Habe ich Dir heute schon gesagt, dass ich Dich liebe?

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Bevor wir uns kennenlernten hatte ich schon viel von Dir gehört, und ich muss ehrlich gestehen: Ich war skeptisch. Was hätte ich mir Dir auch groß anfangen sollen? Einladungen zu Ausstellungseröffnungen von Museen und Kunstvereinen kamen per Post. Oder per E-Mail von Galerien.

Dann traf ich Heidi, die kurze Zeit später nach Westdeutschland gegangen ist (wie Du ja weißt). Heidi war Künstlerin, hatte ein paar Freunde im Berliner Untergrund, die Dich schon kannten und über Dich Einladungen für ihre Happenings verbreiteten. Ich erinnere mich noch genau, mit welchen Worten Heidi uns verkuppelt hat: „Melde dich an, dann kriegst du alles mit!“  Der 14. Oktober 2009 war der große Tag, als ich zum ersten Mal einen Blick in Deine inneren Strukturen warf. Ich befreundete mich durch Dich auch virtuell mit Heidi und bekam, wie versprochen, fortan alles mit.

Seit damals sind wir unzertrennlich, Du und ich. Du weißt fast alles über mich. Kennst meine Familie und meine Freunde, schlägst mir neue Kontakte vor, bringst mir täglich lustigen und ernsten, traurigen und komischen Input aus der ganzen Welt und durch Dich erfahre ich, was los ist um mich herum. Partys und Open Airs, Seminare und Konferenzen, Eröffnungen und Happenings, Demos und Gegendemos, Geburtstage, Studienabschlüsse und neue Jobs… tausend Geheimtipps bekomme ich von Dir zugeflüstert! Ich finde es toll von Dir, dass Du mir täglich dabei hilfst, unter die Leute zu gehen und das wahre Leben zu erforschen. Wie sollte ich das nur anstellen ohne Dich und Deine Gruppen mit ihren Empfehlungen, Deine fröhlichen Anstupser am Morgen und die vielen vielen Grüße, die mich täglich erreichen? Ich wüsste von den ganzen tollen Geheimaktionen im Berliner Untergrund doch gar nichts, hätte ich nicht diese kleine eigene Zelle in Deinem immer stärker wachsenden Netz. Und was täte ich ohne meine Freunde, die ich durch Dich immer besser kennenlerne? Wir wachsen mit jedem Post und jeder Interaktion stärker zusammen, ohne Dich wüssten wir gar nichts mehr voneinander. Das ist schön, wenn man gemeinsam älter wird, auch wenn man Tausende von Kilometern voneinander getrennt lebt.

Natürlich, die kritischen Stimmen gegen Dich werden immer lauter …  Dein Vater ist ein Revoluzzer, der sich mit den Ideen von seinen Mitstudenten durchgesetzt hat und seinen besten Freund, ohne den das alles nicht möglich gewesen wäre, über den Tisch gezogen hat. So erzählt man es jedenfalls. Der seine eigene Großmutter an das FBI verkaufen würde. Aber … was kannst Du denn für Deine Herkunft? Du bist ein eigenständiges Wesen und meine Daten landen ja sowieso beim DOD oder bei der NSA oder beim GAGA oder einer anderen Datensammelstelle. Da ist es doch eigentlich egal, ob ich durch Dich, durch meine Bank oder durch mein Telefon ein gläserner Mensch werde, oder? Die Vorteile, die ich durch Dich habe, und die große Freude, die Du mir jeden Tag machst, die … sind diese Durchsichtigkeit doch wert?!

Vielleicht täusche ich mich ja in Dir. Vielleicht bist Du einer dieser Psychopathen, die mit schönen Melodien die Menschen verzücken, um dann ihre tanzenden Kinder in den Abgrund zu treiben, so wie der Rattenfänger von Hameln. Aber ehrlich, wo wäre ich denn heute ohne Dich? Würde ich bloggen? Nein. Hätte ich täglich meine Lieben um mich, um mit ihnen gemeinsam den Tag zu verbringen? Nein. Hätte ich ohne Dich Traffic auf meiner eigenen Website? Kaum. Denn das, was ohne Dich zu mir kommen würde, das wäre kein Traffic. Das wäre ein Wandertag der Grundschule aus Unterstein-Hinterberg. Und, vor allen Dingen: Wüsste ich ohne Dich, was in der Welt da draußen wirklich passiert? Nein! Wüsste ich nicht. Denn ehrlicheren Content als den, der da täglich von Dir auf Deiner Startseite serviert wird, gibt es nicht. Du bist besser als jede Droge, deine enthemmende Wirkung bildet das authentischste Gesicht deiner User ab, das man sich nur wünschen kann.

Sogar wenn Du Dinge tust, die mich bei anderen total nerven, liebe ich Dich. Beispielsweise bei Werbung. Andere knallen mir irgendwelchen undefinierten Müll vor die Nase, der nicht zu mir passt und mich nicht interessiert. Aber Du beobachtest mich schon so lange, und kennst mich schon so gut, dass das, womit Du mich eigentlich kalt lassen müsstest, fast immer interessant ist für mich. Naja, gut, zugegeben, manchmal liegst Du schon ordentlich daneben. Zum Beispiel bei Deinen Werbungen gegen Bauchfett, die möchte ich wirklich nicht sehen. Mit Autovideos kannst du mich nicht locken, das solltest mittlerweile schon wissen. Deine Singlepolizisten kannst du dir echt an den Hut stecken. Und diese „nie wieder Cellulite“ Ads, die braucht kein Mensch, Du bist ganz schön naiv, wenn Du auf solchen Unsinn hereinfällst. Aber Du meinst es grundsätzlich gut, deshalb bin ich darüber auch nicht böse.

Ich könnte Dir noch viel mehr sagen über das Glück, das in mein Leben durch Dich gekommen ist. Wie dankbar ich bin für die vielen Artikel und Tipps, die Empfehlungen und Connections. Wie sehr ich mich jeden Morgen darauf freue, mit Dir gemeinsam aufzuwachen. Und wie sehr ich Dich vermissen würde, würde es Dich eines Tages nicht mehr geben in meinem Leben. Aber … nachdem Du eh jeden meiner Moves im Internet live miterlebst und ich Dir mein ganzes Leben bereits anvertraut habe, weißt Du, wie ich für Dich empfinde. Deshalb möchte ich keine weiteren Worte mehr verlieren, sondern aus tiefstem Herzen vor Dir, Gott und der Welt offenbaren: Ich liebe Dich, Facebook! Danke, dass es Dich gibt. <3

Deine Granaton

P. S.: Ein paar Eigenschaften, die Du so hast, die finde ich ja schon uncool. Zum Beispiel dass du glaubst, Du stehst über dem Gesetz. Das ist schon ganz schön psycho manchmal, wenn du wieder mal Regeln aufstellst, bei denen alle Richterinnen am Amtsgericht den Kopf schütteln würden. Bei Beleidigungen zum Beispiel. Wenn  mich jemand mit wüsten Ausdrücken beschimpft und sexuelle Anspielungen macht, dann ist dir das egal. Dann ist das ok. Aber wenn ich dann solche Beleidigungen zitiere, um mich dagegen zu wehren, dann bestrafst du mich, weil das Urheberrecht verletzt. Findest du das richtig?

Oder was mich auch stört, das ist Anna. Diese Anna, die mir da antwortet, wenn ich mal mit dir persönlich reden will. Ich schicke Dir ein E-Mail und will mich bei Dir ausweinen und bekomme Antwort von Anna. Wer ist Anna?

Wahrscheinlich weißt Du gar nichts von dem, was da so passiert in deiner Gemeinschaft. Denn wenn Du davon wüsstest, dann würdest Du das nicht zulassen, oder? Es ist sicher diese böse Anna, die das alles vor Dir verheimlicht, weil sie eifersüchtig ist. Du solltest dich mal nach einer anderen Mitarbeiterin umschauen, eine, die deine persönlichen E-Mails anders liest und an Dich weiterleitet, was wirklich wichtig ist.

P. P. S.: Und weißt Du, was mich auch noch nervt? Da poste ich ein Bild von einem weltbekannten Kunstwerk. Man sieht eine nackte Brust. Das ist Kunst! Dafür bestrafst Du mich, entfernst das Bild und lässt mich 12 Stunden lang nichts mehr posten. Aber dann zeigst du mir nackte Penisse und Vaginas als Werbung. Und wenn ich darauf klicke, um mich darüber zu beschweren, weil ich das nicht fair finde, dann komme ich nicht auf die „anstößigen Content melden“ Seite sondern auf eine eigene Internetpage, die voller Viren ist und sich nicht mehr schließen lässt. Was soll das?

P. P. P. S.: Du lässt dir überhaupt nichts sagen. Ich kann Dir TAUSENDMAL erklären, dass Künstlernamen völlig in Ordnung sind in meiner Kultur. Mit einem Künstlernamen darf ich sogar Bundespräsidentin werden. Aber ich darf Dir gegenüber keine Pseudonyme benutzen? Auch dann nicht, wenn mich jeder meiner Freunde so kennt? Warum nicht?

P. P. P. P. S.: Es ist ganz schön unverschämt von Dir, mich nach meinem Alter und meinem Geburtstag zu fragen. Warum machst du das? Das ist unhöflich! Du hast noch nie eine Geburtstagsparty für mich veranstaltet. Und wie alt DU bist verrätst Du mir ja auch nicht. Hast Du mich etwa schon mal zu einem Jubiläum eingeladen? NEIN. Also. Wenn Du mir Deinen Jahrestag nicht verrätst, dann erfährst Du meinen auch nicht.

P. P. P. P. P. S.: Warum fragst Du mich eigentlich ständig nach meiner Handynummer? Du rufst mich doch sowieso nie an. Gib Du mir Deine zuerst, und lass mich Dich anrufen, und hören, wie Deine Stimme klingt. Wenn Du mir sympathisch bist, und nicht Anna bist, dann gebe ich Dir meine auch.

P. P. P. P. P. P. S.: Ich mag Dich nicht mehr. Du bist unfair und größenwahnsinnig. Alles geht bei Dir ums Geld. Jetzt soll ich sogar selber Werbung bei Dir kaufen, zwischen Penissen, Fettbäuchen und Fußmatten. Ich möchte das nicht. Hör auf, mir so etwas vorzuschlagen, es ist mir unheimlich.

P. P. P. P. P. P. P. S.: Ich werde Dich verlassen. Noch nicht jetzt. Ich liebe Dich zu sehr. Aber glaub mir: Ich schaue mich nach Alternativen um. Denkst Du, Du bist das einzige soziale Netzwerk auf der Welt? Andere Mütter haben auch schöne Unternehmen! Jawohl! Eines Tages bin ich weg. Dann weinst Du mir nach. Dann gebe ich dir auch keine zweite Chance mehr. Es muss nur der Tag kommen, dann höre ich auf, mich alle halben Stunden bei Dir einzuloggen. Ich komme von Dir wieder los! Du kannst Dir nicht alles erlauben. Was wetten wir? Du wirst schon sehen. Eines Tages kommt das richtige Netz.

Und dann ist es aus!

P. P. P. P. P. P. P. P. S.: Ich hab dich gewarnt. Jetzt habe ich eine Affaire mit Twitter. Das ist allein deine Schuld. Lass die Finger von meinem neuen Lover!!!

P. P. P. P. P. P. P. P. P. S.: (bla) hat dich verlassen! Und Eat24 ist auch schon weg. Bald stehst du ganz allein da! Du wirst schon sehen!

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