Das Dilemma der Kunst im postdigitalen Zeitalter

Die transmediale "Capture All" widmete sich thematisch der Arbeit in einer vernetzten Welt. Ein Interview mit FACT Kurator Mike Stubbs.

Geschätzte Lesezeit: 15 Minuten

Was bedeutet Arbeit in einer postdigitalen Ära? Das Festival transmediale „Capture All“ widmete sich im Schwerpunkt „WORK“ einem Aufbruch vom 888-Prinzip und der de-facto Unfreiheit bei proklamierter Freiheit durch digital labour.

In der FACT Gastausstellung „Time and Motion: Redefining Working Life“ wurden dazu fünf inspirierende mediale Kunstwerke präsentiert. Verantwortlich für die Auswahl zeigte sich Kurator Mike Stubbs, künstlerischer Leiter von FACT, gemeinsam mit Emily Gee.

Mike Stubbs im Podiumsgespräch mit KünstlerInnen der Ausstellung Redefining Working Life.

Produkt oder Dienstleistung?

Ein Klassiker in dieser Ausstellung stammt vom taiwanesischen Künstler Tehching Hsieh. Seine „One Year Performance 1980-1981 (Time Clock Piece) ist eine Animation aus 8760 Einzelbildern auf Zelluloid. Über den Zeitraum von einem Jahr hat der Künstler zu jeder vollen Stunde, Tag und Nacht, eine industrielle Zeituhr in seinem Studio gestempelt. Jedes Mal wurde er dabei von einer Kamera mit 16mm Film aufgenommen. Um den zeitlichen Ablauf sichtbar zu machen, rasierte sich der Künstler vor Beginn den Kopf und ließ die Haare wild wachsen.

Die Animation läuft in klassischer Filmgeschwindigkeit (24 Bilder/Sekunde). Innerhalb von wenigen Minuten sieht man den jungen Mann deutlich altern. Nicht nur seine Haare werden länger. Auch die Falten auf seiner Stirn vertiefen sich, die Augenringe werden schattig. Je weiter die Performance fortschreitet, desto chaotischer erscheinen trotz strenger Ordnung auch die Porträts.

Tehching Hsieh | One Year Performance 1980-1981 (Time Clock Piece)

Tehching Hsieh | One Year Performance 1980-1981 (Time Clock Piece) – Ausstellungsszene

Ich wollte gerne mehr wissen über diese Arbeit. Zufällig traf ich den jungen radikalen Performancekünstler Dani Ploeger während des Festivals im Café Stage vom Haus der Kulturen der Welt. Er kennt Tehching Hsieh persönlich und konnte mir über dessen Arbeit erzählen.

Mitte der Siebziger Jahre kam Tehching Hsieh als illegaler Einwanderer nach New York. Reguläre Arbeit zu finden war für ihn nicht möglich. Er lebte von der Unterstützung von Freunden und schuf sich seinen eigenen Arbeitsplatz. Vier Zeitperformances entstanden. Die zweite davon ist die Zeituhr-Aufzeichnung. Sie stellt eine extreme Einschränkung der Bewegungsfreiheit des Künstlers dar. Länger als eine knappe Dreiviertelstunde konnte er sich nicht von seinem Studio entfernen. Er musste sein Leben nach 40-Minuten-Zyklen einteilen. Waschen, Kleidung wechseln, schlafen, ausgehen … alles wurde an seine Arbeit angepasst. Monatelang lebte Tehching Hsieh durch den Schlafenzug nach eigener Einschätzung in einer Art Delirium.  Trotz größter Disziplin passierten Fehler, die der Künstler dokumentierte. Ein Besuch beim Zahnarzt beispielsweise führte zu einer Störung im Bildrhythmus.
Den Katalog zu dieser Arbeit, in dem mit Rotstift Unregelmäßigkeiten festgehalten sind, findet Dani Ploeger mindestens ebenso aussagekräftig, wie das filmische Werk selbst.  Als Endprodukt dieser künstlerischen Arbeit gibt es kein handelbares Artefakt im Kunstmarkt, sondern vielmehr die unlimitierte Auflage des Videos und begleitend die Dokumentation der Performance.

Handelt es sich bei diesem Werk nun um ein Produkt oder eine Dienstleistung? Worin liegt der Lohn der 24/7 Arbeit eines ganzen Jahres? Sind es Tantiemen aus dem Verkauf der Aufzeichnungen? Sind es Ausstellungshonorare? Dani Ploeger und ich sind uns einig, dass man von Lizenzen allein als Medienkünstler kaum überleben kann. „Ohne Lehrauftrag ist es für Performancekünstler schwierig“, findet er.
Wird der Wert dieser Grenzerfahrung von Tehching Hsieh, die sich seit Jahrzehnten durch Inspiration eines begeisterten Publikums beweist, mit monetären Gegenwerten ausgeglichen? Wie kann man dieses Werk als Analogie begreifen in Bezug auf auf unsere heutige Situation, in der wir durch portable Maschinen jederzeit und überall in der Lage sind, zu arbeiten? FACT Kurator Mike Stubbs erzählte mir in einem persönlichen Interview, wie er als Leiter eines Kunsthauses mit den Begriffen Produktion und Service in seiner Arbeitswelt jongliert.

Wer bezahlt wen?

Mike Stubbs | transmediale Capture ALL

Mike Stubbs, Direktor von FACT, Gastkurator transmediale Capture ALL

Mike, in deiner Ausstellung „Redefining Working Life“ gibt es einige Kunstwerke über „Arbeit“, die FACT kommissioniert hat. Kannst du mir mehr über dein Interesse an diesem Thema erzählen?

Das ist ein persönlich motiviertes Projekt. Ich bin der Sohn eines Mannes, der in erster Generation nicht manuell gearbeitet hat. Mein Großvater hat Schiffe gebaut, mein anderer Großvater ist Hafenarbeiter gewesen. Produktion war Teil meines früheren Lebens.

Wir sind 2003 nach Australien gezogen. Ich wurde in einen Ausschuss eingeladen, der die Restauration des Banners der bedeutendsten Handelseinheit Australiens koordinierte. Es ist das Banner, das den Achtstundentag verlangt.

Achtstundentag Banner, Melbourne, 1856. Quelle: Wikimedia Commons

1856 war eine Hochphase in der Transformation von Australien. Robert Owens Aufruf an die Menschen, ihre Arbeitszeit zu regulieren, startete als Museumsprojekt. Das hat mich dazu motiviert, darüber nachzudenken, was es bedeutet für die menschliche Seele, wenn man sich von einer Produktionskultur in eine Servicekultur entwickelt. Oder sogar in eine Kultur, wo wir uns schlichtweg selbst konsumieren – in einem digitalen Zeitalter. Als ich 2007 zu FACT nach Liverpool ging, brachte ich diese Idee mit und habe sie seither weiterentwickelt.

Ist Kunst Produktion oder Service?

Das ist eine gute Frage! Viele der besten Arbeiten in unserer Ausstellung zeigen die Begegnung der Künstler mit einem Handwerk. Ihr Material ist dabei ein bestimmter Arbeitsvorgang.

Eine zeitgenössische Arbeit für eine junge Person ist oft ein Job in der Elektronik. Dein Vater hat vielleicht die traditionelle Vorstellung, dass du einen Job in einer Fabrik bekommen wirst, oder ein Gewerbe beziehungsweise Handwerk lernst, bei dem du etwas mit deinen Händen herstellst. Wir leben jedoch in einer Gesellschaft, wo Arbeit zur Kommunikation geworden ist – oder schlichtweg zur Verteilung. Sogar in der traditionellen Hotelindustrie, die eindeutig eine Serviceindustrie ist, verschiebt sich dieses Verhältnis. Heutzutage sollen wir unsere eigene Existenz finanzieren, indem wir uns selbst und unseren Kollegen und Freunden Dienstleistungen anbieten.

An diesen Punkt möchte ich dich fragen: Wie viel bekomme ich für dieses Interview bezahlt?

Mike Stubbs | transmediale Capture ALL

Mike Stubbs möchte gerne wissen, wer wen für welche Arbeitsleistung bezahlt, die im Rahmen von diesem Interview geleistet wird.

Du wirst dafür bezahlt, dass du für FACT arbeitest.

Ja, das stimmt. Ich bin ist sogar offiziell während meiner FACT Arbeitszeit hier.

Als Gastkurator der transmediale wirst du wahrscheinlich auch von der transmediale honoriert. Ich hingegen bezahle für meine Presse-Akkreditierung eine Bearbeitungsgebühr und bin froh, dass ich damit die Chance habe, während des ganzen Festivals allen Veranstaltungen beizuwohnen, für die das Publikum Eintritt bezahlen muss.

Wer wen bezahlt, das ist eine wichtige Frage, nicht wahr?

Das ist eine ausgezeichnete Frage! Und auch die Antwort ist interessant. Ich habe keinen Geldgeber für dieses Interview.

Wirklich nicht? Die transmediale bezahlt dich nicht?

Nein! Dann wäre ich Dokumentarin und würde im Auftrag der transmediale Inhalte nach Vorgaben der Veranstalter erzeugen.

Ich betreibe einen eigenen Blog, habe keine Redaktion im Hintergrund. Als Bloggerin bin ich selbst für meine Inhalte verantwortlich und werde für meine Freiheit von niemandem bezahlt. Ich monetarisiere meine auch Artikel nicht, binde keine Werbung ein. Es ist genau so, wie du sagst: Es ist ein Service für dich, für mich, für meine LeserInnen. Ein Wechselspiel zwischen Bildung einerseits und Kommunikationsarbeit andererseits. Ich sehe meine Aktivitäten als kontinuierlichen Lernprozess und ich bezahle ihn mit Zeit.

Die meisten Werke in deiner Ausstellung sind Auftragsarbeiten, stimmt das?

Ja, größtenteils. Hier wird nur eine kleine Version der gesamten Ausstellung gezeigt. In Liverpool gab es eine viel größere Auswahl mit mehr Künstlern. Nicht alle Werke waren Kommissionen, es gab darunter auch zwei von Harun Farocki und viele mehr – aber sie sind nicht hier, denn der Raum hier ist viel kleiner.

Am Sonntag wird es eine offene Diskussion geben. Drei Künstler, Oliver Walker, Ellie Harrison und Sam Meech teilen alle diese Art von Rigorosität, mit der sie Arbeitszeit infrage stellen. Sie transformieren sie in künstlerische Praxis. So wie Tehching Hsieh. Wir zeigen die Dokumentation seiner One Year Performance, Time Clock Piece.

Sie ist wunderbar.

Ja. Sie ist auch eine Art von Endpunkt von jemandem, der seine bloße Existenz in einen künstlerischen Akt verwandelt hat.

Wie wird er für seine Arbeit bezahlt?

Nunja – er war illegaler Einwanderer in New York, bevor er diese Arbeit gemacht hat. Sieben Jahre hat es gedauert, bis er eine Green Card bekommen hat. Er stellte Objekte aus Holz als Tischler her, hat mit Malerei begonnen, verkaufte einige Bilder. Konnte ein bisschen Geld durch den Verkauf von objekthaften Kunstwerken einnehmen und reinvestierte diese Einnahmen, um Zeit zu kaufen und seine Performances zu machen. Davon verkauft er Editionen seiner Dokumentationen als Produkt eines emeritierten Künstlers. Er zog sich 2000 als Künstler zurück. Er braucht aber auch nicht viel. Das ist auch eine wichtige Frage in Bezug auf das menschliche Gemüt – wie viel brauchen wir?

Wird eine zukünftige Gesellschaft zur Überzeugung kommen, dass wir ein bisschen weniger brauchen? Es entsteht gerade eine neue Betrachtungsweise hinsichtlich der Verteilung von Wohlstand, von Arbeit und von Sinn. Ist es für DICH in Ordnung, als gebildete Person Trost zu finden, dass du kein Geld hast, indem du dich selbst weiterbildest? (lacht) Oder indem du Arbeit im Zentrum des Wirtschaftssystems hast?

Mike Stubbs | transmediale Capture ALL

Erscheint es Mike Stubbs wie eine elitäre Geste, dass ich Arbeitsleistung (bloggen) eintausche gegen Wissen?

In vielen Gemeinschaften der Arbeiterklasse wäre das nicht möglich. Da wird Zeit gegen Geld eingetauscht. Es gibt natürlich auch noch ganz andere Arten, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, die sich nicht dem Regime anpassen. Zahlreiche Schwarzmärkte beispielsweise und eine ganze Reihe von Aktivititäten, die als „kriminell“ bezeichnet werden.

Diese 24/7 Arbeit von Tehching Hsie als illegaler Einwanderer über den Zeitraum von einem Jahr … wie sieht er selbst diese Art von Produktion? Ich habe im Internet gelesen, dass es ihm ausdrücklich nicht um den Aspekt der Askese dabei ging. Kennst du den Künstler ein bisschen besser? Kannst du mir mehr über seine Motivation erzählen?

Ich denke, das war einfach etwas, das er machen wollte.

Glaubst du, etwas tun zu WOLLEN, hat weniger Wert, als etwas tun zu MÜSSEN?

Tja, weißt du, ich bin kein Psychologe. Wie sehr muss man etwas wollen, um es wirklich umzusetzen? Woher kommt die Motivation, etwas zu tun, das so rigoros ist, wie ein ganzes Jahr lang jede Stunde eine Zeituhr zu stempeln – abgesehen von wenigen Momenten, in denen der Künstler nicht aufwachen konnte? Die Motivation muss sehr stark sein, wenn man sich selbst dazu zwingt.

Wir sehen so etwas auch in Ellie Harrisons Arbeit. Bis ins kleinste Detail dokumentiert sie ihr Leben und zerlegt es in ein Artefakt. Es ist ganz hervorragend umgesetzt. Ich glaube, das können Künstler sehr gut: die Entscheidung treffen, etwas zu tun – und es auch zu machen.

In manchen Interviews wurde Hsie Tehching nach seiner Motivation gefragt. Ob er als Buddhist performt oder ob er damit eine bestimmte Aussage machen möchte. Er antwortete prinzipiell: „Ich habe entschieden, das zu tun.“ Das ist ein sehr mutiges Statement. Du weißt schon. „Leg es so aus, wie du möchtest.“ Es ist einfach seine Haltung.

Ist es Erpressung, Künstlern die Möglichkeit zu geben, ihrer Motivation einerseits zu folgen, sie andererseits aber auch in einem Zustand von finanzieller Armut zu halten?

Ich glaube, ich verstehe die Frage gerade nicht? In Bezug auf Tehching?

Ja, sprechen wir darüber in Bezug auf Tehching.

Offensichtlich lebte er als illegaler Immigrant in New York. Er hat seinen Weg gemacht und lernte, Geld zu verdienen, um das zu finanzieren, was er gerne machen wollte. Das ist recht einfallsreich. Ich glaube nicht, dass ihn irgendwer erpresst hat. Die Tatsache, dass er sich in einem schwierigeren Zustand befand, als Migrant, der auf einem Boot aus Taiwan gekommen war, war ursprünglich als Statement gedacht. Er wollte China verlassen, er mochte China nicht. Er mochte nicht, was das Land repräsentierte, obwohl er bereits gewissen Ruf in China hatte – im Sinne einer radikalen Kunstbewegung anstelle einer klassischen Repräsentation der Kunstwelt, die vor ihm existiert hatte. Er hatte ziemlich großen Einfluss, auch dadurch, dass er gegangen ist. Ai Weiwei widmete ihm das „Black Book“, das ist die erste zeitgenössische Arbeit, die in China gezeigt wurde.

Ich glaube nicht, dass Künstler erpresst werden können, irgend etwas zu tun. Meistens sind sie einfach gelangweilt oder wissen nicht, was sie sonst anfangen sollten. Vielleicht fühlen sie sich bisweilen getrieben. Manche Künstler sagen beispielsweise, sie wurden von Gott dazu gebracht (lächelt). Aber das werde ich nicht kommentieren.

Siehst du eine wechselseitige Beziehung zwischen dem Dilemma der postdigitalen Arbeit in unserer Zeit und Tehching Hsies Arbeit in den frühen Achtzigern?

Ich denke, es ist das gleiche Dilemma wie bei der Anerkennung der Bewertung von Geschäftsvorgängen. Die Umstände werden uneindeutiger. Wir können das heute besser, weil wir schlichtweg mehr erkennen können. Mit unseren Augen, aber auch mit Daten. Wir verstehen besser, was vor sich geht, also können wir die Transaktion besser im Detail untersuchen.

Lass mich deine Hand schütteln. Das ist jetzt unsere Geschäftsbeziehung. Ein Zeichen von Vertrauen. Ich gebe dir meine Brille im Austausch gegen deine Kamera. Bitteschön, da hast du sie. Fair?

Handschlag? Mike Stubbs demonstriert Transaktionsgesten.

Handschlag? Mike Stubbs demonstriert Transaktionsgesten.

Das glaube ich eher nicht … (ich lache)

Mir gehört jetzt die Kamera – du hast per Handschlag zugestimmt.

Vielleicht könntest du Gegenbeweise vor Gericht vorlegen, wenn du unsere Gehirnströme aufzeichnen würdest. Wenn ich nicht zugestimmt habe, kannst du das an meinen Gehirnwellen feststellen.

Durch die Wissenschaft, die in einem postdigitalen Zeitalter, wie du es nennst, auf zwischenmenschliche Beziehungen angewandt wird, auf alle Arten von Transaktionen, sind wir konfrontiert mit einem ganzen Set von gewaltigen Fragen über Bewusstsein, Achtsamkeit, Aktualität. Letztendlich ist der Grund für den Austausch von großartiger Arbeit, dass Menschen sie wertschätzen … dass Menschen sie verstehen. Dass sie die Geste verstehen. Selbst wenn sie das Werk nicht sehen, können sie die Geschichte davon erzählt bekommen. Das beantwortet auch die Frage, inwieweit sie aufgewertet werden soll. In gewissem Sinne geht es dabei überaus heroisch und vielleicht maskulin zu, doch letztendlich geht es bei wertvollen Werken darum, die Vorstellungskraft des Publikums über das bisher Bekannte hinauszubringen.

Jede Person in dieser Ausstellung hat das ansatzweise auch gemacht, dieses Dilemma zu thematisieren, mit dem wir alle konfrontiert sind. Schau dir das Werk von Tuur Van Balen & Revital Cohen an. Sie hatten die Idee, ein Produkt zu erfinden, das ein unwirksames, unnützes Objekt ist – ein Endpunkt. Die eigentliche künstlerische Arbeit ist ein poetischer Tanz von Arbeitern in einer Fabrik. Den Prozess einer Fertigungsanlage zu durchlaufen, das ist das Kunstwerk.

Bei diesem Werk habe ich mich gefragt, ob es überhaupt noch notwendig ist, ein Produkt zu haben.

Nein, absolut nicht! Das Werk heißt „75 Watt“. 75 Watt entsprechen der Energie, die ein Mensch durchschnittlich an einem Tag am Arbeitsplatz erzeugen kann. Wenn ich dich für körperliche Arbeit anstellen würde, wärst du 75 Watt pro Tag wert. Dieses Kunstwerk zerlegt den Prozess von Arbeit. Gleichzeitig hat der fabrizierte Gegenstand ein spielerisches Design. Das Produkt ist ein sinnentleertes Objekt, das aber Fertigungstechniken folgt, die für viele Alltagsgegenstände benutzt werden. Dieser Drucker hier, ein Teekocher beispielsweise oder Nähmaschinen haben ähnliche Herstellungsmethoden.

75 Watt – trailer von Revital Cohen & Tuur Van Balen auf Vimeo.

Die Künstler begannen mit der Idee eines Produkts als Partitur. Beide kommen aus dem Bereich Produktdesign und Interaktionsdesign, insofern war der Startpunkt das nutzlose Objekt. Es wurde als Anlass benutzt, eine Choreographie für chinesische Arbeiter zu entwickeln. Die Hälfte der Darsteller sind chinesische Tänzer aus dem Tanzclub der Fabrik, die andere Hälfte, das sind einfache Arbeiter. Im Film kannst du den Unterschied in der Qualität der Bewegung sehen, dahingehend, wie professionell oder semiprofessionell sie ist.

Wenn du Kunstwerke als Kommission in Auftrag gibst, gibst du dann ein bestimmtes Thema vor?

Gelegentlich. Es gibt verschiedene Modelle für solche Situationen. In neun von zehn Fällen ist ein Auftrag Teil eines laufenden Forschungsprojektes, in dessen Fortschritt man einfach Künstler trifft. Manchmal treten Personen direkt an die Kuratoren heran oder man entwickelt interessante Ideen und sammelt sie in einer Liste und daraus formt sich ein eigenes Konzept. Manchmal gibt es Künstler, die man zutiefst bewundert – und man fragt sie „was möchtest du gerne machen“ – Carte Blanche für die Arbeit. Oder, wenn man eine thematische Ausstellung kuratiert, kann man an Künstler mit der Frage herantreten, „was würdet Ihr dafür vorschlagen“. Manchmal hat man einen physischen Raum oder eine andere Örtlichkeit, die eine bestimmte Herangehensweise verlangen.

Im Moment sind wir mit „Connecting Cities“ Kommissionen beschäftigt. Wir suchen nach Künstlern, die den virtuellen Raum mit dem physischen Raum verbinden können.

Mike Stubbs | transmediale Capture ALL

Mike Stubbs erkläutert Bezahlmodelle für Künstler, wenn sie im Auftrag von FACT arbeiten.

Wie werden diese Kommissionen vergütet? Künstler arbeiten für dich. Ist FACT in der Rolle des Produzenten, der den Künstlern die Rechte an ihrem fertigen Werk abkauft? Oder wird ihre Zeit als freie Dienstleistung bezahlt? Werden ihnen Honorare für ihre Rechte bei Ausstellungen erstattet?

Das ist ein Mischung. Auch hier gibt es unterschiedliche Modelle, je nachdem ob wir viel Geld zur Verfügung haben oder Spenden sammeln für ein Projekt. Ich denke, ich kann ehrlich sagen, dass wir dabei helfen, die Entstehungsphase von Kunstwerken ins Leben zu rufen, die wir im Gegenzug fördern. Wenn wir unsere Ausstellungen neu inszenieren, bekommen wir etwas zurück für unsere Investition.

Manchmal arbeiten wir mit kleineren Budgets und da erscheint es fair, dass wir Künstler bei der Herstellung eines neuen Werks unterstützen und dann können sie damit machen, was auch immer sie wollen.

Wenn man ein Budget aufgliedert in die Kommission einer Idee und die Entwicklung einer Idee, so kaufen wir manchmal Zeit. Das brauchen Künstler natürlich, um ein Werk überhaupt herzustellen. Und dann kommt die Installation der Arbeit noch extra hinzu.

Man kann sich das gut im Vergleich mit dem Filmgeschäft vorstellen: Macht man etwas im Voraus, um das Endprodukt zu verkaufen, oder kauft man einem Filmemacher Rechte ab? Beide Varianten funktionieren. Ein Produzent kommissioniert einen Regisseur und behält die Rechte. Oder vielleicht handelt es sich um einen unabhängigen Film.

So wie dieses Interview hier. (Das Gespräch mit Mike Stubbs wurde auf Video aufgezeichnet, Anm. d. Autorin). Du wirst vielleicht denken, das ist ein großartiges Interview, wirst direkt zum WIRED Magazin laufen und es verkaufen wollen. Du wirst austesten, was du dafür aushandeln kannst – und am Ende bekommst du einen Euro dafür (schmunzelt).

Mike Stubbs | transmediale Capture ALL

Mike Stubbs schätzt seinen Wert, respektive den Wert unseres Interviews, auf 1,- Euro. :)

Das ist der Grund, weshalb ich meinen eigenen Blog betreibe. Die dadurch entstandenen Inhalte bringen mir nachhaltig größeren Mehrwert, als der Verkauf meiner Arbeitszeit als Autorin.

Wir eröffnen am 6. März in Liverpool eine Ausstellung mit dem Titel „Gruppentherapie – psychischer Stress im digitalen Zeitalter“. Wir arbeiten mit rund zehn Künstlern, die das Thema umfassend behandeln. Sie haben in der einen oder anderen Weise schon einmal eine Phase von psychischer Erkrankung erlebt, ebenso wie auch die Kuratoren.

Komm vorbei und schau es dir an! Komm nach Liverpool! FACT erwartet dich.

Teilen Sie Ihre Meinung mit