Re:Publica für Wunschnamen

Um gegen die drohende Klarnamenpflicht in Netz und Leben anzukämpfen, setze ich mich ein für die Erhaltung unserer jahrhundertealten Tradition von Pseudonymen in Kultur, Politik, Innovation und Widerstand. Re:Publica unterstützt diese Haltung.

Geschätzte Lesezeit: 7 Minuten

Re:Publica pro Pseudonym

Die netzpolitisch orientierte berliner Konferenz Re:Publica ist das jährlich stattfindende Treffen für AktivistInnen und Medienprofis aus der ganzen Welt. Sie findet seit 2007 statt und ist eines der größten Events dieser Art, bei dem sich alles um Webtechnologie, Datenschutz und Onlinegesellschaft dreht.

Das Motto lautet 2015 Finding Europe. Für dieses altehrwürdige Thema habe ich eine Präsentation über die jahrhundertealte europäische Tradition von Pseudonymen vorgeschlagen, übertragen auf das kommende Web 3.0.
Fünfzehn Minuten Redezeit mit Fragen bekam ich dafür.

Es ist reiner Zufall, dass mein Vortrag von der Programmdirektion in den Kontext „It after Snowden – Privacy and Security“ gestellt wurde. Wenn Sie meinen Blog schon eine Weile verfolgen, kennen Sie mein Misstrauen gegenüber der Authentizität von Edward Snowden.

Ich habe diese Ironie des Schicksals dafür genutzt, die zwei Ideen Snowden als Pseudonym und Widerstand gegen die Klarnamenpflicht miteinander zu verbinden. Mein Re:Publica Talk pro Wunschnamen wurde auf Voicerepublic veröffentlicht.

Zum Mitlesen stelle ich Ihnen mein Script online zur Verfügung. Wie denken Sie darüber?
Veröffentlichen Sie Ihre Ansicht dazu in einem Kommentar!

„Edward Snowden“ ist ein Pseudonym

Dieser Verdacht ist mir gekommen, als ich Anfang 2014 das erste Interview von Edward Snowden mit der ARD gesehen habe. Snowdens Performance hat auf mich gewirkt wie auswendig gelernt. Ein Stegreifspiel mit vorgegebenem Plot, einigen Ausflüchten und erwartetem Inhalt.

Würde ein Mann, der vor der ganzen Welt eine Rolle spielt, mit dem Namen auf die große Bühne gehen, den er von seinen Eltern bekommen hat?
Ein Vorname ist aufgeladen mit Gefühlen, Wertevorstellungen und Erinnerungen. Der Familienname deklariert Zugehörigkeit. Zu einer Sippe, einer Schule, einer Kultur oder einer Nation.
Ein bürgerlicher Name bedeutet soziale Verantwortung.

Trauriges Beispiel ist der mysteriöse Tod des berliner Hackers Tron. Der gebürtige Boris F. war akademischer Elektroniker, der mit dem Cryptophon in den Neunziger Jahren Verschlüsselungsverfahren für ISDN-Telefone entwickelt hat. Er ist im Alter von 26 Jahren erhängt in Neukölln gefunden worden. Seine Eltern hatten Angst und wollten erreichen, dass sein bürgerlicher Name öffentlich nicht genannt werden darf. Sie scheiterten jedoch in zweiter Instanz vor dem Landgericht Berlin.

Unsere bürgerliche Identität ist wie eine Marke, die uns unser ganzes Leben lang begleitet. Ein Korsett für unser soziales Ich. Wenn wir diesen Rahmen verlassen wollen oder müssen, fällt das umso schwerer, wenn wir es unter dem Namen tun sollen, der uns von Geburt an begleitet. Ein Pseudonym kann ungeahnten Stärken, neuen Identitäten, Kreativität und Opposition eine Türe öffnen.

Kurt Tucholsky hat vier Charaktere erschaffen, um mit ihnen gemeinsam „gegen die Katastrophe anzuschreiben“. In seiner Weltbühne haben sie unterschiedliche Meinungen verkörpert, und offen über die politische Lage debattiert. Die Übermacht war zu groß, Kurt Tucholsky starb im Exil an einer Überdosis Schlaftabletten.

Friedensnobelpreisträger Willy Brandt hat unehelich Herbert Frahm geheißen. Er hatte keine schöne Kindheit. Im Widerstand gegen das NS-Regime hat er „Willy Brandt“ als Kampfnahme gewählt. Nach dem Krieg hat er sein Pseudonym als bürgerlichen Namen angenommen.

Einen nom de plume, also Schreibfeder-Name, führt Spionageroman-Autor John Le Carré. Berühmt ist sein Werk „Der Spion der aus der Kälte kam“. Als Mitarbeiter der britischen Botschaft in Bonn hätte er unter seinem bürgerlichen Namen gar nicht publizieren dürfen.

Schon im Mittelalter waren Wunschnamen gang und gebe. Johannes Gutenberg, der mit seiner Erfindung des Buchdrucks die Neuzeit eingeleitet hat, hieß gebürtig Henne Gensfleisch.

Gensfleisch-Bibel? Wäre das jemals ein Erfolg geworden?

Gutenberg ist ein sogenanntes Genonym und steht für die Lage vom Hof seiner Eltern.

Ich vermute, dass auch „Edward Snowden“ eine Spielart von einem Geonym ist. Wenn Sie mich nach der Bedeutung von Snowden fragen: Ich glaube, Snowden steht für „Snow“. Der Spion, der aus dem Schnee kam.
Der Spion, der aus dem weißen Rauschen kam.

In meiner Theorie steht Snowden also in der Tradition des Spionagenames, so wie auch der von Legende Mata Hari, die neben ihrem berühmten Pseudonym noch den Decknamen H21 hatte. Snowden gab sich den Decknamen Citizen Four.

Transgender-Namen, Pornonamen, Rapnamen. Nicks für Graffitisprayer, Ordensnamen. Meist geht es dabei um die Befreiung einer verborgenen Identität.

Kürzlich habe ich einen Artikel über die Intervention von Simon Schräder gelesen, einem politisch engagierten Abiturienten. Er wollte vom Schulministerium vorab Einsicht in die Fragen seiner Abi-Prüfung bekommen. Den Antrag hat er unter einem Pseudonym gestellt. Hätte er das unter seinem Namen als Schüler auch gemacht?
Das Ministerium hat ihm geantwortet, Schreiben und Anfragen seien stets mit korrektem Namen zu stellen. Dabei ist außer Acht gelassen worden, dass auch ein Pseudonym ein korrekter und rechtsgültiger Name sein kann.

Das deutsche Namensrecht gibt Wunschnamen vollen Schutz. Mit einem unverwechselbaren Pseudonym kann jede gemeldete Person in Deutschland Bankkonten eröffnen, beim Finanzamt geführt werden und Verträge unterzeichnen. Sogar gewählt werden kann man mit einem Pseudonym.

Facebook und andere soziale Netzwerke machen ihre eigenen Regeln. Sie wollen keine Persönlichkeiten, die ihre angestammten Grenzen überschreiten.

Jedes Profil soll einzigartig sein und einer Person zugeordnet werden können.

Dementsprechend sind die AGB von Facebook formuliert, die immer rigoroser werden. Der „wahre Name“ soll für ein Profil benutzt werden. Was genau darunter zu verstehen ist, bestimmt Facebook. Im Laufe der Zeit geht diese Forderung auf das Rechtsempfinden der UserInnen über. Facebook-Moral wird Bürger-Moral.

Mein aktuelles Facebook-Profil ist schon das DRITTE, das ich unter Granaton angelegt habe. Facebook erkennt nicht, ob ein Name bürgerlicher Herkunft ist. Nur durch die Interaktion mit anderen Teilnehmern kann ein Pseudonym identifiziert werden. Glauben Sie mir: Das wird es auch. Denunzianten sind überall.

Ich versuche, die gesperrten Profile mit Unterstützung des Datenschutzbeauftragten von Hamburg wieder öffnen zu lassen. Das ist aber ein langer juristischer Weg. Ob sich Facebook an deutsches Recht halten muss, ist noch nicht entschieden.

Mein persönlicher Weg heißt: Passiver Widerstand gegen die AGB von US-Unternehmen. Mit jedem gesperrten Granaton-Profil entsteht ein neues.

Die Behauptung, wer nichts zu verbergen habe, brauche kein Pseudonym, ist ein simplistisches Totschlagargument. Wir alle haben verborgene Talente. Wir alle können in die Situation kommen, uns neu erfinden zu wollen, eine weitere Spielart des Ich zu entdecken oder Widerstand gegen etablierte Systeme leisten zu wollen.

Ob die technische Umsetzung der Botschaft von Edward Snowden Wirklichkeit ist, das können wir nicht überprüfen. Auch IT-ExpertInnen können nicht genau wissen, inwieweit die Five Eyes zusammen mit dem BND dazu schon in der Lage sind. Wir können Snowden nur vertrauen – oder auch nicht.

Die psychologische Wirkung von Snowdens Darstellung ist längst empirisch belegbare Wirklichkeit. Die Überzeugung, ein allwissender Geheimdienst würde uns überwachen, hat eine ähnliche Macht auf unsere Gesellschaft ausgeübt, wie die immerwährende Beobachtung von Gedanken, Worten und Werken durch einen allwissenden Gott.

„People self-police their own views“ prophezeit Snowden im Film „Citizenfour“ und genau das ist durch seine Botschaft auch eingetreten.

Die inneren Kerker werden immer tiefer, in die wir unsere Meinung einsperren, wenn wir Angst haben. Die Gewissheit der begründeten Furcht vor totaler Überwachung in den Köpfen einer deutschen Bevölkerungsmehrheit wurde von einem einzigen angeblichen Whistleblower ausgelöst. Viele Politische Debatten über kontroversielle Themen wurden aus Sorge vor Terrorlisten im Keim erstickt.

Ich habe Angst, dieser öffentlichen Überzeugung von Totalüberwachung zu widersprechen. Heute stehe ich vor Ihnen und teile mit Ihnen diese unpopuläre Meinung – in einem Panel auf der Re:Publica, die Edward Snowden bitterernst nimmt und als Held feiert.

Hätte ich diesen Standpunkt unter meinem bürgerlichen Namen auch vertreten?

Ein Pseudonym gibt uns die Kraft, über Moralvorstellungen, Ängste oder soziale Zwänge hinauszuwachsen. Auch wenn uns ein Wunschname auf technischer Ebene nicht notwendigerweise schützen kann vor Datenspionage, Verfolgung oder vor persönlichen Angriffen, so ist er doch ein emotionaler Schutzraum für Kreativität, spielerisches Denken und Mut.

Der Ausstieg aus der Totalüberwachung ist auch ein innerer Prozess. Wir dürfen uns insbesondere in einer Post-Snowden Ära unser jahrhundertealtes Recht auf Wunschnamen nicht nehmen lassen.

Granaton, Mai 2015

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