Hello, Goodbye Bitcoin

Wie eine Kunstperformance von Geraldine Juárez ebenso unterhaltsam und inspirierend wie oberflächlich und einfach auf mich wirkte

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Also, jetzt einmal ernsthaft. Wenn bei einem Festival für Medienkulturen von einer Künstlerin das Thema „Geldverbrennung“ angekündigt ist, dann könnte man doch mehr erwarten, als ein kleines Lagerfeuer, nicht? Man könnte thematische Bezüge zur Startup-Szene herstellen, für die der Begriff „Cash-burn“ zum Fachjargon gehört. Oder zur Bücherverbrennung. Zur Hexenverfolgung. Zur Wirtschaftskrise. Zur Energiewende. Zur Bankenrettung. Zur Hinterfragung von virtuellem Geld. Man könnte 1001 Inspirationen geben, über Inflation sinnieren. Den Unterschied zwischen einer Papierwährung und Gold diskutieren.
Geraldine Juárez unternahm nichts in diese Richtung. Sie kündigte die Zerstörung von Bitcoins an, virtuellen Geldeinheiten einer unabhängigen Netzwährung, gab dazu aber keinerlei Hintergrundinformationen. Ich war aufgrund der kurzen Ankündigung im Programmheft sehr gespannt gewesen, wollte gerne sehen, wie man virtuelles Geld in Energie, Gase und Wasser aufspaltet. Es hätte so viele mögliche Spielarten dafür gegeben. Doch leider wurde mein Kopfkino nicht bedient, nicht die virtuellen Einheiten wurden verheizt, sondern nur der Zugang dazu.
Die Künstlerin ließ ein Feuer aus Holzscheitern in einer Eisenschale anzünden. Über ihren Laptop (man konnte sie dabei auch beobachten) kopierte sie performativ einen Datensatz auf eine SD Karte, die von ihr mit Goldfarbe angemalt worden war. Es handelte sich bei der Datei um einen virtuellen Schlüssel, dem alleinigen Zugang zu einem Bitcoin-Konto. Es hatte einen Kontostand von ungefähr 12,- Euro. Ohne den Schlüssel gehen die Währungseinheiten zwar nicht kaputt, dafür jedoch anscheinend für immer verloren im Cyberspace. Feierlich warf Geraldine Juárez die Karte ins Feuer.
Parallel zur Zerschmelzung des kleinen Datenspeichers wurde eine Sprühkerze entzündet. Anschließend verteilte die Künstlerin Marshmallows, die vom Publikum am Steckerl über dem offenen Feuer gerillt wurden. Danach gefragt, warum sie denn Geld verbrenne, antwortete die Künstlerin, das sei genau das, was sie auch mit einem Ferrari machen würde.
Ich versuchte, von ihr zu erfahren, ob es für die Zerstörung von Bitcoins auch Strafen gibt, ob von den Erschaffern dieser virtuellen Währung ein Ehrenkodex zur Erhaltung der digitalen Punkte oder Ähnliches aufgestellt worden ist. Ob sie Gefahren ausgesetzt ist, wenn sie die Zugänge zu ihren Bitcoins öffentlich und absichtlich vernichtet. Sie wusste jedoch leider gar nichts darüber. „No, I don´t think so!“ Dabei wäre die Frage, ob Zerstörung mit Risiken behaftet ist, sehr wichtig zu klären gewesen.
Ich vermute ja, dass das Feuer den digitalen Daten, die auf Kupferplatten in der SD-Karte gespeichert sind, gar nichts anhaben kann. Zwei Tage nach der Aktion war die Schale noch da, die Asche war unberührt, erkaltet und grau. Ich stöberte ein bisschen darin nach den Metallstücken und wurde auch fündig. Vielleicht könnte man den Schlüssel sogar wiederherstellen. Doch als Objekt passt die SD-Karte natürlich nicht mehr in den Mac der Künstlerin hinein, ihr ist der Zugang zu ihren Bitcoins nun ein- für allemal versperrt. Insofern wäre die Verbrennung der Karte gefühlt ungefähr vergleichbar mit dem Durchschneiden einer EC-Karte im Ausland, ohne die man keinesfalls mehr Zugang zu seinem Konto bekommt. Vielleicht ging es bei dieser Performance ja gar nicht um Geldverbrennung, sondern um Selbstüberwindung? Schmerzt es die Künstlerin so sehr, Geld freiwillig aufzugeben, dass sie daraus einen darstellerischen Akt erzeugt?

Sie sehen schon, inhaltlich war ich einigermaßen enttäuscht. Nicht nur durch den starken Rauch, dem die BesucherInnen ausgesetzt waren, habe ich gelitten (heute habe ich davon eine leichte Rauchvergiftung mit starken Kopfschmerzen). Vor allen Dingen vermisste ich die Motivation der Künstlerin für diesen Vorgang – außer den, Künstlerin zu sein. Andererseits war die Performance aber auch wieder sehr unterhaltsam und archaisch. Das Feuer, die Menschen im Schnee, die sich an den Flammen wärmen konnten, die Zuckerparty … Über die Frage, ob man Fröhlichkeit durch Marshmallows aus Plastiktüten erreichen kann, kann man ja bekanntlich lange streiten. Zucker als Glücksdroge, die gleich ins Blut geht, als Belohnung für die Lossagung vom schöden Mammon?
Im Endeffekt hat diese Performance einmal mehr in mir den Verdacht genährt, dass viele Kunstschaffende nicht unbedingt kompliziert verästelt denken müssen. Wenn sie sich darauf reduzieren, intuitiv/komödiantisch Gedanken anzustupsen, die in den Köpfen ihres Publikums schon vorhanden sind sind, vielleicht auch gleichzeitig kindliche Erinnerungen anzustoßen, dann entzündet die Kunst sich ganz von selbst. Nicht umsonst lautet die Domain der Künstlerin „Simple Mechanisms“. Was einmal mehr ein schöner Beweis dafür ist, dass die Entscheidung darüber, was denn nun gute Kunst sei, von sehr belesenen Menschen völlig anders ausfallen wird, als von Analphabeten. Was ist Kunst? Gute Kunst machen kann auch als Fähigkeit betrachtet werden, vorhandene Synapsenverbindungen des Publikums anzusteuern, durcheinanderzubringen und neu querzuverbinden.
Seien wir ehrlich, ich hatte Spaß. Das Lagerfreuer hat Erinnerungen an schöne Momente geweckt. Schnee, Kälte, Feuer, Rauch, eine Zeremonie … alles sehr heimelig, wenngleich auch Ströme von Tränen aus meinen Augen trieften, weil die Luft sich von einer kalten, klaren Großstadtumweltverschmutzung in eine heiße Rauchwolke verwandelt hat. In diesem Umfeld habe ich angefangen, darüber nachzudenken, ob ich Bitcoins für mich selbst als mögliche Währung gut finde – trotz Turboschwankungen im Wechselkurs und öffentlichem Geldfluss. Und ich habe mit Freude das untenstehende Video gemacht. Haben Sie auch Wachsbilder gebastelt als Kind? Der Übergang vom festen Zustand zum flüssigen, dann zum gasförmigen, das ist ein spannender Moment, nicht?

2 Gedanken auf "Hello, Goodbye Bitcoin"

  1. Björn Antworten

    Ob der Künstlerin wohl bewusst war dass sie zwar die Menge der verfügbaren BTC reduziert hat, damit aber nur den Wert der existierenden BTC erhöht hat? Sie hat die Leute die Bitcoins besitzen ein kleines bisschen reicher gemacht. Bereichernde Kunst…

    • Granaton Antworten

      Genaugenommen hat sie die Menge der BTC nicht reduziert, sie hat nur den Zugang dazu zerstört. Das ist ungefähr gleichbedeutend wie die Idee mit dem Sparstrumpf, den man auf Nimmerwiedersehen vergräbt. Ob es eine Auswirkung auf den Wechselkurs hätte, selbst, wenn man größere Mengen unzugänglich machen würde – wer weiß?

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