Hauptdarstellerin: Kunst

Das große Museum - Yves Saint Laurent - Finding Vivian Maier - The Galapagos Affair: Satan Came to Eden - O Homem das Multidões : Filme bei der 64. Berlinale, die künstlerische Methoden, AutorInnen, Werke oder Sammlungen zum Thema machen.

Geschätzte Lesezeit: 16 Minuten

Beitragsfoto: Mit größter Sorgfalt werden Artefakte im Kunsthistorischen Museum in Wien behandelt. „Das große Museum“ erzählt liebevoll, wie Menschen und Kunstwerke miteinander coexisitieren und gegenseitig aufeinander aufpassen.

Filmübersicht

 

Das große Museum

Österreich 2014, 94 Min, dokumentarisches Format
Regie: Johannes Holzhausen

Das Große Museum - Premiere Berlinale

Regisseur Johannes Holzhausen, Gemäldegalerie-Direktorin Dr. Sylvia Ferino und ihre Teams von Film und Museum freuen sich gemeinsam über die Premiere von „Das große Museum“ bei der Berlinale.

Wien. Den Namen haben Sie schon einmal gehört. Sie verbinden mit dieser Stadt vermutlich genau das, was der  Film „Das große Museum“ zeigt: Güldene österreichische Kaiserzeit, Direktorinnen, Hofräte, Bundpräsidenten und gemütliche Menschen. Ein Dokumentarfilm, der von der ersten bis zur letzten Minute das Klischee bedient, das die Welt von Wien haben mag.

Nun muss  man aber ganz ehrlich zugeben, dass dieses Klischee nicht von ungefähr kommt. Im Kunsthistorischen Museum in Wien ist es Realität. In diesem Haus ist Kaiser Franz-Josef so präsent, als wäre er gerade auf Skiurlaub und nur vorübergehend nicht erreichbar. Der Strom der Zeit scheint hier still zu stehen, umschifft auf einem winzigen Seitenkanal für gelegentliche Anpassungen.
„Das große Museum“ ist so entspannt wie ein Stummfilm aus den Zwanziger Jahren, der dramaturgische Ablauf passt zur Handlung. Würden die RestauratorInnen nicht miteinander sprechen, während sie die immens schwere, juwelenbestückte Kaiserkrone aus der Vitrine heben um sie zu reinigen, würde man meinen, der Regisseur habe in Superzeitlupe gefilmt. Man wird in diesem Haus dafür bezahlt, sachte zu machen. Leinwandexpertinnen, die mit Pinzette und Lupe Mottenlarven aus riesigen Ölgemälden picken, verhalten sich zwar völlig authentisch. Nichtsdestotrotz erinnern sie mich an Figuren aus polnischen Problemfilmen, die sich in übersteigerter Verzögerung bewegen, um den Handlungen ihrer Charaktäre mehr Bedeutung zu verleihen. Auch die Kunsttransporthelfer passen in dieses Bild. Langsam. Vorsichtig. Jede schnelle Handbewegung kann ein jahrhundertealtes Artefakt vernichten.
Im starken Gegensatz dazu steht der junge Archivar, der mit einem Rollerscooter auf Parkettboden durch kilometerlange Bibliotheken gleitet, selbstverständlich ohne in den schmalen Durchgängen irgendwo anzustoßen, um den Kopierer zu erreichen, der unter dem Sturz einer Doppelflügeltüre untergebracht ist.

Das Große Museum

Rubens oder nicht Rubens? Mit kriminalistischem Spürsinn gehen Restauratorinnen mit einem Experten gemeinsam der schwierigen Frage der Autorenschaft einer Gemäldeskizze nach.

Viele lustige Details werden im Lauf der Handlung erzählt. Ein Baulift mit Korb wird gebraucht, um Mottenfallen unter der Deckenverschschalung auf Kadaver zu überprüfen. Krähen werden vom alten Hofrat mit Camembert und Nüssen gefüttert. Die einzigen zeitgenössischen Kunstwerke, die in diesem Haus neben Salzfass und Rubens coexistieren dürfen, stammen von Olafur Eliasson – als Lüster der Kunstkammer.
Auch Problemchen werden in diesem zeitlosen Ambiente angedeutet. Man kann die Direktorinnen der Gemäldegalerie und der Schatzkammer dabei beobachten, wie sie mit dem kaufmännischen Leiter des Hauses über sechsstellige Budgets streiten oder Marketingstrategien besprechen, die nicht einmal im Ansatz überraschend oder innovativ sind. „Wir werden mit dem Landeskrankenhaus verglichen, wenn es um Steuergelder geht“ mahnt der junge, sanft schnöselig wirkende Gelddompteur. Man versteht, dass man sich nicht auf seinen Kronen ausruhen darf, auch das Große Museum muss Zahlen erwirtschaften. Die Schatzkammer wird folglich – Schock! – in „Kaiserliche Schatzkammer“ umbenannt, das könnte TouristInnen mehr interessieren. Geld wird einfach gebraucht. Eine Mitarbeiterin des Kostümfundus versucht, bei einer Auktion original Livreen für das Museum zu erwerben, wird jedoch von ausländischen Investoren hoffnungslos überboten. Zum Glück wird dem Museum eine wunderbar erhaltene Uniform eines hochrangigen Soldaten aus dem Kaiserreich geschenkt. Ein betagtes Ehepaar trennt sich schweren Herzens von diesem Erinnerungsstück an den Vater. Es hat „viel Gold“ auf dem Revers und ein Trauerdegen zur Erinnerung an den Tod von Kaiser Franz Josef ist auch dabei. Karl Habsburg-Lothringen, Enkel des letzten Kaisers von Österreich, fühlt sich in diesem Ambiente wie zu Hause.
Eine kleine Geschichte hat mich persönlich sehr bewegt. Die Kunstvermittlerin mit leicht slawischem Akzent, sie wird vielleicht fünfundvierzig Jahre alt gewesen sein, beklagt sich bei einer MitarbeiterInnenversammlung sehr darüber, dass sie in den zehn Jahren ihrer Tätigkeit nie anderen Abteilungen vorgestellt worden ist. Sie will gerne die Kollegen aus dem Museum kennen lernen. Das wünscht sie sich für die Zukunft – bis 2020 vielleicht. Im Abspann ist sie jedoch mit einem Kreuzchen als „verstorben“ markiert. Ich fragte den Regisseur nach ihr. Sie sei bei einem Autounfall ums Leben gekommen, erzählte er mir. Ihr überaus sympathischer Wunsch ist nicht in Erfüllung gegangen. Das fand ich sehr tragisch.

Das Große Museum

Um die Räume des Kunsthistorischen Museums für die Präsentation seiner wertvollsten Artefakte vorzubereiten, muss vollständig neu renoviert werden. Die Handwerker sind dabei nicht zimperlich, alles muss ab.

Mein Fazit: Ein lustiger, gemütlicher, schöner und auch lehrreicher Film, handwerklich vom Feinsten, der an manchen Stellen ein kleines bisschen nachdenklich macht. Man hat danach das gute Gefühl, dass die künstlerische Vergangenheit Österreichs in besten Händen ruht und wohl auch noch in fünfhundert Jahren für die Nachwelt erhalten sein wird. Tiefschürfende Kontroversen, Intrigen, Neid, Streit oder soziale Probleme vermisst man ein wenig. Der Verdacht, der Film könnte ein Auftragswerk der Republik Österreich sein, von deren Steuergeldern er ja auch finanziert ist, keimte nicht nur in mir. Ist das schlimm? Nein. Eigentlich nicht. Für heile Welten muss auch Platz sein bei der Berlinale. Der Caligari-Filmpreis der 64. Berlinale wurde dem Großen Museum verliehen. Zu Recht.

Finding Vivian Maier

USA 2014, 84 Min, Englisch, dokumentarisches Format
Regie: John Maloof, Charlie Siskel

John Maloof | Vivian Maier

Mir sind kurz die Tränen gekommen. Diese Geschichte ist so wahrhaftig und traurig und gleichzeitig auch schön, dass sie wie ein Märchen anmutet, während sie gerade wirklich stattfindet. Der Sohn eines Nachlassdealers in Amerika, der mit Garagenfunden gehandelt hat, wächst zwischen Flohmärkten und verrückten Sammlernaturen auf. Er jobbt sich durchs Leben, betreibt einen eBay Store, macht mal dies, mal das. Als er sechsundzwanzig Jahre alt ist, möchte er gerne ein Buch über seine Heimatstadt Chicago schreiben und sucht dafür nach alten Architekturfotos. Bei einer Auktion, über die der Inhalt eines verwaisten Storehouses versteigert wird, erwirbt er eine Schachtel mit Negativen. Erst kann er sie nicht so recht einordnen, findet auch nicht, wonach er sucht. Doch dann entdeckt er Mittelformatportraits von Menschen auf öffentlichen Straßen, deren hohe Qualität sich ihm Negativ für Negativ erschließt. Er scannt einige Bilder. Sein Interesse an diesen Fotos wird immer größer. Er sucht nach den anderen Schachteln, die über diese Auktion versteigert wurden und erwirbt einen großen Teil. Schließlich reihen sich Box an Box auf dem leeren Dachboden in seinem Haus. Eine riesige Anzahl an Negativen, unentwickelten Filmrollen und privaten Gegenständen einer selbst Google unbekannten Frau tun sich ihm auf.

Finding Vivian Maier

Das unentdeckte Oevre aus vielen tausend Straßenmotiven einer autodidaktischen Künstlerin wurde zu Lebzeiten der Autorin nie vergrößert, ausgestellt oder anerkannt. Erst versucht John Maloof, Museen auf seinen Fund aufmerksam zu machen, doch er bekommt nur Absagen. Also macht er sich selbst auf die Suche nach den Spuren dieser Amateurfotografin. Er hat ein neues Ziel: Das Werk der fremden Vivian Maier bekannt zu machen und ihren Namen unauslöschbar in der Kunstgeschichte zu verankern. Das, was er auf seiner Suche entdeckt, erscheint so unglaublich und skurril, dass man an ein Script von Lars von Trier denken möchte. Doch alles ist wirklich so passiert.
Ob die Motivation des jungen John wirklich so altruistisch ist, wie er es als Regisseur dieses Dokumentarfilms und Eigentümer des Nachlasses gerne darstellt, oder ob da nicht doch knallhart der Geschäftsmann die treibende Kraft ist, der durch die verstorbene Vivian Maier eine einträgliche Geldquelle erschließen möchte, ist für die Geschichte nebensächlich. Das Ziel, posthume Anerkennung für eine fremde Künstlerin zu bekommen und ein privates Oevre öffentlich zu machen, ist durch das Engagement des Flohmarktjungen nicht zuletzt durch seinen Film in greifbarer Nähe.

Mein Fazit: Unbedingt sehenswert, ein echtes Erlebnis.

Yves Saint Laurent

Frankreich 2013, 110 Min, Französisch
Regie: Jalil Lespert

Yves Saint Laurent Film

Wer vögelt hier bitte eigentlich wen, und warum? Das Biopic über Yves Saint Laurent verwirrte mich. Wechselnde Beziehungskisten, Freundschaften und Affären, die sich mit Party-Exzessen und Psychiatrieaufenthalten abwechselten, lenkten von den Inhalten ab, wegen derer ich mir diesen Film so gerne ansehen wollte – nämlich Kunst und Mode als Einheit, in Verbindung gebracht von einem Künstler seiner Zeit.
Yves Saint Laurent starb 2008, ich erinnere mich daran noch gut, denn das war das Jahr, in dem ich mir das klassisch-dunkle Brillenmodell des YSL-Labels gekauft hatte, das seinem eigenen Stil nachempfunden war. „Nerdbrille“ wurde sie von meinen Freunden liebevoll getauft. Ein Jahr später wurde von Pierre Bergé, dem Erben und langjährigen Partner von Saint Laurent, deren fast tausend Teile umfassende Kunstsammlung durch Christies unter den Hammer gebracht. Ich war zu der Zeit gerade für ein Start-Up tätig, das sich auf Antiquitäten, Kunst und Raritäten fokussiert hatte und schrieb darüber einen Artikel. Es war traurig, dass diese Sammlung zerschlagen wurde, denn der kreative Akt, eine lebendige Collection zu erschaffen, ist von eigenem künstlerischen Wert und unter gewissen Umständen auch urheberrechtlich geschützt. Yves Saint Laurent war einer dieser raren Kunstliebhaber gewesen, der nicht aus finanzieller Spekulation heraus Kunst kaufte, und auch nicht aus Prestigegründen. Er sammelte aus Leidenschaft, suchte zeitlebens darin Inspiration. Hätte man ein Saint Laurent Museum errichtet, so wie Pierre Bergé es vorgeschwebte, hätte man über diese Werke viel über seine kreativen Quellen erfahren können. So bleibt der Öffentlichkeit nur der Katalog von Christies, um zu erfahren, was Yves Saint Laurent künstlerisch schätzte, welchen Vorlieben er nachging und an welchen Stücken sein Herz hing. Eine Menge Anleihen von diesen Kunstwerken flossen in seine Mode. Insofern hoffte und erwartete ich sogar, dass das Biopic über Saint Laurent auch auf die Sammelleidenschaft und die Kunst in seinem Leben zu sprechen kommen würde. In kleinem Umfang ist das auch der Fall.
Der Film beginnt sogar mit der Auktion der Kunstwerke. Pierre Bergé blickt zurück auf die gemeinsame Zeit. Die kommende Geschichte wird überzuckert von der Idee der großen erotischen Liebe zweier Männer, die gemeinsam mit Leidenschaft Kunst gesammelt haben, von der sich der Hinterbliebene nun aus lauter Kummer trennen muss. Er kann es nicht ertragen, von Werken umgeben zu sein, die ihn an seine große Liebe erinnern. Ich habe schon aufgrund dieser Einleitung nicht so recht Vertrauen in diesen Film entwickeln können, das entsprach nicht den wahren Motiven Bergés, sondern eher dem Bedürfnis des Filmemachers, eine romantische Story zu entwickeln. Wobei ich dessen Verständnis von großen Gefühlen eher als platt und oberflächlich bezeichnen würde, anstatt feinsinnig und tiefgründig. „Ist doch nur ein Film.“ Die anfängliche Befürchtung, einem Genie-Genrefilm ausgesetzt zu werden, erfüllte sich auch  größtenteils. Dennoch blitzten immer wieder kleine Referenzen auf Kunst durch, beispielsweise als der junge Yves Saint Laurent zu einem kritischen Zeitpunkt, in dem sich alles um Investoren und Geld dreht, eine historische Statue erwirbt, ohne auch nur nach ihrem Preis gefragt zu haben. Auch das Mondrian-Kleid, inspiriert von einem Gemälde ebendieses Künstlers, wird porträtiert. Es sei das erfolgreichste YSL-Modell aller Zeiten geworden, erzählt der Film. Kurz blitzen Werke von Künstlern auf, die Saint Laurent porträtiert haben, darunter das Aktfoto von Jeanloup Sieff und die Siebdrucke von Andy Warhol. Auch aus den späteren Kollektionen, die im Film leider immer nur im Kontext von Modeschauen in die Geschichte integriert werden, leuchtet das Kunst- und Kulturinteresse des Modemachers. Ich hatte aber den Eindruck, dass seine Modelle nur gezeigt wurden, um dem Publikum große, manisch-depressive Gefühle zwischen Zusammenbruch und Ruhm verkaufen zu können.
Bergé wird als tragische Figur gezeigt, die er sicherlich auch war. Emotional gestörte Genies haben tatsächlich die Tendenz, die Menschen in ihrem Umfeld in Rollen zu zwingen, die nicht deren wahrem Charakter entsprechen. Wenn die gegenseitige Abhängigkeit stärker ist als schlechte Gefühle, kann das zu sehr stabilen Beziehungen führen. Sicherlich wäre Yves Saint Laurents Karriere als Künstler in jungen Jahren in der Psychiatrie ausgelaufen, hätte er nicht in Bergé einen stabilen und zuverlässigen Partner gefunden, der zeitlebens bereit gewesen ist, sich an seine Liebe anzupassen.

Mein Fazit: Ein unterhaltsamer Porträtfilm, der viel anreißt aber wenig sagt. Für einen leicht überkandidelten Einstieg in das Leben von Yves Saint Laurent aber gut geeignet.

The Galapagos Affair: Satan Came to Eden

USA 2013, 120 min, English, Spanish
Regie: Dayna Goldfine, Dan Geller
Erzählungen gelesen von Cate Blanchett, Diane Kruger, Thomas Kretschmann, Sebastian Koch, Josh Radnor

In den obenstehenden Reviews ist offensichtlich, welche Rolle Kunst in den jeweiligen Filmen spielt. Bei The Galapagos Affair: Statan Came to Eden ist das nicht mehr ganz so eindeutig. Was ist hier die Kunst? Der gesamte Film, der in seiner Erzählstruktur von Meilensteinen der Filmgeschichte inspiriert ist? Das dokumentarische Originalfilmmaterial von norwegischen Forschern? Die literatrischen und philosophischen Texte der Auswanderer? Oder etwa die Stummfilmblödelei mit Piratenkönigin, die Norweger mit einer Inseleroberin gedreht haben? Für mich sind alle diese Details künstlerisch interessant und erwähnenswert. Wesentlich für meine Entscheidung, dieses Werk als Film über Kunst einzustufen, ist jedoch die Handlung, die von Ereignissen erzählt, die meiner Ansicht nach sehr wohl als künstlerische Aktion verstanden werden können.
Im Jahr 1929 verlassen der Arzt und Hobbyphilosoph Friedrich Ritter und seine Patientin Dora Strauch, die an Multipler Sklerose leidet, für immer Deutschland. Sie sind ein Liebespaar und wollen fernab von jeder Zivilisation ein neues Leben beginnen. Als neue Heimat wählen sie Floreana, eine einsame Vulkaninsel der Galapagos-Gruppe. Sie verkaufen ihr gesamtes Hab und Gut, statten sich mit Samen, Werkzeug und einem Esel aus und nehmen die weite Reise übers Meer glücklich über ihre Entscheidung in Kauf. Auf der menschenleeren Insel angekommen siedeln sie in einem Tal, das sie nach ihren Vornamen Frido nennen und richten sich ein vegetarisches Leben zwischen Bananenstauden, einem eigenen Gemüsegarten und Meeresalgen ein. Ihre Erlebnisse dokumentieren sie in Tagebüchern. Dora schreibt persönliche Texte, in denen sie ihre Gefühle anfänglich in sehr ehrlicher Weise festhält, während sich später ihre Sicht der Dinge immer mehr verklärt. Friedrich widmet sich philosophischen Theorien, die von Nietzsche beeinflusst sind. Durch den gelegentlichen Besuch eines Forscherteams auf der Insel, das sich anthropologischen Studien widmet, werden sie bekannt. Sie werden in Zeitungen und Aufsätzen besprochen. Ihr ungewollter Ruhm lockt Nachahmer an. Eine junge, konservative Familie mit Einsiedlerideen kommt auf die Insel, später folgt eine manische Neurotikerin mit ihren zwei Geliebten. Die daraus resultierenden sozialen Probleme, die von den gelegentlichen Besuchern der Insel dokumentiert werden, lösen in Europa eine ganze Welle von Unterhaltungskultur aus. Comics persiflieren die Inselgeschichten, ein Roman wird davon inspiriert. Wie nicht anders zu erwarten, geht die Sache ganz gehörig schief. Ob „Herr der Fliegen“ ebenfalls Anleihen an der Geschichte genommen hat, kann nur vermutet werden.
Achtzig Jahre später erfahren zwei FilmemacherInnen aus den USA von den eigenartigen Wurzeln einiger EinwohnerInnen der Galapagos-Inseln. Woher kommen die deutschen Namen und Kulturgüter in diesem entlegenen Winkel der Welt? Wie durch ein Wunder werden die Original-Filmrollen der damaligen Anthropologen in einer Universität in Norwegen entdeckt und gerade noch im letzten Moment vor dem Zerfall gerettet. Wie Salat hätten die Dosen gestunken, als sie sie geöffnet haben, erzählte der Regisseur. Mit Unterstützung der Universität konnte es jedoch weitestgehend restauriert und digitalisiert werden. Die Geschichte der Auswanderer, ihr Aufstieg und ihr Fall wird von Dayna Goldfine und Dan Gellerdes neu aufgerollt und Fragment für Fragment erzählt. Die Texte der damals Beteiligten, darunter die Tagebücher von Dora und Friedrich, werden für den Film von großartigen SchauspielerInnen interpretiert. Ihre Stimmen tragen wesentlich zum Spannungsbogen bei, der das Publikum von der ersten bis zur letzten Sekunden in den Bann dieser Geschichte zieht.

Mein Fazit: Der reiche Kulturschatz aus dokumentierter Aktion, Zeitungsartikeln, Filmdokumenten, Texten, Tagebüchern, Comics, Romanen, philsophischen Vorbildern und sogar einem Stummfilm, mühsam über Jahre zusammengetragen und aufgearbeitet, wird meisterhaft collagiert und mit hohem Unterhaltungswert aus einer zeitgenössischen Perspektive neu erzählt.

O Homem das Multidões

Brasilien 2013, 95 min, Portugiesisch
Regie: Marcelo Gomes, Cao Guimarães

O Homem das Multidões

Das Quadrat ist ein Artefakt. Abgesehen von Kristallstrukturen und einem einzigen Organismus (der Würfelqualle) kennt man es aus der Natur nicht. Auch in frühen kulturellen Systemen kommt es nicht vor. Es ist ein mathematisches Phänomen, eine geometrische Theorie. Durchforstet man die Kunst- und Kulturgeschichte, findet man es nur im Würfelspiel wieder, in den Grundrissen der Pyramiden und im Vitruvianischen Menschen von Leonardo da Vinci. Den großen Durchbruch in Architektur, Design und Kunst hatte das Quadrat erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Kasimir Malewitsch malte ein leicht in den Raum gebogenes schwarzes Quadrat auf weißem Grund. „Das Ende der Kunst“ nannten es Kritiker. Das Gegenteil war der Fall, dieses Bild war eine Sternstunde. Es inspirierte Gestalter, Künstler und Architekten gleichermaßen, das Quadrat hielt Einzug in unser Formbewusstsein. In der Fotografie etablierte es sich durch quadratische Negativformate und später Polaroidbilder. Instagram griff diese Tradition auf und transportierte das quadratische Bild in soziale Medien. Film blieb davon jedoch unberührt. Film wollte seine Zuseher über längere Zeitstrecken in einen tranceartigen Zustand versetzen, wollte unmittelbare Versenkung erreichen. Die Erzeugung eines Formats, das in etwa dem menschlichen Sichtfeld entsprach, war dafür unverzichtbar. Ich glaube nicht, dass es schon jemals einen abendfüllenden Spielfilm in einem quadratischen Format gegeben hat.
Regisseur Marcelo Gomes und Videokünstler Cao Guimarães wollten das einmal probieren. Sie trafen sich in Berlin im Rahmen eines DAAD-Stipendiums und taten sich für dieses Filmprojekt zusammen. Mit der ALEXA verfilmten sie digital eine Geschichte inspiriert von Edgar Allen Poe.
Die Story fand ich in der Ankündigung der Berlinale nicht sehr ansprechend. Einsame Kauze, ungewöhnliche Freundschaften und Staßenbahnen, das Motiv habe ich schon zu oft in zu vielen Variationen gesehen. Ich habe mir diesen Film ausgesucht, weil ich wissen wollte, ob das Quadrat als Bewegtbild funktionieren kann.
Und? Hat es denn funktioniert? Jein. Für ein Spielfilmformat ist es völlig ungeeignet. Projiziert man es sehr hoch und gibt dem Betrachter genügend Breite, sucht das Auge immer unruhig auf- und ab. Projiziert man es hingegen klein, fühlt man sich, als hätte man Scheuklappen auf. Ein eingeschränktes Sichtfeld ist unbequem, Versenkung in die Geschichte gelingt nicht mehr. Das quadratische Format bleibt immer präsent, es zerstreut sich nicht durch den Erzählfluss. Nicht einmal Youtube kann damit etwas anfangen. Mir ist aber im Laufe des Films aufgefallen, dass ganz bestimmte Einstellungen, insbesondere solche, in denen menschliche Dimensionen erzählt werden, durch das Quadrat sehr harmonisch und elegant erscheinen. Ich glaube auch, dass der Film als quadratisches Video auf einem Monitor oder einem Smartphone ganz anders rezipiert werden würde, als auf großer Kinoleinwand. Eine Zuseherin fühlte sich von dieser „Masturbation“ der Regisseure vergewaltigt. Andere Anwesende im Publikum waren hellauf begeistert. Schwer zu sagen, wer wie dabei empfunden hat. Cao Guimarães sagte mir, er würde nach zehn Minuten das Quadrat vergessen. Für mich war das nicht so. Marcelo Gomes erzählte, er betrachte das reduzierte Blickfeld als emotionale Umgebung, um die klaustrophobischen Empfindungen des Hauptfigur spürbar zu machen. Das war theoretisch gut ausgedacht, aufgegangen ist es für mich aber nicht.

Mein Fazit: Das Quadrat als Format für Bewegtbild ist nur dann geeignet, wenn die Form der dargestellten Inhalte im Vordergrund stehen soll. Für Kunstwerke oder dokumentarische Inhalte, in denen Proportion und Ausgewogenheit des aufgenommenen Bildes wichtig sind, ist das interessant. Insbesondere dann, wenn eine kleine Darstellung auf mobilen Geräten in Frage kommt. Für eine Spieldramaturgie jedoch, die von der Erzählung und ihrer Versenkung in sie lebt und nicht von ihrer visuellen Struktur, ist es damals wie heute nicht zu empfehlen. Großer Respekt für die Filmemacher, dass sie dieses Experiment gewagt haben.

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