Familienaufstellung

Ausgewählte Werke der Jahresausstellung Kunsthochschule Weißensee 2013

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Superhelden hängen von der Decke des Schlafzimmers einer Frau, die allein in einem für eine Person viel zu großen Bett liegt. Unbezwingbare Comicfiguren, die von einer wahren Heldin im Traum gesammelt zu Trophäen werden.
Auf dem zweiten Foto versammelt sich eine illustre Gesellschaft von Menschen, die man irgend woher zu kennt glaubt. Trifft man sich, um gemeinsam – ja, was genau zu tun? Was wird hier besprochen, was heckt man aus? Die Fotos heißen “Aufstand” und “Superhelden”, Merlin Ortner hat opulente Filmszenen inszeniert und einen besonderen Moment davon für seine Bilder eingefangen.

Wir befinden uns in der Ausstellung “Familienaufstellung”, eine Leistungsschau der Klassen Malerei und Bildhauerei der Kunsthochschule Weißensee. Sie findet in den Uferhallen in Berlin-Wedding statt und ist ein kreativer Querschnitt durch intelligente Gedankenwelten. Insgesamt 54 TeilnehmerInnen sind vertreten, die vorliegende Auswahl stellt einen persönlichen Ausschnitt über Werke dar, die ich gemeinsam mit meiner Freundin Mia ausgesucht habe.

Moreen Vogel

Ein Bett im Kornfeld? In diesem Fall ist es umgekehrt – ein Korn im Bettfeld. Moreen Vogel hat verschiedene Pflanzensamen auf eine Matratze gestreut, die Matratze bewässert und nun grünt und sprießt es darauf. Der Geruch erinnert mich ein wenig an den frischen Duft in guten Bioläden, wo man Sprossen und frisch gezogene Kresse bekommt. Spannend, zu beobachten, wie sich das Werk bis zum Ende der Ausstellung noch verändern wird …

[Nachtrag vom 1. August 2013] Zur Finissage der Ausstellung finde ich einen eher unerwarteten Zustand vor. Licht- und Wassermangel haben alle Pflanzen umgebracht bis auf die Brennnessel. Sie hat sich gut entwickelt und ein starkes Netz aus Luftwurzeln entwickelt. Ein klein wenig erinnert mich das an Onlinestrukturen. Eine Brennnessel muss man sein, dann überlebt man. [/Nachtrag]
Moreen Vogel | Familienaufstellung

Moreen Vogel | Familienaufstellung

Thomas Korn

1492 – eine Anspielung auf die Reconquista in Spanien? Das Werk heißt “Gorilla und Jesus (in blau) greifen übers Wasser und angeln Forellen (Columbian Exchange)”. Die Wandobjekte sind aus Salzteig geformt und mit Öl bemalt. Ich finde die Arbeiten tiefgründig, sexy und attraktiv. Angesiedelt zwischen Archäologie, Hipsterkultur und europäischen Traditionen, die sich mit der Indiokultur Südamerikas vermischt haben.

Kontakt: thomaskorn1 [at] gmx.de

Emma Adler

“sierknellöH mI slefiewZ seD” steht mit weißen Lettern auf einem schwarzen Plakat, das in das Beschriftungsfenster eines Containers eingeklebt ist. Wie bitte? Ist das Plakat das Kunstwerk oder der Container? Ist das ein Container, der sowieso in dieser Lagerhalle steht, oder gehört er zur Ausstellung? Man kann hineinklettern, die Türe ist offen. Darin liegt ein Tuch mit einem Gesichtsabdruck, das entfernt an das Turiner Grabtuch erinnert, sowie eine kleine Videoprojektion von hellen blauen Lichtstreifen. Eine Hommage an Dan Flavin? Am anderen Ende der Halle steht ein zweiter, identischer Container. Hier ist das Plakat spiegelrichtig: “Im Höllenkreis Des Zweifels.” Nun erklärt sich auch die Videoprojektion: Es ist ein Livestream des Inhalts des zweiten Containers, in dem eine lebensgroße Höhensonne als Flügelaltar inszeniert ist. Das UV-Licht lässt Weißes hellgrell erstrahlen und verwandelt Besucher der Installation in Geister. Liebevolle Details sind Teil des Werks (sogar an eine UV-Schutzbrille dachte die Künstlerin Emma Adler).

[ Nachtrag vom 8. August 2013] Emma Adler bedankt sich per E-Mail für den Artikel. Interessant sind ihre Anmerkungen zu ihrem Werk: „Höllenkreis“ ist ein Zitat aus dem Schlingensief-Film „Die 120 Tage von Bottrop“, der „Höllenkreis“ stammt ursprünglich aus Dantes Göttlicher Komödie. Das Schweißtuch ist tatsächlich der Gesichtsabdruck der Künstlerin. Einmal mehr wird deutlich: Man kann Kunst nicht in allen Facetten verstehen, wenn man sich nicht mit den Ideen der SchöpferInnen auseinandersetzt. Die Laien-Forderung „Kunst muss für sich selber sprechen können, wenn ich es nicht intuitiv verstehe, ist es keine gute Kunst“ ist ein Anfängerfehler, der zwar den Kunstmarkt in vielerlei Hinsicht geformt hat, aber glücklicherweise die jungen Talente nicht verstört hat. Zumindest nicht alle. [/Nachtrag]

 

Eriko Yamazaki

Bienenkorb, Hornissennest, Spinnenhaus … für Insektenliebhaber ist dieser Teil der Ausstellung magnetisch anziehend. Organisch wirkende Gebilde aus Pappmaché und Ton sind so überzeugend im Raum installiert, dass man einen Schwarm von überdimensionierten Alienbienen erwartet, die gleich aus ihren Nestern ausströmen. Eriko Yamazaki, junge Absolventin der Bildhauerei, zieht interessante Parallelen zwischen Ruinen, Architektur und Natur.

Astrid Auberger

Was macht der schwarze, kaum sichtbare Stolperstrick auf dem Boden, der die kleine tanzende Ballett-Zierfigur davor bewahren soll, beim Turbokreiseln gestört zu werden? Das Figürchen, das Astrid Auberger in atemberaubender Geschwindigkeit hier zentrifugieren lässt, könnte vielleicht aus der Vitrine ihrer Großmutter stammen, vielleicht aber auch aus dem Ein-Euro Laden auf der Friedrichstraße. Die Kombination aus rational/funktionalem Möbelstück und naivem Dekor ist umso reizvoller, als dass die Gestalt der Ballettfigur durch ihre schnelle Drehung nur noch rudimentär erkennbar ist – und im Auge der Kamera zur Todesgöttin Kali mutiert.

Janina Schütz

Das geheime Labor eines Psychopathen? Alchemie, Zauberküche oder das verwunschene Stübchen eines genialen Wissenschaftlers? “Atopia” ist eine Sammlung von mysteriösen Gegenständen, die in liebevoll gearbeiteten Möbelchen aufbewahrt sind. Welche düsteren Geheimnisse sind in diesen Schubladen verborgen, welch ekelhafte Brühe gärt in diesem Vitrinenkasten mit Bullauge vor sich hin? Janina Schütz  entführt uns in eine Inszenierung voller Fragen.

Susi Mehl

Susi Mehls Gemälde sind Collagen aus emotionalen Assoziationen von fiktiven und dokumentarischen Beobachtungen. Die Künstlerin ist vor Ort und erzählt über die Hintergründe ihrer Werke. Ketamin und Halluzination, Gothic und Graffiti, Traum und Wirklichkeit verschmelzen zu einem größeren Ganzen. Mehr Bilder von Susi Mehl können auf ihrer Homepage entdeckt werden. Wir lassen die Ausstellung gemeinsam bei handgeröstetem, köstlichem Kaffee vom improvisierten Stand vor der Halle ausklingen und erzählen uns unsere gegensätzlichen Biografien.

Nicolas Fontaine

[Nachtrag vom 1. August 2013] Die Finissage der „Familienaufstellung“ war eine fröhliche Künstlerparty. Nicolas Fontaine, den ich zufällig durch Malte Kebbel kennen gelernt habe, hat mich dazu eingeladen, er hat eine wunderbare Installation gezeigt. Mir ist völlig unklar, weshalb ich sie übersehen habe. Ich habe den Verdacht, das liegt an dem uns anerzogenen Konsumverhalten. Man durchwandert ein Museum oder auch einen Supermarkt im Uhrzeigersinn. Die wesentlichen Grundnahrungsmittel sind in der Nähe des Eingangs. Je näher man an die Kasse kommt, desto mehr Zuckergehalt haben die Produkte. Nicolas Werke haben einen enorm hohen Süßegehalt, sie sind wunderbar. Aber vielleicht war ich schon so satt von den vielen intensiven Impressionen, die ich vorher gesehen hatte, dass ich dafür nicht mehr aufnahmefähig war, denn Nicolas Installation war auf Position zehn vor zwölf. Deshalb sei hier in diesem Artikel ein erstes Foto davon gezeigt, ein Soloartikel über seine Werke folgt. [/Nachtrag]

 

Nicolas Lafontaine | Familienaufstellung

Nicolas Fontaine | Familienaufstellung

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