Schwarze Kunst versus Webdesign

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In den vergangenen Tagen habe ich viele Websites begutachtet, die 2012 oder sogar 2013 neu gestaltet wurden. Ich bin überrascht: Warum folgt man heute noch gerne den Webdesign-Grundlagen der Neunziger Jahre, die aus technischer Not heraus geboren wurden?

1914Der Buchdruck hat sich über Jahrhunderte entwickelt. Schriften wurden erdacht, händisch hergestellt, Erfahrungswerte wurden aufgebaut. Ideale Situationen wurden erzeugt, die besten Typografen wurden eingestellt, um elegante, saubere und schnell lesbare Schriftsätze für Verlage und Zeitungen zu gestalten. Was gute Typografie ist, wird heute an Hochschulen gelehrt und von Generation zu Generation weitergegeben. Plötzlich kam das Internet und dort war alles anders.

Druckmaschinen haben sich im 20. Jahrhundert rasant weiterentwickelt. Die Druckqualität von Massenerzeugnissen wurde durch immer feinere Linienraster immer schärfer. Im Gegensatz dazu hatte man in den frühen Tagen des Internet als Webdesigner die Schwierigkeit, dass man mit sehr niedrigen Bildschirmauflösungen, also quasi sehr groben „Druckrastern“ arbeiten musste. Man hatte nur wenige Quadrate für die Gestaltung einer Website zur Verfügung. Wenn man sich vorstellt, dass viele Monitorbilder damals aus gerade einmal 320×240 Pixeln bestanden (was im heutigen Offsetdruck in etwa die Größe von einem Daumennagel wäre), dann kann man verstehen, weshalb Serifenschriften im Web zu diesem Zeitpunkt ein no-go waren. Serifen (diese kleinen „Schwänzchen“ bei Buchstaben, die für frühe Druckschriften aufgrund ihrer Ähnlichkeit zu mit der Feder geschriebenen Handschriften gestaltet wurden) helfen dem Leser, sich optisch von Letter zu Letter zu bewegen. Der Schriftfluss ist besser, fast alle Zeitungen und auch die meisten Buchdesigner verwenden für Fließtexte Serifenschriften.  Kleine Details brachen bei frühen Monitoren jedoch gnadenlos weg. Die Auflösungen waren zu grob.

Heute ist die technische Situation völlig anders. Ein durchschnittlicher Monitor ist vier- bis fünfmal so hoch aufgelöst, die alten Geräte von damals sind längst wiederverwertet oder im Museum. Dennoch hält sich hartnäckig die Ansicht, man müsse Serifenschriften im Web umgehen. Viele Zeitungen haben eine neue Ära im Web ausgerufen und verwenden seit Jahren keine serifenlosen Schriften mehr für ihre Artikel. Die ZEIT, The New York Times und sogar die bunten Yahoo News nutzen die gleiche Serifenschrift, wie die, die man auch auf den Seiten von Granaton finden kann. Die sogenannten Groteskschriften, die erst im 20. Jahrhundert als Designschriften entstanden und keine Serifen haben, werden als Schmuck eingesetzt – für Logos und Überschriften. So, wie es seit den Fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts für gute Drucktypografie eingeführt ist.

Warum machen es Webdesigner heutzutage immer noch so gerne umgekehrt? Warum nach wie vor serifenlose Schriften für Fließtext und Serifenschriften für Headlines? Und warum immer und immer wieder Arial für Texte, Menüs und auch Überschriften? Je größer die Arial gesetzt wird, desto unschöner wird sie. Als kleiner Fließtext für Monitore mag sie gerade noch angehen, aber Arial ist das Gegenteil einer eleganten Schmuckschrift. Kann denn das Gros der Webdesigner nicht kritisch denken? Neue Technik – neue (alte) Methoden?

Ich verstehe auch nicht, weshalb man immer noch – bei vollkommen neuen Websites – den Usus vorfindet, 80% des Bildschirms ungenutzt zu lassen. Eine Zeitung reizt jeden Millimeter ihrer wertvollen Papieroberfläche aus. Hier wird (teurer) Rohstoff eingesetzt, man hat ein Objekt in den Händen. Je mehr Seiten es hat, desto kostenintensiver wird es in der Herstellung und somit im Endpreis, desto unhandlicher und schwerer wird es und desto mehr Platz braucht es. Verschwendung ist nicht erwünscht. Im Webdesign hingegen wird so viel Platz übrig gelassen auf dem Bildschirm, auch heute noch, es ist schier unfassbar. Dabei geht es meistens nicht um Flächen, die der Proportionierung dienen, der Hervorhebung von besonders prominenten Texten oder der Umschmeichelung von Bildern wie bei Passepartouts von Kunstwerken. Vielmehr ist die „Nummer Sicher“ Zone von 960 Pixeln Breite, die auf den meisten älteren Bildschirmen von Laptops und Standrechnern gut gesehen werden kann, ein Kompromiss, der eingegangen wurde, um allen Webusern die Nutzung einer Seite möglich zu machen. Heute ist diese Sicherheitszone nicht mehr nötig (flexible Designs sind längst möglich!). Der kleine Bereich in der Mitte des Bildschirms wird jedoch auch 2013 noch gern beibehalten für neues Design. Textfelder stehen nach wie vor schmal in der Mitte des Bildschirms,  nicht selten jedoch als Fenster selbst viel zu breit gesetzt (gute Lesbarkeit entsteht bei einer Zeilenlänge bis maximal (!) 70 Zeichen).

Auch auf der Granaton-Seite, die auf einem neuen Seitentemplate beruht, das erst vor kurzer Zeit entwickelt wurde, herrscht massive Platzverschwendung. Man muss in die Tiefe scrollen, will man einen Text sogar auf einem großen Monitor vollständig lesen. Das ist erzwungene Interaktion, die vom Lesen ablenkt. Das kann so nicht bleiben. Das muss anders werden.

Ich möchte mir in der kommenden Woche Zeitungen im Jahr 2013 anschauen. Wie sind sie gestaltet? Wie hoch sind Spalten, wie breit können sie sein, um optisch ideal angelegt zu sein? Welche Abstände brauchen sie? Wie lang dürfen Spalten noch sein, um den Leser nicht allzusehr anzustrengen, wenn er auf die nächste Spalte springt? Wie kann man Spalten auf Programmierebene auf Bildschirmhöhe optimieren? Wie kann man Bildschirme optimal und harmonisch im Platz ausnutzen?

Ich möchte aus diesen Erkenntnissen Designs ableiten, die zu wesentlich besserer Lesbarkeit von Texten auf Bildschirmen führen. Die sowohl ergonomisch sind als auch flexibel. Die genug Möglichkeit für Bilder und Anzeigen bieten einerseits, aber andererseits auch perfekt geeignet sind für das menschliche Auge. So etwas muss möglich sein. Schluss mit heute veralteten Traditionen, die aus der Not heraus geboren wurden! Schluss mit rein rationalem Listen-Design, das von Programmierern entwickelt wurde, die von ihrer täglichen Arbeit an langen Codes inspiriert wurden. Schluss mit Leerstand neben Textsäulen. Und Schluss mit der Verschwendung von Energie und Zeit der Leser. Die Traditionen der Schwarzen Kunst jetzt auch für das Internet, bitte!

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