Sag mir, wo die Künstler sind

Man denkt, er habe etwas erreicht. Und er stirbt verstanden. Doch nur wenige Jahrzehnte später scheint alles vergessen.

Geschätzte Lesezeit: 10 Minuten

Kennen Sie den Begriff „Soziale Plastik“ von Joseph Beuys? Wenn ja, lesen Sie gerne weiter. Wenn nicht, verschaffen Sie sich bitte einen Überblick darüber, vielleicht beginnend bei Wikipedia, denn andernfalls können Sie den folgenden Text nicht nachvollziehen.

«Die einzig revolutionäre Kraft ist die Kraft der menschlichen Kreativität, die einzig revolutionäre Kraft ist die Kunst.» Joseph Beuys

Unsere Gesellschaft hat einen außergewöhnlichen Denker hervorgebracht. Er hat viel erreicht. Er hat große Worte ausgesprochen, die die Welt verändern können. Man sollte doch annehmen, dass nun gerade Deutschland stolz sein würde auf diesen besonderen Landsmann und dass seine Ideen in seiner Heimat auf fruchtbaren Boden fallen würden. Dass sie für immer in das Bewusstsein der Bevölkerung eindringen und unser Leben reicher machen würden. Wie kann ich mir dann aber erklären, was ich neulich bei einer Ausstellungseröffnung in Berlin erlebte?

Vorgeschichte: Malte Kebbel verschickt eine Einladung über Facebook. Eine Weihnachtsausstellung. Er erzählt mir, dass eine Verkaufsshow in einem Hotel stattfinden wird und dass er hofft, darüber ein paar Bilder zu verkaufen, damit er genug Budget für die Einrichtung von seinem neuen Atelier haben wird.
Ich kenne Hotelgalerien. Sie sind sinnvoll. Menschen kommen nach Berlin, wollen sich inspirieren lassen. Die Hotelgalerie schmückt einerseits das Haus, ist andererseits Absatzkanal für Objekte, die dekorativen Charakter haben. Dennoch sind sie meist niveauvoller, als das Gros des Wandschmucks, den der durchschnittliche Hotelgast zu Hause hat. Ornament und Dekoration haben eine wichtige Funktion für unser Leben. Die Freundin eines Künstlers, dessen Werke ich vor über zehn Jahren ausgestellt habe, leitete eine Hotelgalerie, die mit Spiegeln, Kristall, Glitzer und gerahmten kleinformatigen Malereien bestückt war. Sie hat gut verkauft. Insofern freute ich mich für Malte und war gespannt auf die Ausstellung.

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Als ich am Eröffnungsabend an der genannten Adresse nahe Ku’damm ankam, passierte ich zwei Fünfsternehotels. Ich vermutete, dass das Concorde die richtige Location wäre. Doch ich sah nirgends eine Galerie, auch keinerlei Hinweis darauf. Der Concierge des Hotels wusste nichts. Ich lief die Augsburger Straße ein paar Meter in Richtung Südosten. Bald kam ich zu einem hell erleuchteten Raum, in dem einige Menschen mit ihren Winterjacken bekleidet standen, das musste die Ausstellung sein. Es handelte sich jedoch mitnichten um eine Hotelgalerie. Vielmehr war es einmal mehr ein leerer Raum mit kahlem Fußboden und unverkleideter Decke, eine klassische Zwischennutzung. Der Ort, Kudammnähe Westen, schien für einen experimentellen Kunstraum ungewöhnlich.

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Malte war schon da. Seine Bilder hingen prominent in der Mitte der langen Wand gegenüber vom Eingang. Er schien fröhliche Gespräche zu führen. Doch das Ambiente war schräg. Ich befand mich in einem rechteckigen Verkaufsraum. Sehr hohe Fenster, viel Licht von gelben Glühbirnen. An den Wänden hingen sehr eng nebeneinander Bilder. Eins neben dem anderen. Das war keine Petersburger Hängung, das erschien mir so ähnlich wie eine Serie von Werbeplakaten an einem Bauzaun. Ein Bild war gesehener als das andere. Das war weder gute Kunst noch gutes Ornament. Das war … eine Sammlung von … jeder Vergleich wäre unpassend, denn wenn ich Bastelkurs schreiben würde, dann würde ich dem Bastelkurs Unrecht tun. Wenn ich „Therapiegruppe“ erwähnen würde, dann würde ich falsche Vorstellungen erzeugen. Es gibt keinen Vergleich. Außer vielleicht den des 1-Euro Shops. Nein, das passt auch nicht. Ich sah eine Sammlung von größtenteils völlig uninteressanten Farberzeugnissen auf Fläche, die in manchen Fällen einen gewissen dekorativen Wert hatten, nicht jedoch in allen. Es schien wesentlich mehr um das Zusammentreffen von Leuten zu gehen, die Kunstobjekte herstellen und zur Eröffnung der Ausstellung ihre Freunde eingeladen hatten, nicht jedoch um das, was an den Wänden hing. Wie Malte da wohl hineingeraten sein mochte?

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Sie kennen das, diese Aufgüsse von Ideen dessen, was einmal gute Kunst war, nachdem manche KünstlerInnen immer und immer wieder die Ideen toter Vorbilder nachmalen, die die Sehgewohnheiten unserer Gesellschaft nachhaltig geprägt haben. Cezanne, Kandinsky, Boccioni, Bacon und Richter neu durchgespielt. In tausend Variationen. Bis auf ganz wenige Ausnahmen waren alle Werke so. Maltes originäre Zeichnungen versanken in diesem Umfeld. Er hatte Glück, kleinformatige Fotos rechts von ihm waren Studien von Landschaften, die Ahnungen von jahrtausendealten Geschichten transportierten, sie waren schön. Links davon hingen monochrome Strukturen, die auch nicht notwendigerweise schädlich wirkten. Aber alles klebte so eng aufeinander, die Kunst hatte gar keine Luft. Ich verstand die Idee hinter dieser Ausstellung nicht. Das sollte doch eine Verkaufsshow sein? Es gab eine umfangreiche Preisliste, jedes Werk war betitelt und ausgepreist. Wer sollte diese Objekte erwerben? Waren das potenzielle KäuferInnen? Bei der Eröffnungsrede fiel kein einziger KünstlerInnenname. Auch der Anlass der Ausstellung wurde nicht klar. Die Leute hatten Spaß. War das der Anlass?

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Ich ging von Bild zu Bild, sah mir alles an, es ging recht schnell. Bei der einzigen skulpturalen Arbeit, die in der Mitte des Raumes installiert war, blieb ich länger stehen. Sie war spannend. Eine mehrreihige Halskette aus bordeauxroter Kordel mit Stacheln aus Gold. Stacheldraht als Schmuck. Titel der Arbeit: „Erbstück“. Darunter lagen Pflastersteine mit Federn, genannt „Engelchen“. Interessante Konzepte, schöne Umsetzung. Ich mochte diese intensiven Assoziationen und suchte nach der Künstlerin.

Minu Hemmati / Erbstück

Gerade verheddere ich mich völlig. Ich will auf einen bestimmten Umstand in Bezug auf Konzeptkunst hinaus und schreibe darum herum. Anstatt zum Kern der Sache vorzudringen, schildere ich die Oberfläche. Muss meine Strategie für diesen Text ändern. Ich versuche es über die Menschen, die ich dort traf.

Rafael

Rafael

Seit einigen Jahren hat Rafael nur noch wenig Haare. Er erzählt mir von einer Freundin aus Afrika, die gerne Perücken kauft in einem Laden ganz in der Nähe der Galerie. Auch er hat eine probiert. Damit fühlt er sich völlig anders. „Als ich noch Haare hatte, waren sie für mich normal, sie fielen mir gar nicht auf. Doch jetzt sind sie für mich ein Schönheitsideal.“ Während andere Menschen zuerst auf das Lächeln oder auf die Augen eines neuen Kontakts sehen, vermutet er, schaut er nun zuallererst auf die Frisur. Diese Beobachtung fand ich sehr interessant. „Are you an artist?“ „No. No, I don´t think so. I studied painting, but I´m not an artist“. Was machst du? Ich bin Krankenpfleger. Und … glaubst du nicht, dass Krankenpflege auch eine Art von Kunst sein kann? „No! No. It´s about helping people. And it´s about money. It has got nothing to do with art.“ Als ich nachhake, geht Rafael ein wenig in sich, erinnert sich an einen Boxer, den er gepflegt hat. Über ihn würde er gerne eine Geschichte erzählen, darüber hat er schon nachgedacht. Ja, vielleicht könnte das Kunst sein.
Beuysfaktor: 2 von 10.

Minu

Minu

Als Künstlerin hat Minu das oben erwähnte „Erbstück“ in der Ausstellung gemacht. Sie war die einzige Ausstellerin, die ich neu kennen lernen wollte, weil ich die Kunstwerke tiefsinnig fand. Lange Zeit bezeichnete sie sich nicht als Künstlerin, sondern als Psychologin. Dieses Studium schien ihr aussichtsreicher als ein Kunststudium. Heute ist sie Unternehmensberaterin, politische Mediatorin und setzt sich für Geschlechtergerechtigkeit ein. Das ist für sie jedoch keine Kunst. Kunst sind für sie die Objekte, die sie aus Farbe und Leinwand, oder auch anderen Materialien herstellt. Dafür hat sie eine Seite auf Saatchi Online angelegt, über die sie auch für diese Ausstellung entdeckt wurde. Kennen Sie Saatchi Online? Fragen Sie mich bei Gelegenheit gerne, was ich davon halte … Abgesehen davon, dass einige Werke von Minu auf dieser Seite herausragend sind, finde ich traurig, dass sie keine Verbindung sieht zwischen ihrer öffentlichen Arbeit, durch die sie echte Veränderungen in der Gesellschaft herbeiführen kann. Ihren halbprivaten Werke, die nun in dieser eigenartigen Verkaufsausstellung präsentiert werden und vom Publikum vor Ort weitestgehend unverstanden bleiben („Federn auf Steine kleben, das kann ich selber“, so eine Besucherin), können das nicht. Minu hat auch eine Seite auf Blogspot. Sie ist etwas aussagekräftiger und individueller als die Saatchi-Präsentation.
Minus Mutter sei sehr traurig gewesen, als sie hörte, dass die Stacheldrahtkette „Erbstück“ heißt. Ich war sehr froh, als Minu mir das erzählte. So stellte sie die Verbindung zwischen ihrer wertvollen Arbeit und ihren wertvollen Werken her, die nicht mit Preisschild in so einem Raum dargeboten werden sollten. Den Draht hat sie selbst gebogen und geschnitten, aus Gold, da floss Blut. Ihr Blut. Nehmt das Preisschild weg!
Beuysfaktor: inoffiziell 8, offiziell 5 von 10.

Udo

Udo

Ist er der Eigentümer, Verwalter oder Mieter des Raumes, in dem die Ausstellung stattfindet? Seine Rolle ist mir nicht ganz klar. Er ist der Lebenspartner oder Ehemann der Frau, die die Galerie führt. Er hat sie anscheinend gebeten, diese Veranstaltung ins Leben zu rufen, was sie eigentlich nicht wollte, weil sie Künstlerin ist und keine Galeristin, aber sie hat sich überreden lassen. Warum? Zu welchem Zweck? Ist der einzige Sinn dieser Ausstellung, dass man Leute an diesen Ort bringt, um ihn bekannt zu machen? Gentrifizierung am Kudamm!? Soll der Raum vermietet werden? Hofft Udo auf Einnahmen durch Belebung? „Das ist keine Verkaufsausstellung!“ erklärt er mir beinahe grimmig. Aber was ist es denn dann? Preisliste, gerahmte Bilder auf Wand, was soll das sonst sein, wenn keine Verkaufsausstellung?
Udo hätte gern selbst Werke für die Show gemacht, deren Zweck mir immer noch nicht klar ist, aber seine Frau hat es ihm verboten. Das sei nicht ernsthaft genug, er sei kein Künstler. Udo vergleicht die Situation mit Fußball. Nur deshalb, weil man einmal ein Tor geschossen hat, ist man noch lange kein Profi. Er hat eingesehen, dass er besser keine formalästhetischen Artefakte herstellen sollte, um seine Frau nicht zu verärgern, auch wenn er glaubt, dass es für ihn nicht schwierig wäre. Er würde anscheinend so die ernsthaften Bemühungen derer herabwürdigen, die professionelle KünstlerInnen sind. Ich versuche, ihn in seinem Vorhaben zu bestätigen und erzähle ihm, dass Kunst in jedem Menschen wohnt. Doch das sieht er anders.
Udo, wenn du mit diesem Raum Geschichte schreiben willst, dann mach keine halbgaren Shows, sondern lade KünstlerInnen ein, hier eine Minifactory aufzuziehen. „Nein, nein, ich will gar nicht Geschichte schreiben“. Was willst du dann? Menschen als Dekoration? Die Ausstellung als Lockstoff für interessante Leute?
Trotz hohem Intelligenzquotienten und intuitivem Verständnis für Bullshitbingo in der Kunstlandschaft erreicht Udo einen sehr niedrigen Beuysfaktor: 1 von 10.

Susa

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Galeristin wider Willen, hat Susa hat doch eine Menge Spaß an der Sache, jedenfalls scheint es so. Sie hat die Auswahl an Werken getroffen, ist Künstlerin. Was macht sie eigentlich? Sie gibt mir ihre Visitenkarte. Ich google ihren Namen und finde eine Portfolioseite auf Saatchi Online. Das, was sie malt, zeichnete ich, als ich neun war. Naja, vielleicht zehn. Sie mag Pferde. Ja, auch ich liebte Pferde als Kind. Pferde, Heroinen und mangaartige Geisterwesen tauchen in ihren bunten Bildern auf. Sie sind technisch viel besser, als die Filz- und Buntstiftzeichnungen meiner Kindheit, thematisch sind sie ähnlich. Was ist verkehrt an Kinderzeichnungen? Gar nichts. Kämen sie von einer Vierzehnjährigen, würde ich sagen: Toll! Großes Talent. Aber … Susa ist nicht vierzehn. Ihre Werke hinterfragen das Stadium eines jungen Menschen auch nicht, das sind Ihre Themen. Nun kann ich noch weniger verstehen, weshalb sie zu Malte gesagt hat, die Einladungskarte, die er gestaltet hat, sei Kitsch. Die Einladungskarte ist das intelligenteste Stück der ganzen Ausstellung. Sie ist in rot gehalten, mit einem vertikalen Lichtspalt. Der nicht sehr tiefsinnige Titel der Ausstellung, „it´s a GIFT“, ist interessant gesetzt, GIFT ist dabei so designt, dass die Buchstaben aussehen wie Skulpturen, die von Bändern umschlungen werden, sie erinnern mich ein bisschen an das Kaiserwappen von Karl V, Sie wissen schon, Plus Ultra, Gold, Dollarzeichen und so weiter. Dass Susa sie als „Kitsch“ bezeichnet, noch dazu vor meinen Augen und Ohren, wo ich mich doch als Bekannte von Malte und Fotobloggerin vorgestellt habe, erscheint so umso schräger. Beuysfaktor: 0 von 10.

Gerd

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Als Besucher der Ausstellung redet Gerd ohne Punkt und Komma. Innerhalb weniger Minuten erfahre ich sein ganzes Leben. Mutter, Schwester, Onkel, Tante. Ausbruch aus dem Dorf, seine Liebe zu Berlin. Yoga, Kunst, Trennung von der katholischen Verlobten. Intrigen, zerstörte Luftschlösser, Zukunftspläne. Er hat große Ideen für selbstbestimmte Generationen. Ob er mir seine Geschichte deshalb erzählt, weil gerade meine Kamera läuft und ich sie so aufzeichnen kann, oder ob er gar nicht merkt, dass ich nur so deshalb still dasitze und zuhöre, weil ich gerade ein Video mache, bleibt unklar. Ist er ein durchgeknallter Träumer oder kann er wirklich etwas erreichen? Fest steht: Er will die Gesellschaft verändern, indem er schon Kindern Mitwirkungsmöglichkeit einräumen möchte. Er lebt für diese Idee. Er sprüht und glüht und brennt. Hin und wieder malt er auch, nur so zum Spaß. Beuysfaktor: 6 von 10.

Zwei Mädchen

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Die Tochter der AusstellungsveranstalterInnen und ihre Freundin haben Spaß daran, die Getränke für die Vernissagegäste zu managen. Pro Glas, ob Saft, Wasser oder Sekt, verlangen sie 1,- Euro. Sie machen das mit so viel Ernsthaftigkeit und Interesse, dass es Spaß macht, ihnen zuzusehen. Die Große dirigiert, die Kleine schmückt. Die Große räumt auf, die Kleine spült ab. Die Große schenkt ein, die Kleine ordnet den Tisch. Aus Gläsern mit weissem und rotem Wein gefüllt erzeugt sie ornamentale Patterns auf dem weißen Tischtuch. Sie sind ein perfektes Team. Als sie lachend durch die Galerie toben, empfinde ich zum ersten Mal an diesem Abend so etwas wie … Kunstgefühl. Es liegt Spannung in der Luft. Meine Finger kribbeln, ich will diesen Moment festhalten. Er ist kurz, aber schön. Ob die Mädchen wohl jemals von Joseph Beuys gehört haben?
Beuysfaktor: 7 von 10.

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