Lieber Otto Piene! Schönen Gruß vom Boden – und guten Flug

Otto Piene verabschiedet sich fröhlich mit der Sky Art Performance "More Sky"

Geschätzte Lesezeit: 9 Minuten

Liebe LeserInnen! Bitte laden Sie sich gerne kostenlos Erinnerungsfotos vom Sky Art Event „More Sky“ von Otto Piene aus der Galerie in diesem Artikel herunter. Sie können sie für eigene Blogbeiträge oder andere Verwendungszwecke nutzen.

Otto Piene ist gestorben

So etwas wird es vielleicht nie mehr geben“ poste ich für meine FreundInnen stark verschnupft auf Facebook. „Wer kommt mit?“
Otto Piene wird eine Sky Art Performance auf dem Dach der Neuen Nationalgalerie in Berlin zeigen. Er ist schon über achtzig Jahre alt, vielleicht ist das die letzte Gelegenheit, ein Sky Art Event von ihm in Berlin zu sehen. Ich möchte meine FreundInnen dazu ermuntern, mit mir gemeinsam diese einzigartige Kunstsituation zu erleben. Die Erkältung wird mit Schmerzmitteln niedergeknüppelt. So etwas darf man nicht versäumen. Wann genau ist der offizielle Beginn? Ich google nach „Sky Art Performance Berlin“ und bekomme einen Schock: OTTO IST GESTORBEN!
Die Süddeutsche und andere Medien haben Nachrufe verfasst.

Otto Piene kam zur Eröffnung seiner großen Retrospektive „More Sky“ in der Neuen Nationalgalerie und der DB KunstHalle am 17. Juli und starb gleich danach ohne großen Bahnhof im Taxi. An einem Herzinfarkt. Na so etwas. Typisch Otto. Wenn schon Herzinfarkt, dann ganz privat.
Gerne wollte ich hingehen, zu dieser Eröffnung. Noch am Morgen seines Todestages habe ich Otto eine E-Mail geschrieben und ihm herzlich gratuliert. Leider war ich fiebrig und konnte nicht zur Vernissage kommen. Wollte niemand anstecken, habe aber meine Teilnahme am kommenden Sky Art Event angekündigt. Jetzt verstehe ich auch, warum er nicht geantwortet hat. Kein W-LAN im Himmel.

Der Himmel als Leinwand

Himmel? Ja. Otto Piene ist ein großer Pionier der Sky Art. Kunstwerke steigen zu lassen, um so den Luftraum über unseren Köpfen zu gestalten, ist eine seiner großen Herausforderungen gewesen. Bei der Abschlußfeier der XX. Olympiade in München spannte er einen gigantischen Helium-Regenbogen über den See auf dem Olympiagelände, ein Zeichen für Frieden und Völkerverständigung. Der Film darüber ist aktuell in der DB KunstHalle zu sehen.
Otto Piene ist stets ein liebenswerter und aufgeschlossener Mensch gewesen, der sich für die Mitmenschen eingesetzt hat, die in seinem Sonnensystem zirkulierten, besonders für seine liebe Gattin Elizabeth Goldring. Ich habe ihn kennen gelernt, als ich für ein Museum auf der Suche nach historischen Videoarbeiten war. Wir saßen viele Stunden in seinem Atelier in Düsseldorf, er erzählte mir Geschichten vom MIT, seinen ZeitgenossInnen und den Hintergründen seiner Arbeiten. Die Sky Art war künstlerisch sein Liebling. Natürlich hatte er mit ZERO einen Meilenstein in der Kunstgeschichte gelegt, doch Luft und Himmel als Darstellungsraum für seine Kunst faszinierten ihn besonders. Ich bin sicher, Otto bekommt in seinem Himmel einen ganz besonderen, leuchtend hellen Platz.

Ein Sky Art Event in Berlin

Otto Piene hatte mir mehrere Kataloge über Sky Art geschenkt, ich hüte sie in meinem Archiv. Wochenlang war ich voll Vorfreude, endlich einen dieser Momente in Wirklichkeit erleben zu können. Die Sky Art Performance im Rahmen der Ausstellung „More Sky“ war für den 19. Juli terminiert. Es war alles gut vorbereitet. Nach seinen Tod wurde sie nicht abgesagt, sie fand zu Pienes Ehren statt. Geplant war, den „Berlin Superstar“ von 1984 mit zwei weiteren Sternen zu kombinieren und 90 Meter hoch vom Dach der Neuen Nationalgalerie in den Abendhimmel steigen zu lassen.
Dieses Dach ist ein schwarzes Quadrat. Ist Ihnen das schon einmal aufgefallen? Mies van der Rohe lässt damit Kasimir Malewitsch schön grüßen. Otto Pienes Sterne sollten abheben von der architektonischen Verkörperung des Urknalls der Moderne.

Der Wind, der Wind

Gegen neun Uhr Abends kam ich am Ort des Geschehens an. In den Straßen waren tausende Menschen. Über der Neuen Nationalgalerie schwebte eine Fotodrohne. Bis zum Kulturforum saßen die Leute auf Steinbänken und drängten sich um den Sockel des Museums. Eine ältere Dame hatte einen Kreislaufkollaps und wurde auf dem Asphalt liegend von Sanitätern verarztet.
Zwei strahlend weiße Sterne aus Fallschirmseide waren weithin sichtbar auf dem Dach befestigt. War das eine statische Installation? Ich setzte mich zu KollegInnen von der Presse auf eine erhöhte Plattform auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Was passierte hier? Ein freundlicher Künstler um die sechzig Jahre auf der Suche nach einer Galerie schwärmte mir von seinen Bildern ohne Farbe vor und sprach mir seine Internet-Domain in die Kamera, während ich Otto Pienes wehende Heliumschläuche filmte. Wann würden die Sterne steigen? Er konnte es mir nicht sagen.
Neugierig ging ich hinüber zur Nationalgalerie, an deren Rückseite eine Lochblechtreppe als Zugang zum Dach in ein Baugerüst installiert war. Der Eingang war mit Kordeln verhängt. Ich fragte den schwarzweiß gekleideten Aufpasser, was hier vor sich ginge. „Zu viel Wind!“ erklärte er mir. Die Skulpturen konnten nicht fliegen. Von der Wetterwarte in Potsdam sei schon vor einer halben Stunde ein Windloch angekündigt worden, aber noch sei es nicht da.

Ich bin Bloggerin, lasst  mich durch!

Darf ich auf das Dach? Ich bin Bloggerin.“ Zu gerne wollte ich Fotos von den „Piloten“ und den Vorrichtungen machen, von denen Otto mir so ausführlich erzählt hatte. Ein Kollege, der seine Fotos über Getty Images vertreibt, hat so einen Moment schön eingefangen.
Es ist nicht einfach, diese Sky Art Objekte zu fliegen, hatte mir Otto erläutert, dazu müsse man ausgebildet sein und brauche viel Übung. Leider durfte ich nicht selbst hinaufsteigen. Keine Chance! „Sie hätten sich akkreditieren müssen, nicht einmal mit Presseausweis kommen Sie da hoch – wegen der Statik“ wurde mir streng der Zutritt verboten. Der Pressesprecher der Neuen Nationalgalerie könne es mir gestatten, ich solle ihn suchen, ein junger Mann mit rotem Shirt und Brille.
Versuchen Sie, mit dieser Beschreibung einen einzelnen Menschen in einer Crowd von Tausenden ausfindig zu machen. Natürlich habe ihn nicht gefunden. Dafür aber einen Fotografen, der eine Akkreditierung für das Dach hatte. „Bitte! Machen Sie mir ein paar Fotos von den Fliegern!“ Ich drückte ihm meine Kamera in die Hand. Der freundliche Mensch ließ sich überzeugen und schoss ein paar Totalen von der Szenerie für mich. Sie finden sie in der untenstehenden Galerie.

Die Polizei will bei dem Sky Art Event auch dabei sein

Das ist keine angemeldete Kundgebung hier!“ dröhnte ein Polizist mit Maschinenpistole in die Menge. Mehrere Polizeiautos kamen an. Weiträumig wurde die Straße mit Absperrband gesichert. Als ich mit meinem Fotoschatz zurück in die Pressezone bummeln wollte, kam ich auch über den Grünstreifen zwischen den Fahrbahnen. „Verlassen Sie diese Fläche!“ verlangte ein schwarzgekleideter Polizeibeamter. „Ist das nicht öffentlicher Grund und Boden?“ protestierte ich. „Die Autos kommen nicht mehr durch wegen der vielen Menschen, der Verkehr darf nicht behindert werden.“
Als ich mit dem Taxi zur Performance gekommen war, war der Potsdamer Platz abgeriegelt gewesen – wegen Diplomaten, die freie Fahrt verlangt hatten. Der Taxifahrer hatte über den Tiergarten ausweichen müssen, um zur Neuen Nationalgalerie zu gelangen. Ist so ein zeitlos bedeutsames Event nicht viel wichtiger, als flüssiger Verkehr? „Sperren Sie lieber die Straße!“
Ich setzte mich wieder zu meinen Pressekollegen auf eine sonnenwarme Steinbank. Es wurde dunkel. Wütend schimpfte ein Fotograf über das störende Blaulicht der Polizeiwagen, die sich auf die Bus-Spur stellten, um eine Pufferzone zwischen Gehweg und Straße einzurichten. „Sicherheit schön und gut, aber das geht zu weit!“ brummte er und brüllte „BLAULICHT AUS!!“ Stellen Sie sich vor: Es hat gewirkt.

Die Sky Art Kunstwerke können nicht fliegen

Der Abend verging, der Himmel war schon schwarz. Eine scheinbar verwirrte Frau rief „Warum sind hier so viele Menschen, warum sind hier so viele Menschen?“ Zwei Sterne machten immer wieder kleine Anläufe, nach oben zu steigen, doch sie wurden vom Wind zur Seite gedrückt und mussten eingezogen werden. Hin und wieder richtete sich einer von ihnen ein paar Meter auf, begleitet vom fröhlichen Gejohle und Geklatsche des Publikums. Doch nie schafften es die Flieger, beide Sterne gleichzeitig auf die versprochenen neunzig Meter Höhe zu bringen. Als es für einen kurzen Zeitraum gelang, verlor einer von ihnen die Luft. Plötzlich sah er aus wie eine verwelkte Blüte und erinnerte eher an Otto Pienes „Fleurs du Mal“ als an einen Stern. Es wurde immer später. „Wenn es bis Mitternacht nicht windstill wird, brechen wir ab!“ rief eine Mitarbeiterin der Neuen Nationalgalerie.

Was länge währt …

Wir warteten. Es wurde halb zwölf. Es wurde fünf vor zwölf. Die JournalistInnen machten sich langsam bereit, die Szene zu verlassen. Da, endlich! Einer der Sterne stieg senkrecht in die Höhe. Der zweite folgte. Beide Sky Art Objekte waren in der Luft. Freudenrufe erklangen aus dem Publikum. Sehen Sie sich gerne ein kurzes Video an, ich habe den Aufstieg des ersten Sterns dokumentiert. Meine SitznachbarInnen haben das Geschehen in ganz amüsanter Weise kommentiert.
Etwa eine Stunde später der Höhepunkt: Auch der angekündigte dritte Stern, der „Berlin Superstar“ wurde aufgeblasen. Die Menschen auf dem Plateau reckten begeistert die Hälse und suchten interessante Perspektiven. „Otto hat den besten Platz. Er sieht alles“, waren wir uns einig.
Ein junger Mann, dessen Ausweis ihn als zugehörig zum Haus markierte, lief blitzschnell aus der Nationalgalerie, um von unten mit seinem Smartphone den Moment festzuhalten. Ich versuchte noch einmal, aufs Dach zu kommen – leider erneut vergebens. Ein Kellner vom „Grill Royal“, der verantwortlich war für das Catering vor Ort, schenkte mir eine halbe Flasche Wasser. Ich muss sehr durstig ausgesehen haben.
Todmüde machte ich noch ein paar Fotos von den drei Sternen, auch hinter Bäumen, ehe ich gegen halb zwei Uhr in den Nachtbus stieg. Ich war glücklich. Den leicht abwesenden Fahrgästen im vollen Bus hätte ich zu gerne zugerufen „schauen Sie! Die Sterne fliegen! Steigen Sie aus und sehen Sie sich das an!!“ Hätten Sie mich für verrückt gehalten?

The Art will go on

Besuchen Sie unbedingt die zwei aktuellen Ausstellungen der Piene-Retrospektive „More Sky“ in der Neuen Nationalgalerie und der DB KunstHalle! Im Erdgeschoß des Mies van der Rohe Baus ist eine Lichtinstallation inszeniert, die auf frühe, handgemalten Dias des Künstlers zurückgeht. Sie ist nach Einbruch der Dunkelheit aktiv und frei zugänglich. In der Deutschen Bank kann man eine erlese Auswahl früher Zeichnungen, Malereien aus der ZERO-Zeit, Lichtobjekte und Dokumentationen vom Regenbogen über den Olympischen Spielen in München sehen. Für 2015 ist auch eine große Werkschau im Martin-Gropius-Bau in Kooperation mit dem Guggenheim Museum geplant. Mehr Informationen finden Sie unter „Otto Piene in Berlin“.

Die Fotos sind für die Allgmeinheit

Als ich am darauffolgenden Sonntag die Fotos der Performance bearbeitete, stellte ich mir vor, Otto Piene säße neben mir. Welche Bilder würden ihm gefallen? Ich hörte ihn zu mir sagen: „Das ist sehr gut! Das sollten wir nehmen. Hier sieht man die ganze Szenerie. Können Sie diese Kontraste noch stärker machen? Das wird etwas. Diese Fotos können viel!“

Ich stelle Ihnen die Fotos der Sky Art Performance von Otto Piene kostenlos zur Verfügung. Sie stehen unter einer Creative Commons CC BY SA Lizenz, Sie können die Bilder bearbeiten, selbst nutzen und unter gleichen Bedingungen weitergeben, wenn Sie die Namen der AutorInnen nennen. Viel Freude damit!

Sky Art Event Fotos: Granaton
Dachfotos: Arthur W. Schrewe

Creative Commons Lizenzvertrag
Otto Piene – Sky Art Performance „More Sky“ von Granaton ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz.

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