Quantified Self in Forschung und Kunst

Joerg Blumtritt erzählt über Paradigmenwechsel durch Big Data

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Joerg Blumtritt ist professioneller Datenjongleur. Er studierte Statistik und politische Wissenschaften, engagiert sich in der Arbeitsgemeinschaft Social Media und gründete das Big Data Labor Datarella. Sein jüngstes Werk, das Slow Data Manifest, liest sich wie eine Zeitleiste der Datenkunst. Joerg Blumtritt setzt sich Live Logging Experimenten aus und zieht daraus weitreichende Schlüsse. Dieser kreative Kopf weiß nicht zuletzt aus Selbsterfahrung, wovon er spricht (siehe Artikelbild), wenn es um Erkenntnisgewinn durch Daten geht.
Als ich ihn kürzlich beim Zukunftskongress Aktion Mensch traf, fragte ich ihn nach seiner Sicht auf die Entwicklung unserer Gesellschaft durch Quantified Self.

Welche neuen Geschichten entstehen durch Quantified Self?

Fangen wir klein an – sehen wir uns an, was durch Social Media entsteht. Da schreiben Leute meistens explizit, was sie gerade denken oder erleben, wenn sie beispielsweise Bilder posten. Mit Quantified Self wird das ein Stück automatischer. Wenn ich Freunde sehe, wie sie Sport machen oder wie hoch ihr Blutdruck ist, ist das so ähnlich, wie Leute die twittern, aber automatisch und unbewusster. Das ist eine Form von neuen Geschichten und es kann interessant sein, abstrakte Begriffe dafür zu finden. Wir experimentieren damit und haben den Namen „Data-Timeline“ dafür vergeben. Abstrakte Events entstehen durch diese Timelines.

Das kontextualisierte Event ist eine Mikro-Geschichte. Es wird interessant sein, damit Erzählungen zu machen. Die vers-artige Erzählung, die Twitter prägt, gewinnt eine eigene Struktur. Mit der Datenerzählung wird das so sein, dass wir Zusammenhänge finden, die wir jetzt noch nicht sehen.

Mir persönlich geht es so, dass das Vers-artige, Aphoristische, meine Art zu sprechen total geändert hat. Ich wette, dass das durch die Quantified Self Erzählung ähnlich weitergeht. Dass wir dann die Erzählung noch viel stärker merken, und uns an durch Messwerte subjektivierte Geschichten entlanghangeln. Wie ist mein Blutzuckerspiegel und wieso bin ich deshalb schlapp? Wie lange habe ich geschlafen, wie viele Tiefschlafphasen habe ich? Das fängt gerade an, aber es wird spannend. Es wird bestimmt auch ästhetisch total interessant.

QS1

Wie wird sich Quantified Self auswirken?

Quantified Self ist eng verwoben mit Big Data Paradigmenwechseln. Es gibt dadurch ganz andere Herangehensweisen an Visualisierung, die Darstellung  von hoch multivariaten Daten. Was sich zeigt, ist eine neue Art, wie wir gewöhnt sind, Daten zu sehen. Vor 20 Jahren waren Daten Balkendiagramme oder Linien. Jetzt sind es ganz häuftig Netzwerke, auch in den Massenmedien. Flaggschiffe der Society Visualization sind Guardian und New York Times.

Dazu gibt es viele Beispiele und interessante Projekte. Information is Beautiful von David McCandless beispielsweise. Edward Tufte predigt gegen Powerpoint. Nicolas Feltron pflegt eine Quantified Self Community. Das ist total interessant, sehr akademisch. Auf der Quantified Self Konferenz trifft man zur Hälfte Doktoranden, Postgraduates, soziologische Forschungsprojekte. Die andere Hälfte sind Kunstprojekte.

Es gibt ein paar Künstler, die bei den Konferenzen aufgetreten sind und zum Teil sehr lustige Sachen gemacht haben. Ein ganz großes Projekt stammt von Dana Greenfield: Quantified Grieve. Sie hat den Tod ihrer Mutter versucht zu quantifizieren und zu übersetzen. Das Projekt ging sehr weit und hat eine zeitgemäße Trauersprache gefunden. Soziologin Whitney Erin Boesel bloggt darüber seit Jahren. Da kann man sich entlanghanteln.

Ich habe mit einem Kunsthistoriker zu tun gehabt, der eine Arbeit über Stilleben geschrieben hat. Er vertritt die These, dass Stilleben dadurch aufgekommen sind, dass die Lupe und das Mikroskop verfügbar worden sind. Fäulnisprozesse im Obst waren für Maler vorher nicht sichtbar, weil es keine Werkzeuge gab. Durch neue Werkzeuge wurden sie Teil der Kunst. So wird es heute auch sein. Wir machen jetzt Beobachtungen, die wir vorher nicht gesehen haben, die jetzt da sind und Handlungsstränge verändern werden.

Wir sind am Ende der epischen Erzählung. Die klassische dramatische Form löst sich auf in Geschichten, die aus kleinen, einzelnen Sequenzen bestehen. Man sieht das gut bei Filmen wie Tribute von Panem und Game of Thrones. Es gibt immer mehr Charaktere bei immer kleinteiligeren Erzählungen. Serien werden zunehmend anders geschaut. Das ist echt lustig, als wir das angefangen haben zu sehen in der Fernsehforschung, haben wir große Veränderungen bemerkt. Binge-Watching ist beispielsweise so ein Phänomen. Serien werden nicht mehr in langen Abständen über einen längeren Zeitraum konsumiert –  man schaut ganze Staffeln hintereinander an, bis man nicht mehr kann.

Was bedeutet Quantified Self für die menschliche Psyche?

Interessant ist in diesem Kontext das Beifall-Phänomen: Durch soziale Verstärkungsmechanismen entstehen Feedbackschleifen. Wie sich das auf lange Sicht auswirken wird, werden wir aufmerksam beobachten.

Teilen Sie Ihre Meinung mit