als Panelistin auftrat, trug ich ein auffällig kariertes Rüschenkleid von einem bekannten deutschen Designer in Paris. Ich ging davon aus, dass die Menschen, die dieses Kleid verstehen würden, auch meine Botschaft entschlüsseln würden und hoffte auf Gespräche mit Gleichgesinnten. Noch Wochen später machten sich die TeilnehmerInnen der Konferenz über meinen Look lustig. Eine amüsante Onlinemarketing-Expertin postete sogar ein Foto auf Facebook, auf dem sie eine karierte Tischdecke als Umhang trug. In gewisser Weise ging also auch dieses Outfit auf. Zwar anders, als erhofft, aber es brachte Aufmerksamkeit.

Erwartungen treffen auf Illusion

Die #dclass Konferenz hatte eine eigene Prämisse. Konferenz-Kurator und Architekt Van Bo Le-Mentzel versucht, gutes Karma an die Stelle von Geld zu setzen. Er träumt von einer Gesellschaft, in der sich die Bürgerinnen und Bürger durch Eigeninitiative selbst ausbilden. Wichtig ist ihm die gegenseitige Unterstützung der Menschen ohne die alles kontrollierende Instanz Geld.
„Es passiert nichts, wenn man keine Miete zahlt, die schmeißen einen nicht raus“ rät er. Er wollte mir kaum glauben, dass spätestens nach einem Jahr der Räumungsbefehl von der Polizei exekutiert wird und er mitsamt Hartz IV Möbeln auf einem Schuldenberg auf der Straße sitzt, falls er keine Miete für seine Wohnung mehr zahlt. „Und wie ist es mit Hausbesetzungen?“ stellt er in den Raum. Ich erinnere an den beliebten kreuzberger Kalauer „Vom Hausbesetzer zum Hausbesitzer“.

Lernen durch inneren Antrieb

Um Ausbildung 3.0 ging es bei der zweitägigen #dclass Konferenz. Auf den Bühnen präsentierten sich Abi-Abbrecher Erik Koszuta und Computerspiel-Kid Sidney Sysomnhot. Ein Kleinkind durfte in Papa Le-Mentzels Mikro jauchzen. Neuerologe Gerald Hüther sprach von Denkautobahnen im Kopf sowie der schmerzhaften Objekt-Subjekt Beziehung von Lehrern und Schülern. Die Holocaustüberlebende Gertrud Rosemann erzählte von ihrem Puppenmuseum. Alle Beiträge motivierten zum Selbstlernen jenseits von Schulsystem oder traditioneller Karriereleiter.

Selbstheilungskräfte austesten

Am zweiten Barcamp-Tag hörte ich die Geschichte der nachrichtenagenturgebeutelten Journalistin Greta Taubert, die im Eigenversuch „Container Diving“ und Selbstversorgung mit Zuchtpilzen in der Dusche im Training gegen die Apokalypse ausprobiert hat. Zivilisationsgewöhnt kehrte sie in ihr alten Leben in der Stadt zurück. Sie bekam den Zeitslot nach dem bemerkenswerten früheren Türsteher Constantin Cooper, der sich durch Selbstoptimierung und den Verzicht auf alle Drogen in ein neues Leben katapultiert hat.

Auch IdealistInnen leiden unter Armut

Die bunte Meute der #dclass Konferenz mit ihren überaus individuellen Themen inspirierte mich kreativ. Leider war auch diese Welt nicht so heil, wie sie sich selbst gerne sehen möchte. So wurde oben erwähnter Greta Taubert ihr Jutebeutel geklaut, in dem sie ein getauschtes Buch und ein geschenktes Notizbuch mitgebracht hatte. Sie war über den Verlust sehr traurig, handelte es sich doch um Gegenstände mit einer eigenen Geschichte, nicht einfach um ersetzbare Ware, die sie im Laden kaufen kann. Auch eine Jacke ist aus der unbewachten Garderobe verschwunden. Man kann sie anonym in einem Café in Kreuzberg zurückgeben, steht auf der Website der #dclass geschrieben.

Eintritt gegen Ausstrahlung

Die „Karma-Tickets“, um an der Konferenz teilnehmen zu können, waren kostenlos. Man solle stattdessen etwas von sich einbringen, wurde auf der Website vorgeschlagen. Man solle lieber eine gute Ausstrahlung verströmen, anstatt einen festen Geldpreis für den Eintritt zu entrichten. Sponsoren-Tickets hingegen kosteten einen mittleren dreistelligen Betrag. Einige davon wurden auch verkauft. „Ich werde bloggen“ nahm ich mir vor.

Ein Selbstversuch ohne Bargeld

Da es an diesem Wochenende ausdrücklich um die Frage gehen sollte, wie man sich bargeldlos gegenseitig helfen kann, kam ich ohne einen einzigen Cent zur Konferenz. Absichtlich ließ ich meine Geldtasche zu Hause. Wie würde sich das anfühlen? Ich zog eine Jogginghose an, ein älteres Baumwollkleid mit abgestoßenen Bündchen und darüber eine Wolljacke. Die war zwar sündteuer gewesen, von einer deutschen wohlfühl-Designerin entwickelt. Die Wolle ist handgewalkt und schmuseweich. Wenn ich sie jedoch ungünstig kombiniere und in einem wenig Fashion-affinen Umfeld trage, macht sie mich zur Pennerin.  Was würde mich in diesem Outfit erwarten?

Essen in Hülle und Fülle

„Hungern werde ich schon mal nicht“ stellte ich bewundernd am ersten Tag der Konferenz fest. Gleich hinter dem Haupteingang vom neuköllner Theater Heimathafen wartete ein reiches Buffet mit überschüssigen Lebensmitteln aus Supermärkten und mit Sandwiches von Imbissen vom Vortag. Auch Kuchen war da, Teilnehmerinnen hatten ihn mitgebracht. Alles schmeckte fein und frisch. Ich konnte mich nach Herzenslust bedienen und wurde satt. Den Becher mit der Aufschrift „Tip“ ignorierte ich verschämt.

Kein Geld zu haben ist peinlich

Seit einigen Jahren bin ich süchtig nach Kaffee. Bekomme ich nicht in regelmäßigen Abständen einen Becher Milchkaffee, werde ich grantig. Im Lokal vom Heimathafen konnte ich ohne Geld nichts bestellen. Auch der Kaffee-Stand im Foyer verlangte Geld. 1,50 Euro pro Becher. Was tun? Mir kam leise der Gedanke, ob ich nicht einfach schnell in den Tip-Becher vom Buffet fassen sollte.

Ich fragte die Kaffeehüterin mit ihren schulterlangen, hennaschwarz gefärbten Haaren, ob sie mir einen Becher spendiert. „Warum sollte ich“ blaffte sie mich ungläubig an. Neben mir stand ein hübscher Mann. Er grinste breit und gab mir einen aus. Ich schämte mich. Irgendwie hätte ich ihm gerne einen ausgegeben, er war wirklich süß. „Ich mache einen Selbstversuch“ laberte ich, „ich habe schon Geld, nur nicht heute …“ Passt schon, signalisierte der Mann lachend und ging weg. Verdammt.

Mein Marktwert sinkt unter den absoluten Nullpunkt

Mit „Karma-Zetteln“ wurde im Heimathafen ein Geben-Nehmen Marktplatz eingerichtet. Unter „Ich biete“ konnte man Leistungen vorschlagen, unter „Ich suche“ konnte man sich Gegenleistungen wünschen. Gitarrenunterricht suchte Akkubohrschrauber. Gründercoaching im Tausch gegen Datscha in Brandenburg. Grundschullehrerin braucht Fotografen. Auch ich beteiligte mich. „Biete Websites, suche Personal Trainer (sitze zu viel am Schreibtisch)“. Niemand sprach mich an.

Mehrere Leute suchten Leistungen im Bereich Internetgestaltung.
Ein Student, der sich auf behavioural Change spezialisiert hatte, wollte gerne einen eigenen Blog. Ich dachte mir „warum nicht“. Lebendig erklärte er mir sein Konzept. Ich schlug vor, ihm mit seiner Website zu helfen, falls er mir mehr beibringt von seinen Ideen. Er zeigte wenig Interesse. Er betreibt einen Blog auf WordPress.com, wolle aber mehr Möglichkeiten, indem er eine unabhängige Website aufsetzt. „Hast du denn schon eigenen Webspace?“ Damit kannte er sich nicht aus. Ich wollte ihm gern erklären, worin der Unterschied besteht zwischen eigenem Webspace und einem Account in einer WordPress Cloud, hatte mir auch schon das Bild vom Parkhaus versus eigener Garage überlegt, doch der erste Vortrag fing an. Wir verloren uns aus den Augen. Später ignorierte er mich.
Schlabberlook + pro bono Leistung = nicht einmal genug Glaubwürdigkeit, um einem Studenten unbezahlt einen WordPress Blog aufsetzen zu können? Ich fühlte mich abgelaufen.

Woher die gratis Lebensmittel kommen

Das kostenlose Buffet hatte #dclass Helferin Katharina Funke organisiert. Ein paar kleinere Speisen habe sie über Foodsharing bekommen, der größte Teil käme jedoch von der Berliner Tafel, verriet sie mir. Einen ganzen Tag lang war sie mit dem Auto unterwegs gewesen, um Lebensmittel abzuholen. Der Tafel e.V. sammelt abgelaufene Lebensmittel als Sachspenden von Händlern und verteilt sie an die Armen. Katharina hatte kistenweise foliertes Brot, Paprika, Karotten, Äpfel und Tomaten für die Konferenz bekommen. Selbst zwei Tage später war noch so viel übrig, dass sie ein Schild „bitte mitnehmen“ an die Kisten heftete.

War das ein Schlaraffenland? Die Organisation wollte ich genauer kennen lernen. Wo gibt es gratis Lebensmittel und welche Bedingungen sind daran geknüpft?

Die Tafel ist straff organisiert

Ich sah mir die Website der Tafel an. Wer in Berlin seine Bedürftigkeit nachweisen könne, würde an zahlreichen Ausgabestellen in Berlin überschüssige Lebensmittel bekommen. Was sollte ich mir darunter vorstellen? Ein großes Lager mit abgelaufener Ware, in dem man sich selbst bedienen würde? Ich rief bei der Telefonnummer an, die im Impressum stand und erkundigte mich, wie das denn funktioniert. Man hielt mich für eine Bedürftige, die nach einem Ausgabeort sucht. „Wie ist Ihre Postleitzahl?“ wurde ich gefragt. Man nannte mir die Adresse, die für mein Wohngebiet zuständig ist. Öffnungszeiten nur einmal pro Woche, jeden Dienstag Vormittag.

Dieser Weg ist schwer

Am Dienstag suchte ich nach dieser Ausgabestelle. Ich erwartete eine Art Gewerbehof oder einen gemeinnützig genutzten Laden. Suchte eine Tafel mit der Aufschrift „Berliner Tafel“ oder zumindest eine Hausnummer. Nichts dergleichen. In der winzigen Seitenstraße in Mitte, die ich nur mithilfe eines Polizisten finden konnte, der über Funk seine Kollegen nach der Adresse fragte, kam ich an einer Touristenspeisung vorbei (das konnte es nicht sein), einer Behörde (die schien auch sehr unwahrscheinlich für kostenlose Nahrung) und am Eingang zu einem christlichen Gemeindehaus ohne Hausnummernschild. Nirgends war ein Hinweis auf die Essensausgabe. Ich ging in den Hof der Kirchengemeinde und sah zwei Menschen schweigend an einem Tischchen im Freien sitzen. Vielleicht hier? Es war knapp halb zwölf Uhr. Langsam bekam ich Mittagshunger.

Ich öffnete die verglaste Türe und kam in einen typischen Gemeinderaum: Mit Cord tapezierte Stühle, Tische mit Kunstfurnier, ein Linoleumboden. Gegenüber ein Warteraum. Darin saß allein eine einfach gekleidete Frau Ende fünfzig. Kein Lesestoff, kein Getränk, sie starrte schweigend vor sich hin.

Ich bin ein Mensch

Entschuldigung … bin ich hier richtig bei der Berliner Tafel?

Bist du eine Nummer?

Ich bin keine Nummer, nein.

Dann bekommst du auch kein Essen.

Wie funktioniert das hier?

Du musst um neun Uhr kommen. Draußen steht eine Tafel. Du musst deinen Namen eintragen und bekommst eine Nummer. Mit der Nummer stellst du dich in der Schlange an. Nur so bekommst du Lebensmittel.

Welche Tafel? (Die Bedeutung von „Berliner Tafel“ hatte ich mir anders vorgestellt …)

Die ist jetzt schon weg. Du bist zu spät. Musst um neun Uhr da sein. Und dann musst du dich in die Schlange stellen.

Welche Schlange?

Draußen im Hof. Für dich ist’s zu spät. Musst in einer Woche wiederkommen.

Wie finde ich die Schlange?

Brauchst gar nicht hingehen, ohne Nummer bekommste nichts.

Ich möchte trotzdem zur Schlange.

Frag die da draußen, die geht da grad hin.

Ich folge einer älteren Dame mit schlohweißen, unfrisierten Haaren in rosafarbenem Polyesterpulli. Sie geht in einen zweiten Hinterhof. Ich sehe einen Kellerstiege. An einem schwarz lackierten Geländer stehen ungefähr zwanzig Personen. Sie alle wirken müde. Niemand lacht. Niemand spricht. Junge Mütter mit Kinderwagen, Männer um die Fünzig in abgetragenem Parka, alte Leute. Sie warten, um in den Keller gehen zu dürfen.

In einem schlechten Film

Wo bin ich hier? Ich bin entsetzt. Fühle mich wie ein einem Film über die Nachkriegszeit und denke an die Geschichten von Essensmarken und Schlimmeres. Ich gehe an der Schlange vorbei und steige die dunkle Treppe hinunter. Die Menschen beobachten mich misstrauisch. Wo willstn hin? „Ich will nur mal fragen, wie das hier funktioniert.“ Man lässt mich nur ungern durch. Nummer, Nummer! Ich klopfe an eine verschlossene Stahltür. Eine kleine, rundliche Frau mit grauer Schürze öffnet. Sie wirkt mürrisch.

Wir bereiten gerade die Essenspakete vor. Sie müssen noch warten.

Ich habe nur eine Frage!

Ich habe keine Zeit. Sie hätten sich eintragen müssen.

Was brauche ich denn, damit ich Essen bekommen kann?

Sie brauchen eine Bescheinigung vom Amt und Ihren Ausweis.

Kann ich das auch anonym machen?

Anonym geht nichts. Könnten ja Betrüger kommen.

Werden die Daten in einen Computer eingetragen?

Nein! Auch bei uns gibt’s Datenschutz. Ich mach eine Kopie von Ihrem Ausweis, der kommt bei mir in einen Ordner.

(Es gibt Betrüger, die mehrmals pro Woche zu verschiedenen Ausgabestellen gehen. Die Kirchengemeinde will sichergehen, dass niemand doppelt Essen bekommt und gleicht die Daten der Ausgabestellen ab.)

Was bekomme ich, wenn ich das alles erfüllt habe?

(Ich frage ich mich, wie Bedürftige wie Obdachlose, Flüchtlinge oder Flaschensammler ohne soziales Netz an diese Lebensmittel kommen sollen.)

Wir stellen Ihnen das zusammen. Wenn Sie etwas nicht haben wollen, können wir das austauschen.

Und das ist gratis?

NEIN! EINEN Euro kostet eine Ration. Ohne Geld bekommen Sie nichts.

Was für Lebensmittel haben Sie denn überhaupt?

Ich muss jetzt weitermachen. Bringen Sie nächste Woche Ihren Hartz IV Bescheid, dann bekommen Sie auch was.

Und … was mache ich, wenn ich einfach Hunger habe?

Die Verteilerin schlägt mir die Türe vor der Nase zu.

Jetzt bin ich eine Betrügerin

Ich fühle mich unheimlich schlecht. Mit meinem Daunenparka, meinem Wohlstandsbauch und meinen geputzten Lackschuhen muss mich diese Frau ja für eine Betrügerin halten, die sich abgelaufene Lebensmittel erschleichen will. Ich bin nicht bedürftig, so sehe ich einfach nicht aus. Ich könnte die Sache ja aufklären und sagen, dass ich Bloggerin bin, aber dafür bleibt keine Zeit.
Zumindest konnte ich einen schnellen Blick in diesen fensterlosen Kellerraum werfen. Ich sah ungestrichene graue Wände, davor Regale mit unverpackten Brotlaiben, Kisten mit silbergrau schimmernden Karotten, Paprika und kleine blaue Reis-Packungen.

Ich schleiche mich die Kellertreppe nach oben, gehe mit eingezogenen Schultern entschuldigend an der Warteschlange vorbei zurück ins Gemeindehaus. Wenn man sich als bedürftige Person bisher nicht arm gefühlt hat – spätestens jetzt tut man es.

Man bezahlt für Müll mit Würde

Lieber würde ich mich singend mit einem Becher neben einen McDonalds setzen, wenn ich Hunger hätte, als mich in so eine demütigende Position zwingen zu lassen. Was soll dieses Gerede von kostenlosen Lebensmitteln für arme Menschen? Das abgelaufene Zeug kostet vielleicht nur einen Euro pro Portion, aber das wichtigste Mittel, um zu leben zu können, ist ein starkes Selbstbewusstsein. „Tauschen Sie Rückgrat gegen Müll“ sollte die Tafel auf ihrer Website besser schreiben, das würde gut passen.

Alles kostet Geld

Auch die #dclass Konferenz ist nicht bargeldlos abgewickelt worden. Zehntausend Euro an Sponsorengeldern und Spenden hat man gebraucht, erfahre ich von Katharina Funke. Wofür? So eine Veranstaltung kann man nicht ohne Versicherung abhalten, erklärt mir Katharina, sie ist gesetzlich vorgeschrieben. Falls jemand stürzt, falls sich jemand das Bein bricht. Die Techniker für die Bühnentechnik muss man bezahlen, sie arbeiten nicht ohne Honorar. Man braucht Fahrgeld und Unterkunft für die PanelistInnen, die nicht alle aus Berlin kommen. Und, das Teuerste, die Video-Dokumentation muss bezahlt werden. Alle Vorträge werden aufgezeichnet, geschnitten und archiviert. Ein Drittel des Budgets fließt in Wissenssdokumentation und Veröffentlichung.

Hätte Katharina als Bedürftige kistenweise Paprika, Äpfel und Brot bekommen? Dass sie so reich von der Tafel beschenkt wurde, lag vermutlich am einmaligen Anlass und dem offiziellen Umfeld. Ein soziales Experiment, das ist interessant. Würde es hier um ein wöchentliches Meetup von Hartz IV EmpfängerInnen gehen, wäre die Zugangshürde sicherlich höher.

Der Karma-Deal im Netz

Meine Karma-Anfrage „Tausche Website gegen Personal Training“ wird man anonymisiert auf die Website der Konferenz stellen. Angebote wird man man mich weiterschicken. Wann das genau passieren wird, kann man mir nicht sagen. Die meisten HelferInnen der Konferenz sind arbeitslos und sind unter der Woche mit Bewerbungen oder Weiterbildungen ausgelastet. Aber … vielleicht. Vielleicht kommt eines Tages doch ein unbezahlter Deal zu Stande. Wer weiß. Ich muss nur darauf hoffen.

Alles fließt

Am zweiten Tag der #dclass Konferenz höre ich ein Vortragspanel, bei dem ein junger Gründer ein idealistisches Spenden-Projekt vorstellt. Mein Grundeinkommen sammelt Treuepunkte von Supermärkten und online Geldspenden, um einjährige bedingungslose Grundeinkommen verlosen zu können. Ein Mann aus dem Publikum drückt dem Vortragenden ohne jede Quittung 200 Euro in die Hand. Ich finde die Idee so interessant, dass ich Unterstützung bei der Content Strategie der Website anbiete, um die Onlinezugriffe auf die Spendenseite zu erhöhen. Macht das Sinn? Selbst drei Wochen nach der Konferenz hat niemand auf meine freundliche E-Mail geantwortet, um meine Expertise pro bono in Anspruch zu nehmen.

Das Ende der Zivilisation

Was heißt #dclass eigentlich? „D steht für Demokratie“ erfahre ich von #dclass Pressereferent Oliver Pritzkow. Ich bin erleichtert. Fast hätte ich gedacht, das „D“ sei die Nummer einer sozialen Klasse.

Wir müssen etwas ändern. Nur wie?

Epilog

Am Barcamp-Tag kam einer der Panelisten nicht. Ich sprang kurzentschlossen ein. „Machen wir eine Spontansession zum Thema Bloggen“ schlug ich vor. Es waren knapp zehn Personen versammelt. Ich erfuhr spannende Geschichten und plauderte ein paar Minuten aus dem Nähkästchen.  Das Feedback war angenehm und inspirierend. „Keine Angst vor bösen Kommentaren!“ mahnte ich. „Habt lieber Angst, dass niemand kommentiert!“ Nach einer halben Stunde waren wir alle ein bisschen klüger.

Die Moderatorin erklärte uns den Grund für die Lücke.
„Der Speaker hat gerade angerufen, ihm ist schlecht geworden vor Aufregung. Er ist zu Hause und kotzt.“

8 Gedanken auf "#dclass fühlt sich hölzern an"

  1. van bo le-mentzel Antworten

    ich finde es grandios, dass Du so spontan eingesprungen bist und ein Speakout beigesteuert hast. Übrigens: Wir hätten die Kosten für Tontechniker, Taxifahrer, Lichtmann auch auf 0 Euro bringen können, doch wir arbeiten hier alle nach dem Guten Karma Prinzip. Das heisst: Wenn ich das Gefühl habe, es bringt gutes Karma, mach ich es, und wenn es böses Karma gibt, lasse ich es. Bei den Texhnikern im Heimathafen hat es sich für mich nicht richtig angefphlt, sie darum zu bitten auf ihr Gehalt zu verzichten. Den Raum haben wir ja mietfrei bekommen. Genauso auch die Taxifahrer. Ich hätte mich auch nie getraut von den Stars wie Prof Gerald Hüther zu verlangen, dass sie ihre Reisekosten selbst tragen. Das hat Hüther aber tatsächlich gemacht. Wenn Du Geld oder andere Unterstützung brauchst, melde Dich gerne bei mir: van bo 015115675026

    • Granaton Antworten

      Lieber van bo,
      vielen Dank für deinen Kommentar! Wir sind alle Menschen, oder nicht? Ob nun Stars oder Dust … Ich habe durch die Konferenz sehr viel nachgedacht darüber, was „Armut“ eigentlich bedeutet. Wäre Gerald Hüthner zu einer Fachkonferenz eingeladen gewesen, für die das Ticket 1200,- Euro kostet, hätte er den Veranstaltern wahrscheinlich ins Gesicht gelacht, falls er dafür selbst Reisekosten hätte übernehmen müssen und kein Honorar bekommen hätte.
      Ich glaube, es geht weniger darum, ob pro bono Arbeit böses Karma erzeugt, es geht dabei eher um die Frage, wer mehr hat und wer weniger. Je steiler die Hierarchien in einer Gesellschaft ansteigen, desto böser wird auch das Karma. Würdest du den Technikern sagen: „Arbeitet Ihr umsonst, ich hingegen bekomme dafür ein Honorar von 10.000,- Euro“ würde schlechtes Karma entstehen. Aber wenn ALLE pro bono arbeiten, ist es schon wieder in Ordnung. Ich habe einen Nachteil, wenn ich meine Leistungen pro bono anbiete, so lange es Menschen gibt, die für ebendiese Leistung Geld verlangen. Je niedriger die Preise, desto tiefer falle ich, wenn ich die Leistungen ohne Gegenwert in Geld tausche. So unlogisch das vielleicht auch klingen mag.
      Diese Situation mit der Kellerstiege und den streng rationierten Lebensmitteln für amtlich bestätigte „Bedürftige“ hat mich wirklich erschüttert. Das Karma in diesem Umfeld ist unvorstellbar.

      • Sebastian Antworten

        Ihr meint das mit dem Karma wirklich Ernst, oder? Also das ist keine Metapher irgendwie für Gutes tun oder so?

        • Granaton Antworten

          Lieber Sebastian,
          Van Bo Le-Mentzel hat laotischen Migrationshintergrund. In Laos ist der Buddhismus die verbreitetste Religion. Das Wort „Karma“ hat für ihn sicherlich einen ganz anderen emotionalen Wirkungsraum, als für mich, die ich österreichischen Migrationshintergrund habe. Das Wort „Sünde“ ist bei mir belegt mit „Entfernung von Gott“ und mit autoritären, alten Männern, die ziemlich nerven. Für Atheisten wird „Sünde“ wohl eher mit „Sahnetorte“ in Verbindung stehen. Ich denke, wie du den Begriff „Karma“ nun interpretierst, hat sehr viel mit deiner eigenen Biografie zu tun. Wie siehst du das?

  2. Juri Antworten

    Hi Granaton, quasi ein Wunder, dich hier zu finden!

    Als erstes oute ich mich mal: Ich bin der Studierende (allerdings war es Grundschullehramt und nicht Soziologie). Und ich will gleich mal loswerden: Es tut mir echt Leid, wie blöd das gelaufen ist.

    Ich war am Anfang der Konferenz ziemlich informationsüberwältigt und auch ein wenig hilflos. Es hat mich ehrlich gefreut, dass du mich angesprochen hast, und ich habe versucht, das Beste daraus zu machen, aber ich fühlte mich total unfähig, irgendwelche weitere Informationen aufzunehmen, es war alles so viel. Ich glaube, das hat dazu geführt, dass ich so desinteressiert gewirkt habe. Und gefühlt kam mir das alles auch etwas zu früh, ich hatte gehofft, erst ein paar Speakouts zu hören und dann mehr Zeit mit Kontakte knüpfen und Austausch zu verbringen. Insofern fühlte ich mich ein wenig „überrumpelt“.

    Dabei war mir durchaus bewusst, dass ich gerade wohl unhöflich erschien, und ich hätte es auch echt gern besser gemacht, aber zu dem Zeitpunkt habe ich es einfach nicht besser hinbekommen.
    Das hatte ich auch nachher im Kopf (wo ich zusätzlich wegen dem Catering schon etwas fertig war), als ich dich noch ein paar Mal gesehen habe, und dachte mir: „Verdammt, wie reagier ich jetzt?“ Mit dem Thema wieder anfangen, nachdem ich vorher so abwehrend gewesen war, fühlte sich ziemlich hochnäsig an a la „So, jetzt habe ich für dich Zeit“, und so was zu vermitteln ist ja ziemlich scheiße. Spontan fiel mir dann nichts besseres ein als das Thema unter den Tisch fallen zu lassen. (Im Nachhinein betrachtet wären wohl alle anderen Reaktionen besser gewesen. Na ja, nachher ist man immer klüger.)

    Ich hatte eigentlich geplant, die Karma-Zettel durchzuklicken, wenn sie online sind, und dich dann anzuschreiben – deinen Zettel hätte ich ja wiedererkannt. So ging das natürlich wesentlich schneller, aber so lese ich auch sehr deutlich, WIE blöd das gelaufen ist und wie negativ sich das für dich angefühlt hat.

    Insofern also: Ganz großes Sorry! Ich mache mir zwar keine Selbstvorwürfe zu meinem Verhalten, weil ich weiß, dass ich das unter den Umständen einfach nicht besser hingekriegt hätte, aber das ändert nichts daran, dass es mir mega Leid tut, wie blöd sich das für dich angefühlt hat. (Ich hoffe, das war verständlich formuliert.)
    Btw. meine Reaktion hatte wirklich überhaupt nichts mit deinem Outfit zu tun – spontan könnte ich es mir gar nicht mehr zusammenreimen. Äh, unter anderem grau? Mehr ist bei mir wirklich nicht hängen geblieben, ich achte auf so was nicht so. Ich glaube, wenn du in einem Müllsack (oder einem super-festlichen Kleid) gekommen wärst, wäre meine Reaktion gleich gewesen.

    Wir könnten gern mal skypen, falls du noch Interesse an einem Austausch hast. Die Parkhaus-Garagen-Analogie würde mich auch sehr interessieren. ;) Falls das für dich noch ein Thema ist, kannst du mir gern schreiben, E-Mail ist hier ja angegeben, oder auf den Kommentar antworten; ich wäre auf jeden Fall interessiert. Es war mir in jedem Fall wichtig, dir zu sagen, dass meine Reaktion wirklich nur mit den äußeren Umständen zu tun hatte und nicht mit dir oder deinem Auftreten, und dass mir die ganze Chose sehr Leid tut.

    Liebe Grüße,
    Juri

    • Granaton Antworten

      :)

      Parkhaus versus Garage: Wenn du ein Auto in ein Parkhaus stellst, dann bezahlst du dafür eine feste Monatsgebühr, unterschreibst einen Vertrag mit Hausordnung, musst dich aber auch um nichts kümmern. Du hast deinen nummerierten Platz. Für Strom, Luft, Licht, Zugang, Schranken … ist gesorgt. Dafür hast du wenig kreativen Spielraum, wenn es um die Gestaltung der Garage geht. Du kannst keine eigenen Regale bauen und wenn du Extras willst, musst du extra bezahlen. Wenn du den Platz nicht mehr betreiben kannst, verlierst du ihn. Und du darfst auch keine Bandproben machen auf deinem Stellplatz. Das ist wie bei WordPress.com.
      Wenn du eine eigene Garage baust für dein Auto, kannst du darin alles machen, auch Pilze anbauen, so lange du die Nachbarn nicht belästigst und nicht gegen Gesetze verstößt … Wenn du etwas daran ändern willst, kostet dich das nichts. Du kannst die Garage auch verwildern lassen. Aber du brauchst ein Grundstück, du musst sie selbst bauen, musst auch da die städtische Bauordnung einhalten und musst die Garage selbst pflegen und erhalten. Falls sie auf einem gepachteten Grundstück steht, verlierst du sie, wenn du die Pacht nicht mehr zahlst. Das wäre wie WordPress.org bei shared Hosting oder einem gemieteten virtual Server.

      • Juri Antworten

        Na das ist doch mal eine Beschreibung! :)
        Vielen Dank, damit kann ich echt was anfangen! Jetzt kann ich mir ungefähr vorstellen, was was ist (und auch, ab wann WordPress.org oder ähnliches ungefähr interessant wird). Ich bewege mich momentan in so kleinem Rahmen und blogge auch nur, weil es mir Spaß macht, dass ich glaube, dass mir WordPress.com erstmal genügen wird.
        Vielen Dank für die breite und anschauliche Ausführung! :)

        Liebe Grüße,
        Juri

        • Granaton Antworten

          Gern geschehen! Ich glaube auch, dass für deine Zwecke WordPress.com ausreichend ist. Ein Umstieg wird interessant, sobald du deine eigene Domain nutzen und individuelle Designs/Plugins nutzen willst. Viel Spaß beim Bloggen!

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