Malte Kebbel an der Wand

Braucht Kunst Fläche?

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Er ist einer der Künstler, die man nie mehr vergisst, hat man sie erst einmal entdeckt. Malte Kebbel war Student von Tal R an der Kunstakademie Düsseldorf und lebt jetzt in Berlin. Seine Kunst ist crazy, abgespaced, saucool und ich warte schon seit Monaten ungeduldig auf das Porträt, das er von mir zeichnen wird … Er ist immer so beschäftigt, jetzt hat er gerade an einer Aktion teilgenommen, bei der seine Kunst überdimensional auf Plakatpapier gedruckt und auf Werbeflächen präsentiert wird. Über seinen Verteiler verschickt er Einladungen zur Vernissage, die Veranstaltung heißt „Kunst braucht Fläche“.

Ist der Titel nicht ein wenig … eindimensional? Ich werfe einen Blick auf den Link, der darin eingebettet ist, und denke mir: Oh JEH! Eine Agentur für Plakatwerbung kleistert ihr Sommerloch mit Kunst zu. Künstler werden honorarbefreit dazu eingeladen, öffentliche Werbeflächen und Litfaßsäulen gestalten zu dürfen. Ach, Berlin!

Die Eröffnung ist in einer ruhigen Wohnstraße in Mitte verortet. Malte Kebbel ist bald entdeckt. Er trägt ein selbst gestaltetes und bedrucktes helles T-Shirt und Designerhosen aus eigener Werkstatt. Die Haare sind frisch geschnitten und sein ausgeschlagener Zahn ist auch repariert. Schade eigentlich, diese Zahnlücke, die er noch vor ein paar Wochen wie eine Trophäe lachend getragen hat, hat gut zu ihm gepasst.

Wir sind in einen kleinen berliner Innenhof mit Stehtischen, Plakaten … und echten Weingläsern! Glas hat Seltenheitswert bei einem Kunstevent in Berlin, Standard sind Plastikbecher oder Flaschenbier, ich wittere eine Promotion der Agentur für Kunden. Es ist alles recht schick, ein Loft mit offener Ziegelwand, Physalis und Trauben. Man sieht Wasser, Wein und auffällig gut gekleidete junge Menschen. Sogar an einen Ventilator wurde gedacht, es ist der heißeste Tag des Sommers 2013. Auch ein Plakat wurde für diese Kunstaktion gedruckt, es ist … pink! Grellpink. So pink, dass man es nicht übersehen kann, nicht einmal auf einer quietschbunten Plakatwand. Eine sympathische Frau hält eine Ansprache.

Die freundliche Rednerin heißt Katja Sergeeva, sie hat das Event organisiert – zusammen mit Alexander Veitengruber, dem Inhaber der Agentur. Irgendwo lese ich, dass sie Kulturwissenschaften studiert. Alexander erklärt mir ein wenig von den Hintergründen von „Kunst braucht Fläche“: AV-Tour macht Plakatwerbung hauptsächlich für Kunden aus dem Kulturbereich primär auf Litfaßsäulen und Zäunen von Baustellen. Da haben sie in Berlin wirklich genug Platz! Der Quadratmeterpreis sei für den Kulturbereich wesentlich niedriger bemessen als für kommerzielle Kunden, dennoch habe die Agentur große Probleme mit so manchen Bezirksbürgermeistern, die die Plakate aus der Stadt verbannen wollen – Werbung werde generell als Werbung gesehen und Werbung sei böse.
Will man mit der Kunst braucht Fläche Aktion Werbung für Werbung machen?  Ich vermute, es handelt sich um eine Art „wir sind die Guten, lasst uns unser Business weitermachen“ Imagekampagne. Gute Stimmung für die Agentur. Ist sie auch gut für die Künstler?

Katja Sergeeva

Katja Sergeeva | Kunst braucht Fläche – Eröffnung

Katja ruft zum Umzug des Events zum Mauerpark auf, ein paar Aktionen sind angekündigt. Malte verabschiedet sich, er will eine kleine Party für seine Freunde vorbereiten, die er zu seiner Plakatwand bei der East Side Gallery eingeladen hat. Ich schließe mich währenddessen dem Künstlertross an, der in die Bernauer Straße pilgert.

Direkt neben dem ehemaligen Todesstreifen ist eine Plakatwand für Künstler vorbereitet. An einem weißen Tischchen mit Sonnenschirm sitzt ein Mann, der ein Mitarbeiterschild an sein weißes Hemd gepinnt hat, auf dem „Verewigungsagentur“ steht. Fließbandartig fertigt er Porträts von Passanten an, alle nach Schema F: Umrisse, stilisierte Züge und ein leichtes Lächeln. Bis hierher erinnert er mich noch an die Touristenmaler am Montmartre in Paris, die in den Achtzigern für 15 Francs gezeichnet haben. Diese Bilder werden aber nicht verkauft, vielmehr werden sie neben die von anderen Verewigungsopfern auf eine Plakatwand gekleistert. Irgendwie hat das eine bedrückende Wirkung. Der nasse Klebstoff lässt die Zeichnungen aufweichen, die Mimik wird plötzlich ganz traurig. Ob das so beabsichtigt war? Ich habe den Verdacht, dass der Künstler namens Dominik Frassmann hier eine Art Leistungsschau seines Könnens geplant hat, er ist buchbar als Zeichner für Veranstaltungen. Vielleicht möchten die meisten seiner Kunden so dargestellt werden – mit diesem sanften Lächeln im Gesicht? Das Ensemble der Zeichnungen an der Plakatwand erinnert mich aber eher an eine öffentliche Menschenjagd.

Gleich nebenan findet eine weitere Porträt-Performance statt, die Vorlagen sind allerdings Schablonen und keine echten Personen. Mit erstaunlicher Kunstfertigkeit malt Winston Torr großformatig düstere Gesichter auf den vorbereiteten Untergrund, die mich ein kleines bisschen an Word War Z erinnern, diesen neuen Film aus 2013 von und mit Brad Pitt, den ich vor ein paar Wochen im Kino gesehen habe (ich musste ja SO lachen). In seinem Fall sind die Zombies aber nicht komisch, sie wirken ziemlich cool. Man sieht Winston an der Souveränität, mit der er die Plakatwand vorbereitet hat, und mit der er seine Entwüfe realisiert, an, dass er mit dieser Maltechnik bestens vertraut ist. Auf seiner Website finden sich Abbildungen zahlreicher Malereien und Zeichnungen. Die Herangehensweise passt sehr gut zu diesem Ort, er sollte vielleicht mehr Street Art machen, weg von der Leinwand. Aber möglicherweise ist er unter einem Pseudonym in der Graffitiszene längst hinlänglich bekannt?

Gegenüber stehen ein paar Leute, die einen Kindergeburtstag feiern. Aber wo sind die Kinder? Bei näherem Hinsehen entpuppen sich die bunten Monstermasken als Kostüme und die Gratulanten als Aktivisten. Dinosaurier von morgen sei man. Man hat Stempel, Buttons, einen Bauchladen. Man verkauft irgendetwas. „Biowurst Blutdurst“ ist der Kampfspruch. Die Litfaßsäule wurde mit einem malen-nach-Zahlen System plakatiert. Berliner kritzeln mit Edding die Litfaßsäule voll, es häufen sich Plattitüden à la „Fuck the System“. Ich will hier weg. Ich will Kunst anschauen. Bisher habe ich nur Werbung gesehen … Werbung für die Agentur, Werbung für das Event, Werbung für Designleistungen und die Kunstwerke sind Werbung für die Kunst der Künstler. Das Medium ist hier nicht nur die Botschaft. Malte, wo bist du? Hast du auch Werbung für deine Kunst gemacht? Oder ist dein Plakat ein eigenständiges Kunstwerk geworden?

Auf meinem Weg von der Eröffnung von „Kunst braucht Fläche“ zum Ostbahnhof komme ich an einem kleinen Lädchen vorbei. Es heißt „Matcha Bar„. Das gehört jetzt überhaupt nicht hierher. Doch nachdem es bei dieser Aktion um Werbung geht, fühle ich mich dazu angespornt, ein gutes Beispiel zu geben und ohne Gegenleistung eine Empfehlung für ein gutes Produkt auszusprechen. Dieses Ministübchen hat Getränke, die aus Matcha Tee gemacht sind. Der Eistee ist grasgrün, schmeckt auch ein wenig so (nach Gras), also sehr gesund, und ich bin trotz Sonne und Hitze wieder stundenlang pumperlfit! Die Barfrau ist eine bildhübsche Österreicherin, die so spricht und so verkauft, als hätte sie den Tee selbst gepflückt, getrocknet, gemahlen und mitgebracht. Schön, so etwas zufällig zu entdecken.

Endlich erreiche ich die East Side Gallery nach scheinbar viel zu langer Tour in der überhitzten U-Bahn, laufe im Schatten der Mauer in Richtung O2 Arena (dort ist seine Plakatwand, hat Malte mir verraten) und sehe mich um. Die Gallery ist voller Touristen, wie üblich. Mädels halten ihre Hände auf aufgemalte Patschehändchen, die mit Namen versehen sind. Drei Frauen fotografieren ein- und denselben Mann gleichzeitig vor bemalter Mauer. Es gibt I <3 Berlin Stempel. Und eine Million Reisebusse.

In der Ferne sehe ich einen Rohbau, eingerüstet. Moment, war nicht von Bauzäunen die Rede gewesen? Mir schwant Schreckliches. Und tatsächlich, meine schlimmste Vorahnung erfüllt sich: Die Arbeit von Malte Kebbel klebt irgendwo im Niemandsland, rechts von Werbung, links von einem weiteren Kunstwerk eingekeilt, auf eine unebene Spanplatte gekleistert. Nicht einmal der durchgeknallteste Tourist käme auf die Idee, einen Blick auf diese Seite der Straße mit ihrer Plakatwerbefläche vor Baustelle zu werfen. Alle stehen an der prominenten East Side Gallery Berlins, von acht Fahrspuren und einem vertrockneten Grünstreifen vom Werk von Malte Kebbel getrennt. Nichts, aber auch rein gar nichts würde darauf hinweisen, dass dieser bunte Bauzaun mehr zu bieten habe als eine Werbewand auf einem Bauzaun, die jeden kalt lässt. Radfahrer fahren unbeeindruckt vorbei, die wenigen Passanten, die an der Stelle vorbeikommen, achten nicht auf den künstlerischen Gehalt dieser Umgebung. Der Einzige, der vor dem Plakat stehen bleibt, ist der Künstler selbst, der gerade mit Prosecco und Oliven im Rucksack angeradelt kommt.

Hi Malte! Und? Was sagst du?
Ja, groß!
Ja.
Gut, um Fotos zu machen!
Ja, stimmt.
Mach ich mal …
Malte nimmt seine Kamera und dokumentiert sein Werk vom Grünstreifen der Mühlenstraße aus. Mein Herz bricht, als mir auffällt, dass sein Objektiv das einzige ist, das in Richtung Norden weist. Und dass Malte plötzlich einen Galeristen hat, über den man seine Werke mieten kann (Niemeier Mietstation), das war uns beiden neu …

Ich reiße eine alte Werbeplakatpappe aus siebenundzwanzig Lagen von einem Stromkasten ab, die Wildplakatierer haben hier schon seit Jahren geklebt, das gibt einen gemütlichen Untergrund. Während Malte noch fotografiert richte ich uns damit ein kleines Biwak im Schatten ein. Malte packt Wasser, Becher und Prosecco aus, jetzt sitzen wir zwischen Bürgersteig und Straße wie Penner und warten auf Publikum. Ein paar Passanten kommen vorbei, keiner wirft einen Blick auf das Plakat.

Malte ergreift die Initiative. Er nimmt die Sektflasche und ein Glas und fängt an, Passanten anzusprechen: „Wollen Sie einen Schluck Prosecco?“ Alle halten uns für Alkies. „Das ist eine Vernissage!“ Niemand nimmt uns ernst. „Das ist Kunst!“ Niemand sieht hier ein Kunstwerk. Eine Frau lacht achselzuckend: „Das ist ein Plakat!“ „Ja! Das Plakat ist Kunst!“ „Ein Werbeplakat ist keine Kunst“ grinst die Frau zurück und geht kopfschüttelnd weiter. Irgendwie bin ich ganz froh darüber, dass mir noch niemand einen Euro in meinen Wasserbecher geworfen hat.

Langsam wird das Sonnenlicht Berlins schwächer. Das Plakat sieht immer interessanter aus. Es stellt reproduzierte Zeichnungen von Malte Kebbel dar. Eigentlich ist diese Installation hier auch keine Kunst. Nein, wirklich nicht. Es ist Werbung. Abfotografierte Zeichnungen auf Plakatwerbefläche plus Homepage-Adresse, das ist Werbung. Wir sind hier im Markenland, umgeben von Kommerz. Links ist Werbung, oben ist Werbung, wir SITZEN auf Werbung, überall Werbung. Selbst schuld, Malte, dass sich niemand für dein Werk interessiert. Aber … es sieht trotzdem toll aus. Die Zeichnungen sind im Original eher klein, die große Dimension tut ihnen gut. Und das Plakat ist zwar schlecht geklebt, aber dafür gut gedruckt.

„Das erste und das letzte Bild sind schon verkauft!“ Verrät mir Malte. Wie das? Allein dadurch, dass er die Einladung für diese Aktion verschickt hat, hat er zwei Werke veräußert. Ah, ja, dann hat es sich ja doch gelohnt! „Auf jeden Fall!“ versichert Malte. Außerdem verrät er mir ganz fantastische Ideen für Kunst am Bau, und da ist das schon ein guter Anfang. Vielleicht ist es ja doch Kunst? Die bewusste Übertragung einer Zeichnung auf ein Werbeplakat kann man als Kunst anerkennen. Ach, ist doch egal, ob es Kunst ist oder Werbung, es ist ein tolles Plakat an einer beschissenen Location.

Endlich interessiert sich ein Passant für das Werk. Er bleibt davor stehen und bestaunt es. Irrtum. Nicolas Fontaine ist Künstler und ein guter Freund von Malte. Er joined die Party.

Nicolas hat Werke in der Ausstellung „Familienaufstellung“ der KH Weißensee! Ich war bei der Eröffnung. Die Finissage steht ins Haus. Wie schnell die Zeit vergangen ist! Nicolas lädt mich zur Aftershow-Party ein. Oh, super, da bin ich gerne mit dabei! Welche Werke waren von dir? Ich kann mich überhaupt nicht mehr daran erinnern, was Nicolas ausgestellt hat, habe ich etwas übersehen?

Jetzt treffen noch mehr Freunde von Malte ein. Fein, die Vernissage kommt in Schwung. Und, sieh einer an, sobald Menschen da sind, ist auch plötzlich das Interesse der Passanten da. Letztendlich bleiben auch zufällig Leute stehen und wollen wissen, was hier los ist, an diesem gottverlassenen Ort Berlins. Hurra!

Das direkte Sonnenlicht ist vollständig untergegangen. In der hellen Dämmerung ist das Fotolicht am allerbesten. Malte, soll ich noch ein paar Bilder machen? „Ja, klar!“ Mittlerweile sieht das Plakat richtig gut aus. Die Zeichnungen sind wirklich super. Und die Reproduktion in Druckform auf Plakatpapier ist in den Farben sehr schön geworden. Das muss ein ganz ordentlicher finanzieller Aufwand gewesen sein.

Ah, da kommt auch Marjorie Chau. Sie leitet eine Tanz- und Theaterkompanie. Und sie hat Lilly mitgebracht. Ihre Anwesenheit inspiriert Malte zu einer ungewöhnlichen Aktion: Er fischt zwei bunte Frauen von der Straße und wirbt sie als Statistinnen an. „Entschuldigen Sie, meine Damen, wenn ich Ihnen fünf Euro gebe, lassen Sie sich dann von mir vor meinem Werk fotografieren?“ „Jo, einverstanden. Kommen wir dann in die Zeitung?“ „Das wohl nicht, aber dafür ins Internet! Ein bisschen mehr nach links! Nein, nicht so weit. Jetzt mehr nach vorne. Und wieder zurück! Ja. So ist es gut! Vielen Dank, meine Damen!“

Spätestens jetzt ist Malte so richtig in Schwung gekommen. Kunst, Aktion, Fläche, Prosecco, Fotos … Er will eine Bürgersteigsperre errichten und alle Passanten als seine Gäste einladen. Mit seinem Fahrrad und einer großen Spanplatte, die er als Abfall neben unserem Biwak findet, möchte er einen Kunstraum im öffentlichen Raum errichten. Leider verstaucht er sich dabei den Fuß. Als er versucht, die schwere Platte zu postieren, verletzt er sich so schmerzhaft, dass es vorbei ist mit der Blockade – und mit der Party auch. Wobei das eine tolle Idee gewesen wäre. „Die Räuber“ neu interpretiert. Aufmerksamkeitsräuber wären wir geworden.

Noch zwei Wochen hängt das Plakat mit der Werkserie "Fritz Fratz" von Malte Kebbel gegenüber der East Side Gallery.

Zwei Wochen lang klebt das Plakat der Werkserie „Fritz Fratz“ von Malte Kebbel gegenüber von der East Side Gallery.

Ich bin auf den Geschmack gekommen. „Kunst braucht Fläche“ ist vielleicht doch nicht so eindimensional, wie ich anfangs annahm. Die Kunst ist zwar ringsum wattiert von Werbung auf diesen Plakatwerbeflächen, auf denen sie präsentiert wird. Doch die Künstler bringen Leben in diesen Marketingmantel. Ich möchte auch gerne sehen, was sich beispielsweise Rebecca Raue und Sarawut Chutiwongpeti für ihre Litfaßsäulen und Wände haben einfallen lassen und plane eine Tour durch die Stadt. Gibt es eine Arbeit darunter, die als frei künstlerisches Werk verstanden werden kann und extra für eine Plakat-Fläche gemacht wurde? Ich bin gespannt!

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