Barrierefreiheit im Kopf

Was wir von langjährigen Beobachtungen aus der Arbeitswelt lernen können

Geschätzte Lesezeit: 13 Minuten

Kennen Sie den Begriff „Inklusion„? Soziologisch gemeint ist damit die Integration ausgeschlossener AkteurInnen in Subsysteme. Im täglichen Sprachgebrauch wird der Begriff meist verwendet für Barrierefreiheit von benachteiligten Personen in Schule und Arbeitswelt. Das Thema lässt zahlreiche Ableitungen und Verzweigungen in alle Bereiche unseres Lebens zu.

Aktion Mensch fördert diesen Diskurs. Der Zukunftskongress „Inklusion 2025“ behandelte Themenstränge wie barrierefreie Technologie, Bildungschancen und Selbstbestimmung. Zwei Tage lang folgte ich Darstellungen und Schlüssen, Forschungsprojekten und politischen Konzepten rund um Sonderbedarfe. Die erstaunlichste Erkenntnis war für mich, dass Wege der Inklusion von Bedürftigen gleichermaßen Barrieren für uns alle abbauen. Ein inklusives Umfeld fördert die Zufriedenheit in der Gesellschaft.

Nicht nur die Betroffenen profitieren von barrierefreien Systemen, sondern alle Menschen.

Im Diskussionsraum „Arbeitsleben und Unternehmensentwicklung“ lernte ich einen Insider kennen, der sich gern Zeit für ein ausführliches Interview mit mir nahm: Christian Münch, Integrationsberater für die Südwestfälische Industrie- und Handelskammer zu Hagen.
Seine Berufsbezeichnung hat er sich selbst gewählt. Ursprünglich sollte er „Inklusionsbeauftragter“ heißen – doch Herr Münch versteht sich als Bindeglied zwischen Unternehmern und Behinderten und legt folglich großen Wert auf unternehmerische Erwartungen, die er auch sprachlich erfüllen möchte. „Inklusion“ ist nicht zuletzt aufgrund dessen medialer Aufbereitung nicht sein Lieblingsterminus. Da seine Beobachtungen und Ideen gegenwärtige, realistische Szenarien darstellen, war ich sehr neugierig auf seine Perspektive.

Christian Münch, Integrationsberater IHK Hagen

Herr Münch, Sie haben früher in einer Werkstatt für Behinderte gearbeitet. Was haben Sie da gelernt?

Angefangen habe ich als Zivildienstleistender und bin in der Werkstatt geblieben. Im Bereich der Produktion habe ich jede mögliche Position angenommen. Ich wurde Gruppenleiter, übernahm die direkte Praxisleitung, Produktionsleitung, später die gesamte Werkstattleitung.
Erstens habe ich gelernt, dass Menschen viele Qualifikationen haben, dass es unendlich viele Möglichkeiten gibt, Arbeit auf diese Qualifikationen auszurichten. Wie kann man Arbeit organisieren? Das lernt man in einer Behindertenwerkstatt von Grund auf. Zweitens – allen Unkenrufen zum Trotz – gibt es individuelle Stellen in der realen Wirtschaft immer noch und davon kann man lernen.
In Behindertenwerkstätten kann man Arbeiten zergliedern, bis fast alle Menschen, also auch Schwerbehinderte, am Arbeitsprozess teilnehmen können. In der Industrie ist das Gegenteil passiert. Hier wurde immer mehr generalisiert. Wenn man sich aufmacht, diese Entwicklungen zusammenzuführen und in die normale Unternehmerwelt zu bringen, dann nähern sich diese beiden Gruppen wieder an. Die Arbeitgeber merken, das rechnet sich auch. Solange wir in separierten Einrichtungen gearbeitet haben, haben sich die Systeme voneinander entfernt.

Wie definiert sich Ihre Aufgabe?

Meine Aufgabe als Mitarbeiter der IHK ist es, den Teilnehmern den Gedanken der gemeinsamen Arbeit wieder vorzustellen, den Arbeitgebern unternehmernahe Sichtweisen näherzubringen. Und das, bevor man in die konkrete Vermittlung geht. Zuerst komme ich mit einer Idee, die ich dem Unternehmer vermitteln will – dass in seinem Fall Inklusion Sinn macht – dann bringe ich ihn mit den Menschen in Verbindung, die dazu passen können. SAP hätte mich früher vom Hof gejagt. Heute rekrutieren sie autistische Mitarbeiter. Auch ein Gedankenwechsel in der pädagogischen Arbeit ist notwendig. „Warum wollt Ihr die armen Behinderten jetzt auch noch ausnutzen?“ ist keine hilfreiche Frage. Ein Paradigmenwechsel in der Behindertenarbeit ist nötig.

Ist besondere Förderung eine veraltete Denkweise?

Ich finde, das ist eine sehr philosophische Frage, ob man Sondereinrichtungen braucht oder nicht. Über 40 Jahre lang haben sich Sondereinrichtungen etabliert und entwickelt. Wenn man diese Einrichtungen plötzlich auflöst, ist unser Schulsystem darauf nicht vorbereitet. Das gesamte Regelschulsystem muss sich ändern. Wir sprechen derzeit noch über Integration, um die Leute zurückzuholen und über diese Entwicklung festzustellen, ob man Sondereinrichtungen braucht. Will man sie überflüssig machen, bedeutet das, dass man das Know-How aus jahrzehntelanger  pädagogischer Arbeit verwenden muss, um das Regelsystem zu verändern. Inklusion in der Schule zerschießt das vorhandene Schulsystem.

Warum? Was genau passiert dann?

Inklusion bringt mit sich, dass es eine Schule für alle gibt, die aber keine Gesamtschule ist, sondern eine Einrichtung, die sich um jeden einzelnen Schüler individuell kümmert. Es gibt so keine Unterscheidung mehr zwischen Realschule und Gymnasium. Ob das funktioniert, ist eine andere Frage, aber wenn man Inklusion konsequent weiter denkt, ist das die logische Folge. Man braucht dafür mehr Personal. Ein Förderschulleiter hat seine Schüler in der Klasse immer um sich, während in einer Regelschule die Lehrer fachbezogen wechseln. In einer Inklusivschule braucht man eine Doppelbesetzung in den Schulklassen: Lehrer und Pädagogen. Das Geld hat keiner.

Wie ist der Status Quo der inklusiven Schulen?

Es gibt viele Schulen, die diese Idee vereinzelt schon umsetzen – ob das immer echte Inklusion ist, ist eine andere Frage. Es geht auch um die Veränderung von Unterrichtsformen. Wenn das föderbedürftige Kind für Sonderbedarf aus der Klasse genommen wird, ist das nicht inklusiv. Modellschulen gibt es schon lange. Doch auch diese Modellschulen haben es mit ihren Erfolgen nie in das Schulsystem geschafft.

Wo liegt das Problem?

Ängste und Nichtwissen, Dinge anders zu machen, sind die größten Hemmnisse. Unser dreigliedriges Schulsystem ist sehr alt und hat früher auch wirklich Sinn gemacht. Damals standen die Schulen gleichberechtigt nebeneinander und hatten so ihre Berechtigung. Die Hauptschule war für Arbeiter gedacht, die Realschule für Fachkräfte, das Gymnasium war die Vorstufe für das Studium. Heute ist diese Sinnhaftigkeit nicht mehr gegeben, es gibt es eine Rangfolge. Die niedrigste Stufe ist die Hauptschule, die Realschule ist mittel, die höchste Stufe ist das Gymnasium. Alle meinen, sie müssen Abitur machen, damit sie beruflich eine Chance haben. Daraus ergibt sich das gesellschaftliche Problem, dass andere Schulen schlechter gestellt werden.

Kennen Sie den Fall Henri? Ein elfjähriger Junge mit Down-Syndrom sollte aufs Gymnasium gehen. Seine Mutter wollte, dass er mit seinen Freunden zusammen bleiben kann. In die Regelschulsystematik war er nicht zu integrieren. Er ist an keiner Schule angenommen worden. Die Reduzierung der Argumentation auf Freunde ist auch schwierig, denn der Freundeskreis ändert sich für gesunde Kinder während der Schulzeit.

Auch ich hatte einen Bruch in der Schulkarriere – er hat mir gut getan. Ich wollte gerne eine Lehre als Schreiner machen. Hatte den Gesellenbrief in der Tasche, als meine Freunde Abitur gemacht haben. Ich habe kurzzeitig auch als Schreiner gearbeitet, dann den Zivildienst angefangen und bin in der Behinderteneinrichtung hängen geblieben. Alle drei, vier Jahre konnte ich etwas Neues machen und konnte mich an Ort und Stelle weiterentwickeln. Bis vor zwei Jahren – dann kam das Thema Inklusion. Wir haben ein ehrenamtliches Projekt gemacht zum Thema. Haben uns gefragt, wie man interessierte Menschen dazu beraten kann und mussten arbeitnehmernah denken. Das Thema hat mich nicht mehr losgelassen. Als Werkstattleiter konnte ich dieses Ziel nicht weiterverfolgen. Unternehmensberatung macht für mich aber sehr viel Sinn. Nach 24 Jahren habe ich diese unkündbare Stelle aufgegeben. Das Angebot der IHK war zu dem Zeitpunkt noch nicht da. Trotzdem habe ich diesen Schritt gemacht.

Es gibt heute etwa 35 Kammern, die Inklusionsberater wie mich beschäftigen. Sie unterscheiden sich inhaltlich. Es gibt Kammern, die Inklusion auf Ausbildung beschränken. In Hagen haben wir das immer etwas breiter gefasst. Wir führen auch inhaltlich keine Diskussion, ob man Behindertenwerkstätten braucht oder nicht. Wir als Kammer vertreten keine politische Meinung. Was dem Kennenlernen von Menschen mit Behinderung und Arbeitnehmern nützt, das unterstützen wir. Wir holen den Unternehmer ab, wo er steht. Wir treffen heute Unternehmer, für die das ein Randthema ist – wenn überhaupt. Meine Position ist, die Gesellschaft zu schulen und mitzunehmen. Da bin ich dem Unternehmer näher als der Mitarbeiter einer karitativen Einrichtung.

Von welchen Behinderungen sprechen wir? Welche Behinderungen sind vermittelbar, welche nicht?

Es gibt Diskussionen über die Schwere einer Behinderung. Ich nehme lieber die einfacheren Fälle. Auch diese Vermittlung ist immer noch Aufwand dem Unternehmen gegenüber. Schnellere Erfolge, die man positiv vermarkten kann, erreichen wir, wenn wir mit dem Machbaren anfangen. Diskussion über Menschen, die tatsächlich nicht am Arbeitsleben teilhaben können, gibt es auf anderen Plattformen. Es gibt Menschen, bei denen es nicht um Teilnahme am Arbeitsleben geht, sondern um Teilnahme am Leben überhaupt. Man kann das eine tun, ohne das andere zu lassen.

Klassischerweise sprechen wir von Lernbehinderung, leichten geistigen Einschränkungen. Wenn man körperlich leicht behindert ist, gibt es heute genug Hilfsmittel, um den theoretischen Bedarf zu gestalten, den eine Tätigkeit mit sich bringt. Ich habe beispielsweise eine junge Frau kennen gelernt, die in einer Gaststätte arbeiten sollte, die sich aber nicht merken konnte, wie man den Tisch deckt. Das Problem war ganz einfach zu lösen: Es wurde ein Foto von einem gedeckten Tisch gemacht, sie konnte sich daran orientieren. Andere Mitarbeiter waren darüber froh, das Foto hat deren Leben auch sehr erleichtert. Je näher die Situation am Arbeitsmarkt ist, desto einfacher ist es.

Im Verwaltungsbereich stellen wir uns die Inklusion von Rollstuhlfahrern eher einfach vor, bei blinden und gehörlosen Menschen ist sie schon schwieriger. Wenn man das weiterspinnt, kommen wir zu stärkerer Behinderung bei Menschen aus dem autistischen Spektrum – da ist der Aufwand der Integration größer, die Distanz zwischen Arbeitsablauf und Aufwand, um die Umgebung einzurichten. Auch da kenne ich positive Beispiele, wo die Qualifikation unschlagbar gut ist, wo sich das Unternehmen umstellen wollte. Eine Mitarbeiterin aus dem autistischen Spektrum arbeitet in der Arbeitssicherheit. Viele Mitarbeiter müssen regelmäßige Gesundheitschecks absolvieren. Diese Mitarbeiterin hat die Aufgabe, die Leute daran zu erinnern. Sie merkt sich alles und kann die Leute informieren. Sie ruft an, gibt die Information weiter, legt wieder auf. Hier muss man die Mitarbeiter schulen, sich daran zu gewöhnen, dass Smalltalk nicht angesagt ist – nicht die junge Frau mit Autismus weiterbilden. Alle sind zufrieden – es ist eine win-win Situation. Es gibt eine Qualifikation, die dem Unternehmen hilft und das Unternehmen zieht das konsequent durch. Interessant ist als Nebeneffekt, dass die Entwicklung der Stelle einen positiven Effekt auf die anderen Mitarbeiter hat. Die Zufriedenheit im Unternehmen steigt. Wenn sich das Unternehmen positiv um seine Mitarbeiter kümmert, dann fühlt sich die Belegschaft beruhigt – weil sie denkt, dass sich das Unternehmen dann auch um sie mehr kümmert.

Wie sieht Ihr Alltag aus?

Ich habe eine dreigeteilte Aufgabe.

  • Konkrete Hilfe, sowohl für den Unternehmer, der eine Problemstellung hat, die ich ihm helfe, zu lösen, indem ich Lotse bin: wer ist für ihn zuständig, wer muss sein Problem lösen.
  • Ich versuche, zur Inklusion zu sensibilisieren. Wie kann ich das Thema dem Unternehmer näher bringen? Ich zeige Präsenz auf Veranstaltungen oder setze Artikel in kammereigene Zeitschriften. Das Thema ist immer irgendwie an der Oberfläche zu halten.
  • Ansprechpartner zu sein für die Träger, die Menschen mit Behinderung fördern, qualifizieren und begleiten. Die Menschen, die Projekte machen, brauchen den Kontakt zu Unternehmen. Wir sind die, die in der Entwicklung von Projekten die Inhalte Unternehmern näher bringen können.

In Hagen sitzt die Konzern-Zentrale von Douglas. Ich sage immer, wenn Sie bei Douglas einen Termin bekommen, gehen Sie da nicht im Norwegerpulli hin. Ich bin derjenige, der von Douglas etwas will. Für Gespräche ziehe ich mir den Anzug an, um von vornherein ein bestimmtes Bild nicht entstehen zu lassen.

Der Unternehmer und der Pädagoge haben einen völlig anderen Blick auf den Arbeitsplatz. Beide müssen auf Augenhöhe miteinander sprechen können – also gegenseitig akzeptieren, dass beide Seiten einzigartige Qualifikation mitbringen. Und da passiert es oft ungewollt, dass einer dieser Partner in eine Rolle gedrängt wird. Das können die Pädagogen gegenüber dem Unternehmer sein, das kann aber den Unternehmer genauso betreffen: zu glauben, die „Sozialen“, die haben immer tolle Ideen, aber die sind ja nicht finanzierbar.
Und da sehen wir, dass eine neutrale Stelle hilft, denn ich kenne beide Seiten und kann eine Dolmetscherrolle einnehmen. Ich bin Inklusionsbotschafter. Was ich wichtig finde in der Diskussion, dass man sich genau überlegt, mit wem rede ich über was. Man wirft schnell jemandem Untätigkeit vor, der aber dafür gar nichts kann. Wenn ich mit Unternehmern diskutiere, warum sie nicht mehr Menschen mit Behinderung ausbilden, dann muss man sagen, der Unternehmer kann das gar nicht allein. Da sind auch Berufsschulen beteiligt, auch Kammern – wenn man jemandem vorwirft, warum etwas nicht funktioniert, muss man sehen, wer wirklich dafür verantwortlich ist. Dinge sollen sich ändern, doch man hat mit Systematiken zu tun, die Zeit brauchen, um sich verändern zu lassen. Will man beispielsweise eine Ausbildung verändern, muss man mit einem Jahr rechnen. Dafür kann nicht der Unternehmer verantwortlich gemacht werden.

Stichwort Jobcarving: Dabei geht es darum, Unternehmen zu beraten, Betriebsablaufe zu beleuchten und zu schauen, an welchen Arbeitsplätzen man Tätigkeiten vereinfachen kann. Daraus können eigene Arbeitsplätze geschaffen werden. Befragung und intensive Gespräche mit der Geschäftsführung sind nötig, denn als Unternehmer hat man immer das letzte Wort.

Stichwort gleichberechtigte Stellen: Man versucht, Fachkräfte zu vermitteln, die Höchstqualifikation haben, also Akademiker mit Behinderung. Die Zentralstelle dafür ist in Bonn.

Sowohl beim Jobcarving als auch bei gleichberechtigten Stellen kommt auch die geschichtliche Dimension ins Spiel. Der Unternehmer ist gewöhnt, dass eine Fachkraft alles kann. Nun gibt es Fachkräfte, die doch nicht alles können. Zum Beispiel jemand, der autistisch ist und fachlich im Bereich Softwareentwicklung hervorragend ist, aber keinen Kundenkontakt beherrscht. Andere Fachkräfte machen vielleicht auch die Kundenhotline – das könnte der Autist nicht. Also müsste man diese zusätzliche Stelle organisieren.

Früher gab es viel mehr niederschwellige Arbeitsangebote. Pförtner, die Besucher empfangen haben, oder Reinigungskräfte, die für die Sauberkeit der Werkstatt verantwortlich waren. Unternehmen haben vor Jahren begonnen, diese Stellen abzuschaffen. Das war ein schleichender Prozess, der in den Achtzigern, Neunzigern extrem geworden ist. Der Vorgang hält bis heute an. Weniger Menschen machen die gleiche oder mehr Arbeit. Arbeit wurde outgesourced oder von anderen Arbeitnehmern mitgemacht. Diese Rationalisierungsmaßnahmen wieder zurückzudrehen, muss man den Unternehmern erst wieder beibringen. Erst wenn ein Unternehmer in seiner Firmenstruktur etwas ändern will und Menschen mit Behinderung als Problemlösung empfindet, meldet er sich wieder.

Inklusive Stellen werden bezuschusst, es gibt dafür die Möglichkeit einer dauerhaften Förderung. Das Problem dabei: Fördermittelberatung ist immer personenbezogen. Es gibt viele völlig unterschiedliche Förderarten, Arbeitsplatzeinrichtung, Jobcoaching, Anschubfinanzierung, Lohnkostenzuschüsse … dieses System muss einfacher werden.

Kann das Internet helfen?

Es gibt sehr gute Seiten, die umfassend und sehr genau informieren, beispielsweise Rehadat als umfassendste und aktuellste Seite. Für die Vermittlungsarbeit selbst kann das Internet nur unterstützend wirken – man braucht immer die persönlichen Ansprechpartner vor Ort, ein lebendiges Netzwerk von den Beteiligten. Wenn es konkret wird, sind es die Berater vor Ort, die gut und aktiv sein müssen und das vorhandene System bestmöglich anwenden. Und so weit verbiegen, wie es gerade geht. Wir müssen immer individueller entscheiden können, aber das Hilfssystem muss sich der Individualität anzupassen. Man muss manchmal wirklich sehr trickreich sein.

Wie steht es mit Behinderung und Selbstständigkeit?

Das kommt als Anliegen relativ selten vor. Es gibt kleine Förderprogramme, die speziell darauf abzielen und gute Verfahren, Existenzgründer zu begleiten. Trägt die Grundidee, ist sie unabhängig davon, ob die Gründerperson behindert ist oder nicht. Bei der Existenzgründung muss ein sinnvolles Konzept dahinterstehen, dann steht dem auch nichts im Weg.

Wie kann man Sie buchen?

Unternehmer im Kammerbezirk (44000) können mich einfach anrufen. Alle anderen können mich anfragen – auch habe ich die Möglichkeit, über meinen Kammerbezirk hinaus tätig zu sein. Wenn es darum geht, Unternehmer zu vermitteln, kann man mich auch einladen, ein Referat vorzubereiten, einen Vortrag zu halten, wie die Dinge zu betrachten sind.

Vielen Dank für das interessante Gespräch!

Als ich bereits den Laptop geschlossen hatte, erzählte mir Christian Münch noch eine sehr bewegende Geschichte. Ein Arbeitnehmer mit Migrationshintergrund hatte sich an einer Metallpresse die Hand zerquetscht. Er gab sich für den Unfall selbst die Verantwortung und reagierte flexibel darauf. Er bekam eine eigens für die Tätigkeit gefertigte Prothese – und behielt seinen Job. Sein Chef hatte mit der neuen Situation kein Problem, räumte jedoch ein: Falls sich ein Mann mit einer Prothese für diese Tätigkeit beworben hätte, hätte er sicherlich Vorbehalte gehabt.
Es sind letztendlich die Bilder, die wir in unserer eingeschränkten Vorstellungskraft haben, die Barrieren erzeugen.

Lesen Sie alle Beiträge der Blogparade Zukunftsvisionen, Zukunftsmissionen auf der Webseite der Aktion Mensch.

Herzlichen Dank an Kommunikations-Stratege Sascha Stoltenow für die Empfehlung zum Zukunftskongress und Caroline Hendricks, stellvertretende Pressesprecherin der Aktion Mensch, für die in jeder Hinsicht barrierefreie Kommunikation.

2 Gedanken auf "Barrierefreiheit im Kopf"

  1. Minu Antworten

    Tolles Interview, sehr interessant, und inspirierend.
    Hier der Link zu Brad Meyer, ein Kollege & Freund, der sich mit Fragen der Inklusion und Diversity / Vielfalt beschäftigt: http://collaboration.co.uk/2011/06/06/being-inclusive-amidst-cognitive-diversity/ – ein sehr simples Beispiel, das nichts direkt mit „Behinderung“ zu tun hat, aber klar zeigt: wir müssen uns aufeinander und auf unsere Verschiedenheiten einlassen, damit wir mit ihnen arbeiten können.. und das lohnt sich :-)

    • Granaton Antworten

      Liebe Minu,
      vielen Dank für den interessanten Beitrag! Besonders gut gefällt mir der Satz „The response you get from others tells you what you are actually communicating to them – intentionally or otherwise.“ Mit diesem Verständnis ausgerüstet können wir unsere Kommunikation immer weiter verbessern.

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