Schlachtfeld Plakatwerbewand!

Wer meistert die Battle?

Geschätzte Lesezeit: 7 Minuten

Willkommen, liebes Sommerloch! Für die Aktion „Kunst braucht Fläche“ wurden fünfundzwanzig KünstlerInnen und Kollektive eingeladen, sich neben Werbung für zwei Wochen auf Plakatwerbewänden und Litfaßsäulen zu behaupten. Dabei gibt es für die Kreativen eine Reihe von Hürden zu nehmen und Schwierigkeiten zu meistern. Niemals würde man all die Stolperstricke erahnen, an denen eine erfolgreiche Präsentation scheitern kann, solange man mit der Materie nicht vertraut ist. Ein paar Tage nach der Eröffnung dieser Tour de Force für Kunst im heißesten Moment des Jahres 2013 mache ich mich auf die Suche nach StrategInnen, die dieses Battlefield rocken.

Meine erste Station für meine Erkundungen ist die Oranienstraße 40. Vor dem Alten Kaufhaus am Oranienplatz, das bereits seit vielen Jahren leer steht und das auch schon für die Berlin Biennale als Spielstätte diente, treffe ich – so ein Zufall! Stephan. Stephan ist Angestellter der Agentur AV-Tour, die dieses kleine Kunstfestival veranstaltet. Wir haben uns bei der Eröffnung von „Kunst braucht Fläche“ kennengelernt, unermüdlich und schweißüberströmt hat er heldenhaft in brütender Sonne Zeichnungen der Verewigungsagentur Dominik Frassman aufgekleistert. Jetzt steht er mit dem Firmenlieferwagen vor einem der Standorte, ausgerechnet als ich, mit Kamera bewaffnet, dort ankomme. Stephan erzählt mir von den Schwierigkeiten eines Plakatierers.

Untergründe für Plakate sind oft sehr stark strukturiert. Altes Papier, Holz, Beschädigungen, natürliche Reliefs der Wand … das alles drückt sich durch das dünne Plakatdruckpapier.

Trockene Luft und Sonneneinstrahlung lassen nasse Plakate schrumpeln. Falten und Blasen könnte man gegebenenfalls verhindern, indem man den Untergrund vornässt, doch das würde so lange dauern, dass die Preise für das Ankleben teurer werden müssten. Und da man Kulturwerbung zu reduzierten Preisen anbietet, ist das im Budget nicht mit drin.

Die Jalousien des alten Kaufhauses sind nicht abgedeckt. Dass die darauf aufgeklebten Kunstwerke aussehen, als wären sie Stillfotos von PAL-Videos mit starker Zeilenauflösung, daran ist anscheinend die Eigentümerin der Immobilie schuld, die sich seit Jahren nicht entscheiden kann, was mit dem Gebäude passieren soll. Man hätte schon längst Spanplatten vor den Fenstern angebracht, hätte sie ihr OK dazu gegeben.

Plakatieren von so manchen provokanten Themen ist in muslimischen Bezirken aussichtslos. Die aktuelle Kampagne der Schaubühne beispielsweise, die Homosexualität thematisiert, die braucht man hier gar nicht erst anbringen, die wird sofort wieder abgerissen. Wie bitte? In der Oranienstraße? Aber das ist doch Künstler- und Hipsterland? Nein, keine Chance. Es kann passieren, dass bereits während des Klebens Muslime das Anbringen verhindern wollen. Da die Plakatierer pro angebrachtem Plakat bezahlt werden, was sie mit Fotos beweisen müssen, kann es sogar passieren, dass die Angestellten der Werbefirmen die Moralwächter regelrecht anbetteln müssen, damit sie das Plakat kurz aufkleben dürfen, um ein Foto davon zu machen – und dann die Sintflut.

Harte Sitten! Harte Verhältnisse. Danke, lieber Stephan, für diese Insiderinfos. Ich sehe mich um. Womit haben die Künstler, die sich in diesem Umfeld am Oranienplatz präsentieren wollen, sonst noch zu rechnen? Die Umgebung ist extrem bunt und multikulturell. Das heißdiskutierte Flüchtlingslager ist gleich nebenan. Überall ist optische Ablenkung. Im Park sitzen Obdachlose, Imbisstouristen und schwarze Schwärme von Muslimacliquen. Die Plakatwände, an denen die Kunst hängt, sind stellenweise auch mit gekachelter Werbung bedeckt. Wie soll man sich hier durchsetzen und die Blicke der Passanten auf sich lenken?

Gibt es Künstler, die sich mit ihren Werken unter so unglaublich schwierigen Bedingungen adäquat präsentieren können? Ich radle von einer Location zur nächsten, sehe einsame Litfaßsäulen mit liebevoll-dezenten dokumentarischen Ansätzen, verschrumpelte politische Botschaften, auf deren intelligente Inhalte niemand achtet und beinahe unsichtbare Poesie neben einem Biergarten. Wenn hier ein Passant nicht ausgestattet ist mit einem der vielen Festivalflyer und bewusst nach den Kunstwerken sucht, hat er keine Chance, diese künstlerischen Sahnehäubchen zu identifizieren. Doch eines, ein einziges Werk schafft diese Hürde mit Bravour.

And the Adbattle Oscar goes to… TOBIAS EULER!

Tobias Euler ist der einzige Künstler dieser Aktion, der keine eigene Website hat. Sein Werk heißt völlig unscheinbar „Foto-Collage“. Hat der Mann denn überhaupt nichts auf dem Kasten? Was ist mit Deinem Selbstmarketing, lieber Tobias? Offensichtlich ist Werbung Herrn Euler völlig schnurzepiepegal. Er will tiefsinnige Bilder gestalten, alles andere lässt ihn kalt. Mit dieser Attitüte schafft er eine Situation, die sich so stark unterscheidet von ihrem Umfeld, dass 80 % aller Passanten nicht anders können, als einen Blick auf sein Werk zu werfen.

Doch halt, nicht so schnell. Wo sind wir hier? Wir befinden uns östlich vom Alexanderplatz, unweit der S-Bahn Station Jannowitzbrücke, am Stralauer Platz. Breite Durchzugsstraßen, sozialer Ost-Hochbau. Verkehrsfluten, eine nach 1000jährigem Urin stinkende Unterführung, ein „Casino“ und eine Menge Adbusting. Werbung brüllt aus allen Richtungen.

Wie geht Tobias Euler mit dieser Situation um? Er beamt uns weg! Er entführt uns in eine wundersame, fremde Welt. Ein durch Reiseberichte, TV-News oder eigene Erfahrungen vertraut erscheinendes, dennoch geheimnisvolles urbanes Umfeld voller interessanter dokumentarischer Ansätze und politisch konnotierter Botschaften erwartet die Passanten.

Sein Plakat zeigt eine fantasievolle Collage aus Tausenden von Fotoschnipseln, die vermutlich aus Istanbul stammen und, das nehme ich zumindest an, die aktuelle Situation der Türkei thematisieren sollen. Tobias Euler hat keine Website, ich finde auch online keine E-Mail-Adresse, deshalb kann ich nicht spontan nach seiner Motivation fragen – ich muss also raten. Und wahrscheinlich ist genau das seine Motivation. Unzählige Momentaufnahmen, alltäglich, provozierend, fragend, man steht vor diesem Mikrokosmos und ist wie in einem Film.

Durch die optische Andersartigkeit der Oberfläche, die eben gerade nicht mit schrillen Slogans Marken in die Köpfe hämmern will, kommt kaum jemand an dieser Transitstelle vorbei, ohne inne zu halten. Touristen, Einheimische, Väter, Radfahrerinnen, fast niemand bleibt hier unbeeindruckt.

Ob das wohl intendiert war? Die kleinteilige Technik und farbig brillant angeordnete Stückelung dieser vielen Einzelbilder hat den Nebeneffekt, dass Müll am Fuß des Plakats, unsauber geklebte Kanten und buckelige Strukturen der Plakatwerbewand völlig selbstverständlich Teil des Bildes werden – ebenso wie Passanten und vorbeifahrende Vehikel. Ist die Frau mit dem Kinderwagen IM Bild oder VOR dem Bild? Ist der Tourist, der sich hier vor dem Werk fotografieren lässt, nicht eigentlich mittendrin?

Ob der Versuch, das Plakat abzureißen, Wut oder Begehren geschuldet war, bleibt offen. Ich bin gespannt, wie sich das Werk bis zum Ende der Aktion noch entwickelt. Provoziert es so sehr, dass es abgerissen wird? Bekommt es so viel Zustimmung, dass es sich viral im Netz verbreitet? Wird es zum Touristenmagnet? Werden die Einwohner der Hochhäuser darauf aufmerksam werden? Oder wird es unverändert bleiben und nach Ablauf der Aktion auf Nimmerwiedersehen verschwinden? Tolle Arbeit, Tobias Euler, visuelle Brillanz trifft auf Aktualität und Tiefgang. Der Adbattle Oscar für das beste Kunstplakat auf Werbewand geht an Dich!

Eine Honorary Mention habe ich noch: Auch wenn Ira Golenkowa den Kampf um Aufmerksamkeit im Litfaßsäulendickicht gegen gleich vier Werbe-Konkurrenten an derselben Kreuzung Ecke Danziger Staße / Prenzlauer Allee verliert – mit ihrer intelligenten Fotogegenüberstellung Moskau / Berlin auf der ihr zugedachten, leicht zurückgesetzten Säule vor einem kleinen Park gewinnt sie die Herzen derer, die sich auf ihre atmosphärischen Vergleiche einlassen.

Die kleine Tour durch Berlins Werbelandschaft, um Kunst zu finden, hat Spaß gemacht, Katja Sergeeva und Alexander Veitengruber! Vielen Dank für Eure Mühe. Durch diese Aktion wird deutlich, wie abgestumpft wir alle schon sind, wenn es um öffentliche Plakate und Werbung geht. Unsere Filter sind schon so verstopft, dass wirklich nur mehr sehr ungewöhnliche Inhalte unser Bewusstsein erreichen. Ich sehe den Umstand, dass bei Euch die Kunst Werbung für Werbung ist, zwar problematisch. Auch, dass Kunstwerke zum Lückenbüßer werden und das auch unverkennbar sichtbar ist, ist nicht gerade vorteilhaft. Aber wenn Ihr ein ECHTES Kunstfestival daraus machen würdet, mit bereinigten Flächen, genug Zeit für gute Anbringung, Flexibilität für künstlerische Interpretationen, die von Papier und Leim abweichen dürfen, und Eure fette Eigenwerbung etwas zurücknehmt, dann könnte das wirklich eine tolle Sache sein.

2 Gedanken auf "Schlachtfeld Plakatwerbewand!"

  1. zahlender Kunde Antworten

    der blonde Typ Stefan von AV tours hat mich heute auf der Straße angeschrieen, beleidigt, tätlich angegriffen, festgehalten, mehrfach geschubst, angerempelt und mich fotografiert.
    Ich habe mir ein Plakat abgemacht was er angeklebt hat. Alter, ob ich das nun sofort abmache oder warte bis er weg ist, was ist da der Unterschied?
    Die Plakate gehören ihm außderdem nicht, es ist nicht verboten die abzumachen, es ist sehr wohl illegal die auf Flächen zu kleben die ihm nicht gehören. Und es ist sehr wohl verboten Frauen grundlos tätlich anzugreifen. Ich habe außerdem bereits ein Ticket für die show für die das Plakat ist. Ich bin zahlender Kunde, der Kunde für den das Plakat ist, und die werden nächste Woche eh überklebt. Der hat sie doch nicht alle.
    Eventim, ticketmaster wurden bereits angeschrieben, hoffentlich kriegt der Irre keinen Auftrag mehr in dieser Stadt.
    Jetzt geh ich zurück, mir das Plakat trotzdem holen, während der irgendwoanders weiter Frauen tätlich angreift.

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