Weil wir es wollten!

Die Social Media Week Berlin rockt eine Woche lang die Onlinewelt.

Geschätzte Lesezeit: 37 Minuten

Ulrik Bo Larsen | Falcon Social, Roland Fiege | Mediabrands Audience Platform, Armgard Eichhoff | Bazaarvoice, Thane Ryland | Nokia
Ulrik Bo Larsen | Falcon Social, Roland Fiege | Mediabrands Audience Platform,
Armgard Eichhoff | Bazaarvoice, Thane Ryland | Nokia – The Social ROI

Einmal im Jahr findet die Social Media Week Berlin statt. Sie ist Teil einer internationalen, Städte übergreifende Konferenz, bei der sich alles um soziale Netzwerke, Startups, online Marketing/PR/Management, future Education, Kommunikation, künstlerische Praxis im Web und guten Content dreht. Sie ist sie bei akademischem Niveau frei zugänglich und schafft so neue Standards der offenen Wissensvermittlung im Businessbereich – bei einem 40%igen Anteil an Präsentatorinnen, die ihr Expertenwissen vortragen. Wie habt Ihr das geschafft, liebe OrganisatorInnen der Social Media Week? Warum erzeugt Ihr ein gerechtes Umfeld auf höchstem Niveau, von dem alle Beteiligten profitieren, während andere Onlinekonferenz-Veranstalter seit Jahren Frauen von ihren Panels künstlich fernhalten? Die Antwort des Pressesprechers Rico Valtin ist einleuchtend einfach: WEIL WIR ES WOLLTEN!
Ich habe mir die ganze Woche für die Social Media Week Berlin frei gehalten und dokumentiere meine persönlichen Eindrücke ebenso wie meine eindrucksvollsten Lerninhalte aus einem individuellen Blickwinkel.

1. Tag der Social Media Week Berlin

Medienpädagogin Kristin Narr vom Institut für Kommunikation in sozialen Medien (IKOSOM) stellt zusammen mit ihrem Kollegen Björn Schreiber tiefschürfende Fragen in Bezug auf die Bildungssysteme der Zukunft: Wie wird man den Schultag im Jahr 2030 gestalten? Welche Schlagzeilen wird man sich in der Zukunft in Bezug auf Bildung vorstellen? Welche Entwicklung wird Ausbildung im Kontext des lebenslangen Lernens nehmen? Sie repräsentieren den Co:llaboratory e.V., der die Wechselwirkungen zwischen Internet und Gesellschaft betrachtet.

Social Media Week Berlin 2013
Kristin Narr mit Workshopteilnehmerin, IKOSOM

In diesem ersten Workshop der Konferenz habe ich meine Montagmorgenmüdigkeit noch nicht überwunden. Und obwohl ich mich zusammenreiße, schweifen meine Gedanken anfänglich verträumt in ferne Gedankengebilde. Mein Sitznachbar Gerd Wenning, der sich als Gründer einer Montessori Schule vorstellt, stupst mich freundlich an und erinnert mich daran, mich am Workshop zu beteiligen. Plötzlich macht es Spaß. Eine klassische Frontalpräsentation wäre an mir vorbeigezogen, doch durch die Interaktion mit den Kollegen werde ich ins Hier und Jetzt gebeamt. Wie habe ich nur die Schulzeit überstanden, als wir still in Bänken saßen, fürs Tuscheln bestraft wurden und nur die Lehrkräfte aktiv sein durften?
Von unseren intensivsten Lernerfahrungen sollen wir erzählen. Ich stelle fest, dass niemand „Schulunterricht“ anführt. Theaterspielen, Internetinteraktion, Reisen und das erste selbst organisierte Festival blieben den TeilnehmerInnen in starker Erinnerung. Niemand nennt Studium oder Schule als ausschlaggebend. Irgendetwas rebelliert in mir. Kann das sein? Zwölf Jahre bis zum Schulabschluss, dann die Studienzeit bis zum akademischen Grad, dann das Diplom, war das alles umsonst? Nein, das war es nicht. Ich weiß dadurch, welche Wissensgebiete es überhaupt gibt und kann dementsprechend jedes Thema neu für mich selbst durchleuchten. Andernfalls könnte ich auch nur schwer weiterlernen. Aber mir wird einmal mehr deutlich, wie viele Minuten, Stunden und Tage vergeudet an mir vorübergezogen sind, weil Lehrer, denen ich zuhören musste, an der Tafel Listen und Zahlen performt haben, ohne dass deren Inhalte in irgendeiner Weise in meinem Kopf hängen geblieben wären. Hoffentlich sind diese Zeiten für Kinder heutzutage ein für alle Mal vorbei.

Kristin Narr macht ihre Sache als Workshopleiterin ausgezeichnet und motiviert uns energisch. Sie zeigt uns den Kurzfilm „Sight„, der humorvoll eine Zukunft im Internet of Things ausmalt. Wir werden in Teams aufgeteilt, um Zukunftsszenarien zu entwerfen. Unsere Gruppe entwickelt eine fiktive Schlagzeile für 2030: „Google erhöht Preise für Bildungsabos – tanken Sie heute noch Wissen, morgen wird es teurer!“ Was kostet Google? Erst neulich habe ich von einem Marketingmanager gehört „Google ist gratis“. Das ist es nicht! Wir bezahlen dafür, nur fällt es uns nicht auf. Sind wir wie der berühmte Frosch im Suppentopf?
Ein interessanter Aspekt über „gesamtgesellschaftlichen Bildungskonsens“ wird mir bewusst. Je einiger wir BesucherInnen der Social Media Week Berlin uns darüber sind, was gute Bildung ist, desto inhumaner wird die Ausbildungslandschaft. Vielleicht sollten wir weniger Konsens hinsichtlich anrechenbarer Abschlüsse haben, aber dafür mehr dahin gehend, dass ein zu hoher Anspruch an Allgemeingültigkeit Individualität und Talent killt.
Eine Menge Inspirationen in Bezug auf Bildungssysteme nehme ich aus diesem dreistündigen Gruppentraining mit. Und bin gut eingestimmt auf eine Woche mit intensiver Kommunikation und viel Input. Einen schönen Zusatztipp gibt mir Gerd Wenning – ich soll mir bei Gelegenheit das Projektmanagement Netzwerk Podio anzusehen. Er schwört darauf.

Ich bleibe beim Thema „Lernen“ und sehe mir eine Präsentation von Dr. Anna Wertlen über das soziales Lernnetzwerk Awarenet an, das in Südafrika entstand. Eine Open Source Plattform, die optimiert ist für Peer to Peer Netze, bestens geeignet bei unzureichenden Internetverbindungen. Sie kann auf jedem Computer installiert werden. Es ist eine reine Schüler/Lehrer Plattform, „Adults“ haben keinen Zugang. Ein sicheres Lernumfeld ohne Werbung, kostenfrei. Awarenet wird von einem gemeinnützigen Verein organisiert, der die Plattform in Kooperation mit einem Softwareunternehmen herstellt. Ein interessanter Ansatz, der auch für ein europäisches soziales Netzwerk als Vorbild dienen kann. Weshalb müssen soziale Plattformen immer kommerzieller Natur sein? Das ist keine Selbstverständlichkeit. Im Gegenteil – ein SOZIALES Netzwerk sollte der Gemeinschaft gehören, die sie nutzt. Vielleicht kommt dieser Denkansatz ja auch bald in Deutschland an.

Social Media Week Berlin 2013
Dr. Anne Wertlen, Awarenet

Die Gründerin der Berlin Geekettes, Jess Erickson, hält ein Panel über PR-Taktiken für Start-ups. Sie hat ein paar wertvolle Ratschläge, die auch ich als jahrelange PR-Insiderin noch nicht gekannt habe. Speziell für Blogger gibt sie guten Input und erzählt über Erfolgskampagnen, die sie selbst lanciert hat. Mit Kreativität und Witz erzeugt sie Neugier im Publikum.
Ihre wichtigste Message: Kümmere dich als Unternehmen SELBST um deine Presse-Kommunikation. PR Agenturen sind schön und gut, aber nichtsdestotrotz ist es notwendig, mindestens eine Person im Unternehmen zu haben, die genau weiß, welche Botschaften es gibt, die interessant sein könnten für Journalisten. Und man sollte, wenn man sich aktiv um Artikel und Aufmerksamkeit in den Medien bemüht, unbedingt ein vollständiges Presskit auf seiner Website veröffentlichen. Eine schöne Übersicht über ihre Inhalte hat Kalie Moore in einem Beitrag für die Social Media Week Berlin zusammengefasst.

Social Media Week Berlin 2013
Jess Erickson, Berlin Geekettes

Google hat anlässlich der Social Media Week Berlin in seine Deutschlandzentrale eingeladen. Wir treffen uns in bester Lage Unter den Linden 14 zum Empfang bei Bier, Wein, Saft und Brezeln mit anschließendem Googlequiz von Jöran Muuß-Merholz. Fünf Bingoteams basteln Munition aus Zeitungspapier, um sich gegenseitig sprichwörtlich abzuschießen. Es ist überraschend schwer, sich Worte auszudenken, für die es exakt einen einzigen Googletreffer gibt. Beinahe ein Ding der Unmöglichkeit. Wenn man nicht schon vorab ein Fantasiewort kreiert hat und schummelt, dann kann man nur auf den Zufall hoffen. Ich bin mit Webboxer Andreas Kaufmann in einer Gruppe. Klar, dass ich da kleine Vorteile habe, dachte ich eigentlich. Aber de facto kann uns auch ein Googlerocker nicht weiterhelfen, Bingo ist Bingo.  Ob unser Team gewinnt, und mit einem Android Goodiepack nach Hause geht, oder verliert und dafür die Papiergranaten aufsammeln muss, das erfahre ich nicht mehr, nach drei Quizrunden bin ich erledigt. Irgendwann gibt es keine Überraschungsmomente mehr, das Prinzip ist klar, es geht nur noch um win or fail. Deshalb gehe ich nach Hause. Ich will ja schließlich noch bloggen. Immerhin bin ich ein Blaubeerkind. Ein WAS? Ein Blaubeerkind. So nennt mich die nette Empfangsdame von Google, die den Begriff „Bloggerin“ nicht richtig verstanden hat, als sie mich fragt, was ich denn so mache. „Was sind Sie? Blaubeerkind?“ JA! Das bin ich.

Social Media Week Berlin 2013
Googlebingo mit Papiergranaten | Social Media Week Berlin

2. Tag der Social Media Week Berlin

Weil es der lustigste Moment des Tages war, erzähle ich zuerst von Karsten Wusthoff und seiner Präsentation der Seite Fanpage Karma. Man kann mit dem Fanpage Karma Tool social media Kampagnen analysieren. Top oder Flop auf Facebook? Karsten Wusthoff zeigt zehn Beispiele. Jägermeister bekommt am meisten Likes, wenn die Flasche als Kultobjekt interessant inszeniert wird. Ein deutscher Politiker wird überschwänglich für sein frisches Baby geliebt. Und ein wahrer Wust an Likes, Shares und Kommentaren überschwemmt die beinahe nackte Praktikantin beim Autowaschen. Moment. Wie war das? Ein KFZ-Unternehmen, das seine Praktikantin … Gleich mal aufbegehren. Schimpf. Der Vortragende nimmt es auf die leichte Schulter. „Wie würdest DU dich fühlen, wenn du für dein Unternehmen im String-Tanga präsentieren müsstest?“ frage ich mich still und leise, und lustigerweise gibt mir Karsten indirekt auch gleich Antwort darauf. Eine Frau möchte ihn fotografieren und im Web abbilden und er antwortet: „Ja, klar, aber nur, wenn du mich nicht als Stripper darstellst“. Da hat jemand meine Gedanken gelesen.

„Darf ich dich beim Strippen fotografieren? Damit mein Beitrag häufig geliked, kommentiert und geshared wird, lieber Karsten?“ frage ich ihn, nachdem sein Vortrag vorbei ist. Er verneint. Das sei nicht die Unternehmensphilosophie. Aha! Nackte Frauen zeigen, aber selber einen Rückzieher machen. Karsten Wusthoff zeigt sich humorvoll. Er zieht sich zwar nicht aus, aber er zeigt mir seine Tattoos. Sehr schön. Das ist doch ein guter Anfang für mehr Gleichberechtigung im Netz. Er schlägt vor, die Aufnahme mit einem Flokati und Champagner zu hinterlegen. Ich habe eine bessere Idee. Ich schreie auf gegen die Unterdrückung des Männerdekolletés. Bitte mehr Ausschnitt, liebe Männer! Ihr könnt das auch! Macht den zweiten Hemdknopf auf. Und den dritten. Transparentpuder mit Glitterpartikeln lässt die Haut schimmern. Strengt Euch an!

Karsten Wusthoff, Fanpage Karma
Karsten Wusthoff, Fanpage Karma

Wolfgang Drost von Qt Marketing zeigt die Unterschiede zwischen US Politikern im Netz und deutschen social media Kampagnen während des Wahlkampfs. Es wird deutlich, dass die politische Likelandschaft in Deutschland völlig anders zu kartografieren ist als in englischsprachigen Ländern. Likes, Shares und Kommentare fußen auf verschiedenen Signalreizen. Das Wahlgeheimnis, das hierzulande groß geschrieben wird, hat zur Folge, dass man Wähler anders ansprechen muss. Und deutsche Frauen halten sich wesentlich mehr zurück bei politischen Kampagnen im sozialen Netz. Während in den USA die Interaktion mit politischen social media Posts zu gleichen Teilen auf männliche wie weibliche WählerInnen zugeordnet werden kann, so sind in Deutschland nur um die 30 % dabei. Das ist ja interessant. Woran liegt das? Niemand weiß Antwort. Es gibt ein paar Vermutungen in diese Richtung, beispielsweise dass Frauen weniger smartphoneaffin sein könnten, aber wir kommen in der kleinen Runde und der kurzen Zeit zu keiner schlüssigen Theorie.
Mithilfe der israelischen Software Tracx wertet Wolfgang Drost öffentliche Posts der großen sozialen Netze und ihre Reaktionen aus. Mir wird ganz Angst und Bange. Was man alles machen kann damit! In welcher Welt leben wir eigentlich.
Ich schlage vor, die Erfolge einer Facebook-Freundin von mir zu messen, die für die Piraten gewahlkämpft hat und bin völlig vom Hocker. Reaktionen auf ihre Posts, Tweets, Shares, alles kann man auslesen. Sie hat sich toll geschlagen. Kann man meiner Freundin einen Report zukommen lassen? Damit sie sieht, wie gut sie das gemacht hat? „Ja, gerne!“ Wolfgang Drost tut es mit Freuden. Obwohl so ein Report regulär im vierstelligen Eurobereich zu vergüten wäre. Das ist ja nett. Die Teilnahme an den Veranstaltungen der Social Media Week Berlin ist zwar gratis. Aber was man alles an Wissen, Kontakten und Dienstleistungen mitnehmen kann, ist bares Geld wert.
Das Geschäftskonzept von Qt Marketing besteht nicht notwendigerweise aus punktuellen Einzelreports, vielmehr bietet Wolfgang längerfristige Analysen von sozialen Strategien mithilfe von Tracx an. Man kann jeden Namen und jeden Begriff abfragen und dessen Entwicklung in sozialen Medien über einen definierten Zeitraum beobachten. Würde ich beispielsweise morgen damit beginnen, öffentliche Posts mit dem Stichwort „PumuckelStehtAufDemKopfUndSiehtDieWeltVerkehrt“ auf Facebook zu sharen und zu twittern, dann könnte man alle Likes, Kommentare, Shares und Tweets zu diesem Begriff damit finden und daraus Statistiken in alle Himmelsrichtungen erzeugen. Sogar Emotionen können ausgelesen werden. War das Feedback eher negativ oder eher positiv? Es gibt dazu einen rot-grün Balken mit Prozentwerten. Woher weiß die Software das? Es sind doch nur Worte? Tracx erkennt bestimmte Schlüsselsignale. Kommentare mit „kein“, „nicht“ oder „unter“ werden dem negativen Feedback zugeordnet. Irre. Einfach irre.

Social Media Week Berlin 2013
Wolfgang Drost, QT-Marketing

Was für ein Themenwechsel! Während Wolfgang Drost mit Charts, Sheets und Zahlen argumentiert hat, präsentiert Monica Zaldivar das genaue Gegenteil: Sie zeigt uns den Stickerkult, der in Asien die Smartphonekultur erobert hat. Was es da alles an buntem, drolligem, verrücktem Unsinn gibt für Mobile Apps … Es geht um Emotionen, Witz und Fröhlichkeit. Wer bitte bezahlt für „sinnloses“ Bling-Bling Geld? Über die Umsatzzahlen, die man mit dem Verkauf von Stickern erwirtschaften kann, bin ich schwer beeindruckt. Omas schicken Sticker an ihre Enkel, die Enkel schicken sie an ihre Freunde, die Freunde schicken Sticker an ihre Omas. Das Smartphone wird immer lustiger. Wird die digitale Welt etwa emotional? Nach all den Jahrzehnten düsterer Zahlenlogik, Listen und maximaler Effizienz? Vielleicht, ja. Vielleicht erobern die Menschen ihre Welt gerade zurück! Monica Zaldivar repräsentiert das berliner Unternehmen Zoobe, das vom Künstler und Filmemacher Lenard F. Krawinkel geleitet wird. Seine animierten Wesen, die er bisher nur für Filme kreiert hat, sollen ein Eigenleben bekommen. Über die Mobile App Zoobie kann man … Monica Zaldivar macht eine Liveschau. Schauen Sie sich das an! Was für ein unnützer Schmarrn. ^^ Leider geil. Das ist so lustig, dass ich am liebsten … soll ich? Zoobie für mein Smartphone? Hehe. Ich weiß schon, wer von mir einen tanzenden Bunny bekommt. Im Bikini.
Monica ist nicht nur eine überzeugende Repräsentantin für Stickerapps, sie ist auch eine gute Moderatorin, die spannende Fragen an CEOs stellen kann. Diesen wird das letzte Panel der Social Media Week Berlin 2013 gewidmet sein.

Monica Zaldivar, Zoobe
Monica Zaldivar, Zoobe

Bevor ich mir das abendliche Networkingtreffen der Digital Media Women Berlin anschaue, bei dem ich einen lustigen Belgier aus Australien kennenlernen werde und von den Organisatorinnen viel Hintergrundwissen über den Verein erfahren werde, nehme ich en passant noch schnell die Präsentation von Kai Platschke mit. Er „sagt, wie es ist“. Gut. Bitte. Wie ist es?
Sein Unternehmen heißt hahajotjot*, die lange Kurzform für happyhappyjoyjoy. Kritisch betrachtet er das Dauerglück, das Werbung suggerieren möchte. Iss meine Cornflakes, sei glücklich. Benutze meine Zahnpasta, strahle glücklich. Fahre mit meinem Auto, schrei vor Glück. Seine eigene Message als Antidot und „erwachsene“ Variante von Werbung ist kurz, aber gut: „Unternehmen, hört auf, Emotionen zu faken und eure Zielgruppe zu fragen, was sie für euch tun kann, sondern fangt an, euch darüber Gedanken zu machen, was ihr für sie tun könnt.“ Sinngemäß so zum Beispiel: Der Babywindelhersteller sollte keine Fotowettbewerbe für die süßesten Babyfotos in Windeln mehr ausschreiben, sondern besser darüber nachdenken, was werdende Eltern wirklich brauchen und Wickelkurse für zukünftige Windelwechsler veranstalten. Ich leite seine Ideen für mich selbst in Bezug auf Granaton so um: Derzeit mache ich alles richtig. Anstatt meine Leser täglich aufs Neue mit absurden Preisausschreiben oder Provokationen dazu zu bringen, meine Artikel halb zu Tode zu kommentieren, so wie andere Seiten das versuchen, und meine Zahlen in Richtung „Konversionsoptimierung“ künstlich in die Höhe zu treiben, blogge ich lieber weiter und produziere nützliche Informationen. Ebensolche hat auch Kai Platschke über seine Keynote auf seiner Website veröffentlicht.

Das Foto von Kai, also, er hat sich ja wirklich bemüht für mich. Er hat über überexaltierte Happyness gesprochen und Werbung, die so offensichtlich unsinnig ist, dass sie für immer online für die Nachwelt verewigt wird, weshalb sie von guten Marken besser vermieden werden sollte. Das Publikum der Social Media Week Berlin hat sich gebogen vor Lachen. Aber ein Lächeln für die Kamera, das ist nicht sein Thema. Er wirkt im persönlichen Gespräch sehr ernst, fast schon düster. Wir brauchen ein paar Anläufe, bis er fröhlich wird. Nach drei, vier Versuchen strahlt er aber dann selbst auch ein bisschen happyhappyjoyjoy Feeling aus. Fast. Das Foto wird perfekt unperfekt. Künstliche Happyness ist Nonsense, wirkt unecht und verkrampft, hat keinen Werbeeffekt – und das sieht man auch auf dem Bild. Mein Versuch, ein Happyfoto von Kai zu machen, obwohl er gar nicht happy sein möchte in dem Moment, trifft voll daneben. Danke für die Message! Angekommen.

Kai Platschke, hahajotjot*
Kai Platschke, hahajotjot*

3. Tag der Social Media Week Berlin

Ich treffe Anna Wertlen, deren Präsentation von ihrem sozialen Lernnetzwerk Awarenet mich am 1. Tag schon so beeindruckt hat. Sie erzählt mir mehr über die Entstehungsgeschichte und ihre Erfahrungen. Diese Idee ist im wahrsten Sinne des Wortes aus der Armut geboren. In Südafrika gibt es zahlreiche Schulen, die weder Internetzugang haben, noch das Geld um für alle Kinder virtuelle Umfelder zu erschaffen. Eine Peer to Peer Community, die alle vorhandenen digitalen Ressourcen miteinander vernetzt, kann Abhilfe schaffen. Auch der One Laptop per Child Ansatz kann hier greifen. Stolz erzählt mir Anna, wie sie ursprünglich auf Skepsis stieß, sich jedoch im Laufe der Jahre deutliche Lernerfolge bei den Kindern durch die vernetzte Projektarbeit zeigten.
Ihre Idee, die sie gemeinsam mit ihrem Mann entworfen und mit einem Entwickler realisiert hat, ist greifbar und einfach einerseits, weil sie auf langen Traditionen (Verein) und eingeführten Technologien (Peer to Peer) aufbaut. Andererseits ist sie umso revolutionärer – ein SICHERES Netz ohne Werbung, auf das die NSA oder andere Datensammler keinen Zugriff haben, speziell konfiguriert für gemeinsames Lernen.  Es wird aktuell gerade in einem ersten Testlauf an einer Brennpunktschule in Neukölln getestet. Wenn es sich bewährt, kann das ein neuer Standard werden. Weltweit. Egal ob in Industrienationen oder sogenannten Entwicklungsländern. Und warum soll man sich bei dieser Idee auf Schulen beschränken? Wäre das nicht eine ideale Lösung als regionale Alternative zu Facebook und Co?

Ein Screenshot der Projektseite von Awarenet kann einen ersten Eindruck vermitteln, wie man das virtuelle Umfeld handhabt. Es wird ständig weiterentwickelt. Was gut ist, das setzt sich durch, davon bin ich völlig überzeugt. Und das Projekt IST gut.

Dr. Anna Wertlen, Awarenet
Dr. Anna Wertlen, Awarenet

Kennen Sie Silvia Stieneker? Wenn nicht, dann sollten Sie sie kennen lernen. Sie ist smart, fit in neuen Technologien, engagiert UND SIE KANN NEIN SAGEN! Was soll das denn für eine Besonderheit sein, werden Sie sich vielleicht fragen. Jeder kann doch schließlich Nein sagen, oder? Für viele Menschen, insbesondere Frauen, ist das aber oft gar nicht so leicht. Man möchte freundlich sein, man möchte beliebt sein, ein Nein ist für das Gegenüber oft unangenehm. Nicht selten zieht man so auch den Zorn oder die Ablehnung einer Person auf sich, von der man keine solchen negativen Schwingungen haben möchte. Deshalb gibt es viele Situationen, in denen man Ja sagt, obwohl man eigentlich Nein meint. Nicht so bei Silvia Stieneker. Ein Wikipedia Workshop ist bei der Social Media Week Berlin angekündigt. Silvia ist für die Wikimedia Foundation und das Frauencomputerzentrum Berlin tätig und kennt sich wunderbar damit aus. Da über Umfragen und Monitoring festgestellt wurde, dass nur ca. 9 % aller Wikipedia AutorInnen weiblich sind, bietet sie diesen Workshop speziell für Frauen an. Um über typische Probleme zu sprechen, die man im rauen Diskussionsklima von Wikipedia bekommen kann. Die Notwendigkeit von Pseudonymisierung wegen Diskriminierung (Löschanträge beispielsweise werden bei weiblichen Namen häufiger gestellt), über Dos and Donts in seiner Selbstdarstellung und ähnliche Themen. Wie wichtig es ist, dass der Workshop nur für Frauen veranstaltet wird, und dass Silvia Nein sagen kann, sieht man sehr gut an einem Zwischenfall, der sich ereignet während ich mich vorstelle. Sie lädt uns ein, ihr zu erzählen, welche Erfahrungen wir schon mit Wikipedia gemacht haben. Ich berichte von den Seiten, die ich angelegt habe, doch in dem Moment platzt ein junger Mann in unsere Runde. Trompetet, dass er bei uns mitmachen möchte obwohl der Workshop ausdrücklich für Frauen gekennzeichnet war. Davon fühlen sich manche Männer so provoziert, dass sie dann erst recht unbedingt dabei sein wollen. Ich werde unterbrochen, der Mann schiebt sich mit Lautstärke und Arroganz in den Vordergrund, ich denke mir nur noch „Oh NEE! Geh weg!“ und habe schon Sorge, dass Silvia jetzt nett sein und Ja sagen wird, sie sieht nämlich sehr nett aus. Doch, weit gefehlt, als sie „Nein! Nur für Frauen!“ deutlich macht, fällt mir ein Stein vom Herzen. Der Mann will das jetzt ausdiskutieren. Da platzt mir der Kragen. „Excuse-me, you just interrupted me! You are disturbing us! This is the reason why this workshop is for women only. Bye!“ Und weg ist er. Wir haben alle Zeit der Welt für uns und lernen uns auch ein bisschen dabei kennen. Ich werde eingeladen, zu einem gemeinsamen Abend ins Frauencomputerzentrum zu kommen. „Eine wie Dich können wir gut brauchen“ sagt mir Silvia augenzwinkernd. Aber gern!

Silvia Stieneker und Christina Burger, Wikimedia Foundation
Silvia Stieneker und Christina Burger, Wikimedia Foundation

Wie kann man sich in mittelständischen und großen Unternehmen die Integration der MitarbeiterInnen vorstellen, wenn es um soziale Medien geht? Ronja Gustavsson von Falcon Social teilt die Teilnehmer an ihrem Workshop bei der Social Media Week Berlin in drei Gruppen ein und lässt uns brainstormen. Welche Departments sollen welche Kompetenzen haben, wie sollen Mitarbeiter dazu motiviert werden, Informationen des Unternehmens zu teilen und welche Regeln soll es dafür geben? Ich merke, dass auch ich als Bloggerin / Onlineplanerin ohne einen einzigen festangestellten Mitarbeiter eine Menge dazu sagen kann. Aber irgendwie kommt in unserer kleinen Gruppenrunde keine rechte Dynamik auf. Das passiert manchmal. Es ist schon richtig, man lernt besser, wenn man seine eigenen grauen Zellen anstrengen muss. Aber irgendwie hätte ich mir in diesem Kontext eher gewünscht, Erfahrungswerte von Ronja Gustavsson selbst zu hören, ihre Geschichten über Erfolge oder Misserfolge, ein bisschen mehr von ihrer Person und ihren Erkenntnissen bei ihrer Expertise. Denn dafür war ich eigentlich da. Zu viel Integration des Publikums ist vielleicht manchmal auch verkehrt. Ich bin sicher, dass die Workshopleiterin sehr viel zu sagen gehabt hätte, doch ihre häufigste Wortkombination war „Thank you!“ Aber vielleicht habe ich ihr Referat darüber auch verpasst, ich war nämlich eine halbe Stunde zu spät im Workshop, es gibt so viel zu sehen hier … Hoffentlich bietet sich einmal die Gelegenheit zu einem ausführlichen Chat mit ihr.

Ronja Gustavsson, Falcon Social
Ronja Gustavsson, Falcon Social

Wussten Sie, dass Siemens ein Problem hat? Es heißt „White, Male, German.“ Tim Oliver Pröhm von FlexBase referiert über internationales Recruiting von MitarbeiterInnen über soziale Medien und beschreibt das Diversitätsmuster in Ländern wie Großbritannien oder China. Er zeigt verschiedene Networks und ihre Verbreitung, gibt uns auch einen kleinen Einblick in die chinesische Variante von Facebook (kaum Cat Content dort! Warum denn nicht?) und erzählt über nationale Mentalitäten bei der Suche nach einem guten Team. Anscheinend setzt man in Deutschland in Unternehmen zu sehr auf Muttersprachler. Selbst, wenn man als Recruiter deutlich macht, dass ein(e) potenzielle KandidatIn die beste Qualifikation für den Job hat, hört man in Deutschland öfters ein „lieber nicht“, wenn Deutsch als Fremdsprache gelernt wurde oder erst gelernt werden muss. Kommunikation als Fortschrittsbremse? Leider hat Oliver keine Statistiken darüber, ob Unternehmen mit größerer Offenheit mehr oder weniger Erfolg haben – aber selbst wenn er sie hätte, müsste man erst einmal genau definieren, was man überhaupt unter diesem Begriff versteht. Denn wie man an den Fluktuationszahlen von beispielsweise chinesischen Anstellungsverhältnissen sieht, ist es für manche Firmen schon ein Erfolg, wenn sie ihre Leute halten können. Anscheinend wechselt man in China den Arbeitsplatz für einen einzigen Euro mehr im Monat. Das gibt schon zu denken.

Tim Oliver Pröhm, FlexBase
Tim Oliver Pröhm, FlexBase

4. Tag der Social Media Week Berlin

 

Wer sind eigentlich die MacherInnen hinter den Kulissen der Social Media Week Berlin? Auf meinem Weg zum ersten Panel spricht mich eine junge Frau an. Dass sie zum Orga-Team der Konferenz gehört, sieht man an ihrer Festival ID, die sie um den Hals trägt. „Ich habe dich schon öfters gesehen bei uns, nicht? Was machst du?“ Sie interessiert sich für mich. Bin ich heute irgendwie anders gestylt als sonst? Nein. Eigentlich nicht. Das ist ja aufmerksam … Ich erzähle ihr von meinem Vorhaben den Begriff „Onlineplanung“ als Berufsbezeichnung einzuführen, zu definieren und umzusetzen. Sie ist hellauf begeistert und ermuntert mich, mich bei der nächsten Konferenz als Panelistin zu bewerben. Ach SO macht ihr das! Nicht nur, dass ihr in Unternehmen bewusst Frauen für Vorträge castet, ihr fischt euch schon spannende Gesichter aus dem Publikum heraus. Großartig. Prinzip „Nachhaltigkeit“ umgesetzt, liebes SMW13 Team! Und wer bist du?

Ich lerne Corina Nawroth kennen. Sie hat zehn Jahre lang in London gelebt, studiert und gearbeitet und ist jetzt nach Berlin zurückgekommen. Ihr Schwerpunkt ist Nachhaltigkeit durch Kommunikation und ethische Businessweise. Für die Social Media Week ist sie als Marketing-Koordinatorin tätig. Es gibt Top-Leute in diesem Team, das fällt mir immer wieder auf. Im Gegensatz zu so manch anderen Konferenzen, bei denen ich oft das Gefühl vermittelt bekomme, unsichtbar zu sein und permanent brüllen zu müssen, wenn ich mich überhaupt bemerkbar machen will, werde ich hier ANGESCHAUT. Und zwar nicht deshalb, weil ich quietsche, schreie, brülle, remple, tobe oder einen Megaauschnitt trage, als Alternative zur Unsichtbarkeit, sondern einfach nur weil ich anwesend bin. Wunderbar. *freu*
Hier zu speaken ist übrigens genauso kostenfrei wie zuzuhören. Das ist keine Werbeveranstaltung, wo nur die Unternehmen präsentieren dürfen, die was-weiss-ich-wie-viele-Tausend-Euro dafür bezahlen. Nein, ganz im Gegenteil, es geht um hochqualitative Inhalte und dementsprechend sind auch Jury/Advisory Board bestückt, wo auch Stephen Kovats aktiv ist, der mich schon zur Transmediale zu einem eigenen Panel eingeladen hat. Die gesamte Social Media Week wird ausschließlich durch Sponsoren finanziert. „Ausbildung soll frei zugänglich sein“ findet Corina Nawroth. Ich auch. Nice meeting you, Corina!

Corina Nawroth, Social Media Week Berlin
Corina Nawroth, Social Media Week Berlin

Jess Erickson hat einen Beitrag von Linsey Fryatt auf Facebook geliked. Das Bild, in Österreich sagen wir „herzig“ dazu. hat eine eindeutige Aussage. Linsey Fryatt joined die Dark Side, sprich: Wechselt vom Journalismus zur PR. Der alte Widerstreit zwischen den Großmächten. Die PR Experten wissen genau, dass Journalisten auf ihre gut aufbereiteten Informationen angewiesen sind, während Journalisten wiederum genau wissen, dass PR ohne sie ins Leere laufen würde. Man braucht sich gegenseitig, kennt sich, liebt und hasst sich, analysiert sich. Dennoch glauben immer noch viele, Journalisten seien die unabhängigen Guten im Auftrag der Wahrheit und PR Agenten die manipulativen Bösen im Auftrag der Macht. Ist das wirklich so?
Ich sehe mir den Workshop von Linsey bei der Social Media Week Berlin an, der Raum ist brechend voll. Mehr Stühle, bitte! Linsey Fryatt stellt einige grundlegende PR Prinzipien vor. Die Essenz ist im Grunde recht einfach: Bau dir Reputation für ein Fachgebiet auf, sei freundlich und kompetent gleichzeitig, nerve so viel wie nötig, aber gehe den Leuten nicht auf die Nerven … so eine Art umfassendes PR Allroundkit. Linsey kommt ursprünglich aus Glasgow, lebt nun in Berlin, ist Managing Director der internationalen PR-Agentur Clarity und spezialisiert sich auf Technologie in der digitalen Welt und Start-ups. Zum Thema „Speaken in der Öffentlichkeit“ erzählt sie, wie ängstlich sie früher war, wenn sie vor Publikum sprechen musste. Herzrasen, Zittern, das volle Programm. Doch durch konsequentes Auftreten und Übung ist sie nun so souverän, dass sie keinerlei Schwierigkeiten mehr damit hat, im Gegenteil. Als ich sie nach ihrem Workshop um ein Foto bitte ruft sie ihr Start-Dia noch einmal auf, für das Hintergrundbild. Und, siehe da, sie hat Cat-Content auf ihrer Festplatte. Ganz viele Fotos von ihrer eigenen Katze.
Obwohl Linsey Fryatt Hardcoreprofi für ihr Gebiet ist, bleibt sie mir nicht nur wegen ihrer guten Ratschläge im Gedächtnis. Vielmehr hat sie mich deshalb so beeindruckt, weil sie sich durch und durch menschlich zeigt. Sie scheut sich nicht davor, ihre Schwächen zu zeigen und macht daraus eine Stärke. Die Sympathie des ganzen Raums schlug ihr entgegen – folgerichtig wird sie meine erste Facebookfreundin der Social Media Week Berlin.

Vom folgenden Workshop konnte ich hauptsächlich die Bestätigung mitnehmen, wie man keinesfalls einen Workshop halten sollte. Ein selbstüberzeugter Mann performt Listen, die Listen werden gebeamt, eine unterforderte Frau blendet auf Zuruf immer wieder neue Listen ein. Schnarch. Dabei wäre das Thema eigentlich sehr interessant gewesen, es geht um no-budget Startups. Wie man ohne Geld ein Business rockt. Das ist auch ein wichtiges Element meines Logbuchs einer Internetpräsenz, diese alternative Sichtweise hat mich sehr interessiert. Aber Katja Andes und ihr Kollege Kalle Eberhardt, naja, irgendwie klappt das nicht so mit der gemeinsamen Performance. Es gibt zwar auch einen Gruppenintegrationsteil mit lustigen Elementen aber gut gemeint ist einfach nicht gleichzeitig gut. Mir wird innerhalb kürzester Zeit furchtbar langweilig, und meinen Sitznachbarn geht es ähnlich, sodass wir uns lieber untereinander austauschen. Nette Leute. Ein paranoider Ideenproduzent, der Angst davor hat, Rocket Internet könnte ihm seine Geschäftsvisionen für Nischenshops klauen und ein neurotischer Weltverbesserer, der keine eigenen Ideen hat, wenn, dann nur noch für NGOs arbeiten möchte, und wenn, dann auch nur halbtags. Herrlich. Ich fühle mich wohl. Hätte gerne noch mehr gehört. Aber leider, hier geht´s zu wie im Schulunterricht in alten Zeiten, wir müssen still sein und zuhören. Einschlafen in der Öffentlichkeit? Lieber nicht. Ich flüchte mich in einen alternativen Workshop. Egal wohin, nur nicht noch mehr Listen. Vernetze mich aber noch schnell mit meinen Peers. Ich heiße Granat On, meldet euch! „Den Namen vergesse ich nicht.“ So muss es sein. (y) Einen Satz des Vortragenden habe ich mir aber dann doch notiert, er ist zwar nicht neu aber immer wieder gut. „As long as you learn, you don´t fail.“ Den Spruch sollte sich jede/r Selbstständige ausdrucken und über den Arbeitsplatz hängen. Wer sich für das Thema „No Budget Startup“ prinzipiell begeistert, sollte vielleicht Kalle Eberhardt um seine Listenslides bitten, inhaltlich waren sie zwar ein bisschen unrealistisch (schnellschnellschnellsofortgeldverdienenabereinbisschenpresto) aber ansonsten gar nicht so schlecht.

Katja Andes und Kalle Eberhardt, Idea Camp UG
Katja Andes und Kalle Eberhardt, Idea Camp UG

Eine Präsentation ein paar Räume weiter wirkt interessant, ein Mann im blauen Sweater zeigt Werbemöglichkeiten auf Google. Er spricht in perfektem, stark akzentuiertem akzentfreien Businessenglisch. So wie man es von vielen Youtube-Tutorials kennt. Dabei kommt er ursprünglich aus Stuttgart! Wo lernt man, so zu performen? Geht es in diesem Workshop nur um Google oder auch um andere Plattformen? „Wenn ich FacebookAds präsentieren würde, dann …“ ich weiß den genauen Wortlaut von Marc Preusche nicht mehr, ich glaube, es war irgendetwas mit Weltuntergang. ^^ Er arbeitet für Google als AdWords Consultant. Es werden die diversen Möglichkeiten vorgestellt, wie man Werbung in der Suchmaschine selbst und auf Youtube handhaben kann und was über Remarketing alles möglich ist. Die Slides dazu kann man von ihm bekommen, wenn man sich mit seiner E-Mail Adresse unter goo.gl/3mAAA4 einträgt, doch Achtung! Die Liste ist öffentlich. Und auf Google.

Marc Preusche, Google AdWords
Marc Preusche, Google AdWords

Haben Sie Nicole Simon schon einmal in einem Vortrag gehört? Nein? Das müssen Sie unbedingt. Sie kann die allertrockensten Inhalte mit ihrer humorigen Sprechweise so vermitteln, dass jeder hinhört. Sie erinnert dabei ein bisschen an einen guten Comedian, die Themen sind nur kein bisschen lustig. So bleiben sie im Gedächtnis. Ich habe sie schon bei der M3Campixx live erlebt, wo wir beide als Speakerinnen eingeladen waren, fand sie großartig und so geht es mir heute auch. Für die Social Media Week Berlin BesucherInnen erklärt sie die Notwendigkeiten eines Start-ups in Deutschland. Finanzamt, Künstlersozialkasse & Co werden diskutiert. Kaffeemaschinenpads im großen Stil in den Niederlanden einkaufen und so 50 % der Kosten sparen? Nix!
Gerne hätte ich mich nachher noch auf einen Kaffee mit ihr getroffen, aber sie ist nach der Präsentation so stark umringt von Publikum, das mehr von ihr wissen will, dass ich nach einer Weile alle Hoffnung auf gemeinsame Zeit aufgebe.

Nicole Simon, itsinBerlin
Nicole Simon, itsinBerlin

Im Panel von Nicole schnappe ich mir kurz den offiziellen Hof-Fotografen, der schon seit Tagen von Raum zu Raum schwirrt, um die Fotos für die Social Media Week zu machen, die dann über Facebook und Twitter flattern. Er hat ein gutes Auge, das ist mir schon ein paarmal aufgefallen. Wer, wie, wo, was machst du so? Tilman Vogler ist Eventfotograf. Gleichzeitig studiert er Politikwissenschaften. Er möchte gerne sein Interesse an Politik und seine Liebe zur Fotografie miteinander verbinden und … Ja, klar. Aber derzeit macht er noch jede Art von Event, auch Hochzeiten. Und Portraits kann  man bei ihm bestellen. Fein, fein, good to know, gute Fotografen braucht man immer!

Tilman Vogler, Social Media Week
Tilman Vogler, Social Media Week

Das Foyer der Zentrale von Immoscout, wo ein Teil der Panels auf einer Bühne stattfindet, ist voller Menschen. Es gibt Brötchen und Club Mate, weitere Präsentationen finden statt. Was geht da vor? Egal. Ich kann nicht mehr. Mein Kopf ist voll. Doch siehe da, wer steht denn da? Niels Przybilla, Gründer des Startups Smoice (Smart Invoicing). Niels und ich kennen uns schon Ewigkeiten. Er ist einer von den Menschen, die sogar noch am Strand networken. Er sucht immer nach Bedürfnissen seines Gegenübers. So entstand Smoice. Nachdem Niels viel mit kreativen Menschen zu tun hat, kennt er die Notwendigkeit einer guten Rechnungssoftware. Damit kann man als Einzelunternehmung, als FreiberuflerIn, Kleinstgewerbe oder auch als mittelständischer Betrieb unkompliziert und schnell Rechnungen erstellen und versenden. Ich habe Smoice schon getestet und für gut befunden. In manchen Fällen extrem nützlich. Mit Niels lasse ich den Abend ausklingen. Wir haben uns schon ganz schön lang nicht mehr gesehen, klar, gemeinsam in Berlin aber immer beschäftigt. Wer sich das Leben in dieser Stadt als ewige Party vorstellt, der wird überrascht sein, zu hören, wie viele Leute hier niemals in Clubs gehen, sondern ihren größten Spaß bei Networkingevents haben …

Niels Przybilla, Smoice
Niels Przybilla, Smoice

5. Tag der Social Media Week Berlin

Müsli, frischer Apfel und Filterkaffee. In der Design Akademie, wo das Hauptquartier der Social Media Week Berlin aufgeschlagen ist, kann man auch frühstücken. Ein ebenso hübscher wie freundlicher Mann verkauft Brötchen und Co. Vor zwei Tagen hat er mir ein Sandwich gestundet, weil ich – wie so oft – wieder mal kein Bargeld mehr dabei hatte (durch die jahrelange Gewöhnung an Kartenzahlung habe ich meistens nur um die zwanzig Euro bei mir, wenn ich morgens ausgehe).  Einfach ein Tomate Mozzarella Brötchen herüberzureichen, bei einer Konferenz wo permanent die Leute ein- und ausgehen, und darauf zu vertrauen, dass ich wirklich am nächsten Tag zahle, ich völlig fremde Person, das ist nett oder? So etwas vergesse ich auch nicht. Deshalb frühstücke ich heute in der Design Akademie Berlin, einem der Veranstaltungsorte der SMW13, wo eine provisorische Ecke für Verpflegung aufgebaut ist. Sebstian Mylaeus ist Restaurantmanager und Partner von Frau Schneider. Wer ist Frau Schneider? Ist das eine Marke oder eine Person? Ah, eine echte Frau. Sie hat ein Café in der Charité. Und macht sehr viele Veranstaltungen im Kulturbereich. Auch Catering. Interessant! Wie war die Social Media Week Berlin für Euch? Umsatz schlecht, Aufmerksamkeit gut. Ich werde vorbeischauen bei Frau Schneider. Bin schon gespannt.

Sebastian Mylaeus, Frau Schneider
Sebastian Mylaeus, Frau Schneider

Meine erste Session des Tages handelt von Produkt Customization. Es wird die Frage gestellt, inwieweit es sinnvoll ist, seinen KundInnen die Möglichkeit anzubieten, sich sein Produkt selbst zusammenstellen zu können. In der Automobilindustrie gibt es diesen Ansatz schon seit Jahrzehnten in kleinerem Umfang, doch Schritt für Schritt entdecken auch andere Produzenten die Vorteile davon. Mymüsli wird als mögliches Beispiel angeführt. Eine spannende Thematik, die in diesem Panel angerissen wird. Wer individualisiert was und für wen sollte man welche Produkte konfigurierbar gestalten? Es ist ein Einstieg in neue Vermarktungswege. Die Speaker Maria Redeker und Bastien Allibert sind für das berliner/new yorker Unternehmen Caseable tätig. Dort werden personalisierte Hüllen für Smartphones, Laptops und Pads hergestellt. Eine Reihe von KünstlerInnen haben Designs geschaffen, aus denen man frei auswählen kann. Und auch eigene Vorlagen sind möglich dafür. Das Granaton-Logo auf Laptop, Pad und Smartphone? Bei öffentlichen Auftritten eine gute Idee. So bleibt man im Gedächtnis.

Maria Redeker und Bastien Allibert, Caseable
Maria Redeker und Bastien Allibert, Caseable

Die Kamera, die ich für die Social Media Week Berlin verwende, stößt sichtbar an ihre Grenzen in diesem abgedunkelten Raum. Ich habe sie schon seit vielen Jahren. 90 Euro hat sie damals in einem kleinen Fotogeschäft in Österreich gekostet, für einen Urlaub habe ich sie gekauft. Bei eBay würde sie heute vielleicht noch 5 Euro bringen. Eine winzige Knipse, wiegt nicht mehr als ein kleiner Apfel. Sie ist von Fuji, hat immerhin 4.1 Megapixel und produziert wunderbare Farben, wenn das Licht ausreicht. Ihr großer Nachteil: Sie ist unheimlich langsam. Die Zeitverzögerung zwischen Schärfen und Abbilden beträgt ein bis zwei Sekunden. Mit dieser Kamera ordentliche Bilder zu schießen erfordert Zeit. Man braucht meistens mehrere Anläufe, bis man den optimalen Gesichtsausdruck des Gegenübers eingefangen hat. Das kann Spaß machen, wenn die Person, die abgebildet werden soll, nicht unter Zeitdruck ist. Man kann sich so auf der Suche nach einem guten Hintergrund besser kennenlernen und viel lachen, wenn wieder ein Schuss daneben gegangen ist. Und durch die Privatheit, die dieses kleine Ding suggeriert, sind die Leute auch nicht so steif und eingeschüchtert, wenn sie fotografiert werden. Bei dunklen oder dämmrigen Umfeldern wird alles unscharf, wegen der langen Belichtungszeit. In manchen Fällen kann das wunderschön sein. Ein beinahe malerischer Effekt, den man durch Software im Nachhinein nicht erzeugen kann. Doch hier passt es nicht so gut. Das Gegenlicht, das durch den Vorhang schimmert, ist schön – aber ich will beide Panelisten gleichzeitig auf das Bild bekommen, deshalb ist das Foto von Maria und Bastien nicht das beste, das ich in meinem Leben gemacht habe. Ich brauche für solche Situationen eine neue Kamera. Suche schon seit Monaten nach der idealen Reportageknipse, habe zahlreiche Tests gemacht und komme langsam an mein Ziel. Es ist eigentlich nur noch ein Modell im Rennen, von Nikon. Bald bekomme ich von der PR-Abteilung eine Reisekamera für eine Woche, dann werde ich mich entscheiden und über meine Erfahrungswerte über die ideale Kamera für Blogger berichten.

Um Geschichten geht es im nächsten Workshop. Genau mein Fall. „Strategische PR for Young Leaders“ lautet der Titel. Es gab bei dieser Social Media Week Berlin einen Schwerpunkt auf PR. Schon, um die diversen Ansätze dazu vergleichen zu können, besuche ich mittlerweile die dritte Präsentation dazu.

Christian Decker und Kollege, Ketchum Pleon
Christian Decker und Christof Biggeleben, Ketchum Pleon

Christian Decker von Ketchum Pleon (ein Gigant der PR-Branche) zeigt gemeinsam mit Christof Biggeleben einige wegweisende PR-Kampagnen, die alle auf emotionalen Geschichten aufbauen. Es geht in diesem Vortrag weniger darum, über Verbreitungsstrategien zu sprechen – vielmehr werden Inhalte in den Vordergrund gestellt, die ein Unternehmen mit einem bestimmten Image in Verbindung bringen. Schlicht und ergreifend durch gute Geschichten. Red Bull (Grenzüberschreitung), Siemens (Langlebigkeit), Apple (Durchbrüche und Innovation) – wer geht mit welchen Gefühlen viral? Seit meiner Studienzeit hat sich an den Storys und ihren Erzählweisen nicht viel verändert. Lediglich die Vertriebswege haben sich von TV und Kino auf das Netz verschoben, die dramaturgische Herangehensweise ist aber die gleiche wie in der Präcomputer-Ära. Meine Theorie, dass sich die digitalen Medien durch zunehmenden technischen Fortschritt immer mehr den analogen annähern, bestätigt sich auch hier. Es war schön, nach längerer Zeit wieder einmal gute, emotional interessant durchdachte Imagevideos anzusehen, die Cannes oder Youtube gerockt haben. Das tut so gut nach all dem Techno und den Cookies und den vielen Codes der letzten Monate.

Nach ein paar Tagen kennt man viele Gesichter der Social Media Week Berlin. Wer macht was? Julia Homilius ist Team Member. Sie hat Dialogmarketing und Kommunikationsmanagement studiert und berät Forschungseinrichtungen hinsichtlich ihrer social Media Strategien. Es ist unglaublich, wie viele hoch qualifizierte Leute hier tätig sind. Wäre ich gerade in der Gründungsphase eines Start-ups und auf der Suche nach guten Leuten, ich würde einfach das Team hier anstellen und die Mannschaft wäre komplett.

Julia Homilius, Team Member Social Media Week Berlin 2013
Julia Homilius, Team Member Social Media Week Berlin 2013

Dieser Umstand ist auch Immobilien Scout 24 aufgefallen. In der Unternehmenszentrale finden zahlreiche Panels statt, die Räume werden unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Warum? Was hat Immobilien Scout 24 davon, lieber Christoph aus dem HR Department, der Du da im Foyer stehst und Merchandisingartikel verteilst? (Euer Antistressball in Form eines Häuschens ist eine gute Idee, er ist so knuffig und logisch passend, da nehme ich mir gerne einen mit.) Man verfolgt bei Immobilien Scout ein ganzheitliches Konzept, erfahre ich. Dass man die Räume auch für externe Veranstaltungen nutzt, soll dazu beitragen, gute MitarbeiterInnen auf das Unternehmen aufmerksam zu machen. Bei einem Team von 600 Leuten sucht man immer wieder nach neuen Köpfen. Okay. Verstehe. Eine Win-Win Situation für alle Beteiligten.

NEIN, liebe Leserinnen und Leser, dieser Absatz ist keine bezahlte oder sonstwie an mich vergütete Werbung. Sondern Resultat meiner Neugier. Wie funktionieren Prozesse, wer macht was warum. Nicht zuletzt ist interessant für mich, welche Merchandisingartikel im Gedächtnis bleiben. Immobilienscout 24 hat auch Kugelschreiber und Traubenzucker. Uninteressant, davon sieht man genug. Das braucht kein Mensch. Aber das Häuschen ist unschlagbar, das ist jetzt meins. Knautsch!

Christoph aus dem HR Department von Immobilien Scout
Christoph aus dem HR Department von Immobilien Scout 24

Wer glaubt, dass ein social ROI ein volksnaher König ist, der liegt damit gar nicht so verkehrt. Nur dass ROI im Fall des nächsten Panels nicht französisch ist, sondern eine Abkürzung aus dem Englischen, sie steht für Return Of Investment. Also die Königsfrage des Marketing: Was kommt durch Investitionen an Gewinn für das Unternehmen zurück? Wie definieren große Marken ROI durch soziale Medien? Thane Ryland von Nokia, Armgard Eichhoff von Bazaarvoice und Roland Fiege von Mediabrands Audience Platform stehen auf Einladung von Ulrik Bo Larsen, CEO und Gründer von Falcon Social, Rede und Antwort. 2013 ist laut Thane Ryland nicht das Jahr großer Innovationen, es ist das Jahr der Verbesserung, der Rückschau und Analyse. Interaktion mit Konsumenten steht im Vordergrund. Wie man mit der Zweiwegkommunikation umgeht beispielsweise, die das Internet möglich macht, im Gegensatz zu Fernsehen und Radio. Roland Fiege macht deutlich, dass es für große Brands völlig irrelevant ist, ob sie ihr enormes Marketingbudget in alte oder neue Medien stecken – gute Zahlen sind wichtig. Es gibt jedoch auch Marken, die großen Wert auf Bewusstsein und Vertrauen legen. Trustparameter wollen gemessen und ausgewertet werden. Zahlen, Statistiken, Diagramme werden groß geschrieben. Wozu eigentlich all diese Zahlen? Weil sie gute Argumente sind, um mehr Geld für bestimmte Anliegen durchzusetzen. Ohne Zahlen keine Überzeugungskraft. Konsumenten hingegen interessieren solche Zahlen laut Armgard Eichhoff wenig. Ihnen geht es um gute Produkte und erinnerungswerte Erfahrungen.
Was mich daran ganz besonders interessiert, ist die Frage, in welchen Zeitfenstern man den ROI in Bezug auf soziale Medien berechnet. Und erstaunlicherweise sind diese Zeitstrecken bei guten Brands doch recht lang bemessen. Sechs Monate bis zu einem Jahr sind durchaus üblich.

lala
Roland Fiege, Mediabrands Audience Platform – Armgard Eichhoff, Bazaarvoice – Thane Ryland, Nokia

Nach dem Königsgipfel treffe ich mich mit Ronja Gustavsson, Head of Marketing and Communication bei Falcon Social zum Interview. Sie hat mich mit ihrer Herangehensweise in Bezug auf MitarbeiterInnen-Integration bei sozialen Strategien sehr neugierig gemacht, ich will gerne noch mehr wissen von ihren Erfahrungen. Die Inhalte, die sie mir vermittelt, sind ergänzend zu den Ergebnissen unseres Workshops bei der Social Media Week Berlin sehr wertvoll und hilfreich. Ich werde darüber einen eigenen Artikel in der Kolumne verfassen. Vielen <3 lichen Dank für das wunderbare Gespräch!

Ronja Gustavsson, Falcon Social
Ronja Gustavsson, Falcon Social

Monica Zaldivar hat vier Gründerinnen / Geschäftsführer von Unternehmen im social Media Bereich zum CEO Talk eingeladen. Sie stellt Fragen zum Alltag eines CEOs und dessen Umgang mit den Kunden seines Unternehmens: Wie sind eure Erfahrungen, welche Ratschläge habt ihr, signiert ihr eure E-Mails?

Siehe da, der nette Belgier aus Australien vom Networking Event der Digital Media Women neulich ist auch im Diskussionsteam, er heißt Bjorn Troch und betreibt ein soziales Reiseprojekt. Für eine Unterstützungskampagne seiner Idee „The Social Traveler“ hat er Videoaufzeichnungen von Fans aus aller Welt in einer Spot-Collage umgesetzt. Schön gemacht. Man merkt, dass ihn die Leute mögen. Ida Tin hatte eine tolle Idee für Frauen: Sie hat mit ihrer Clue App einen online Zykluskalender entwickelt. Meine erste spontane Assoziation dazu war ja eigentlich gar nicht so positiv. Ein bisschen in die Richtung „Frau macht Frauenkram“. Aber warum eigentlich? Gibt es wichtigeres Wissen für die Menschheit, als die Antwort auf die Frage, wann eine Frau fruchtbar ist und wann nicht? Ich weiß das zwar bei mir selbst auch ohne App, oder glaube das zumindest zu wissen. ^^ Ich kann mir  aber gut vorstellen, dass es für viele Frauen, ebenso wie für ihre Partner, eine sehr nützliche Anwendung sein kann.  Jonas Piela hingegen ist der Co-Founder von Avuba, wo sich alles um Bankkonten und Finanzdienstleistungen dreht. Hätte ich über die Zyklusapp anders gedacht, hätte Jonas sie gegründet? Oder hätte ich Ida anders gesehen, hätte sie Avuba umgesetzt? Ich glaube schon. Finanzthemen stehen intiuitiv immer noch höher im Kurs als der weibliche Zyklus. Warum ist das eigentlich so? Kann man das vielleicht irgendwie ändern?
Ulrik Bo Larsen von Falcon Social kenne ich bereits von anderen Paneln. Im Wesentlichen diskutiert man in dieser Runde über das Wesen des CEOs und seine Besonderheiten. Kundennähe beispielsweise, die von vielen Menschen sehr geschätzt wird. Es ist die letzte Diskussion der Social Media Week Berlin 2013, ab jetzt wird gefeiert.

Die Abschiedsparty findet in der Design Akademie statt. Ich bin müde, möchte eigentlich nach Hause und meine Beobachtungen aufschreiben. Aber Corina motiviert mich, hinzugehen. Na gut. Als ich ankomme, ist noch kaum jemand da. Dafür treffe ich meinen alten Bekannten aus Transmediale-Zeiten Stephen Kovats. Er ist Gründer der r0g / agency for open culture and critical transformation und hat ein paar spannende Panels mit AktivistInnen aus aller Welt organisiert, darunter mit Heba Amin, die ein Kunstprojekt aus Voicemail Nachrichten von Menschen aus Ägypten gestartet hat, als das Internet für eine Woche ausgeschaltet war. Die Keynote ist auf Video aufgezeichnet.

Stephen macht mich mit Heba bekannt, sie erzählt mir von ihrem Projekt. Während der Revolution in Ägypten versuchte der damalige Machthaber Mubarak die Revolution zu verhindern, indem er das gesamte Internet in Ägypten deaktivieren ließ. Laut Heba war das einfach, denn es gab nur vier Provider im ganzen Land, die staatstreu waren. Eine ganze Woche lang war ganz Ägypten ohne Netz. Nur Handys funktionierten noch. Viele Ägypter hinterließen Sprachnachrichten auf der Plattform Speak To Tweet, die damals extra für diese Situation eingerichtet wurde. Heba verarbeitet diese Nachrichten nun im Project Speak 2 Tweet als Film. Sie lebt seit 2010 in Berlin, kam durch ein DAAD Stipendium in die Stadt und unterrichtet an der Hochschule für Technik und Wirtschaft.

Julianne Becker, Programming Director der Social Media Week Berlin, hält eine Ansprache. Sie erzählt von den diversen Hintergründen und Schwerpunkten der Städte, die sich an dieser weltweiten Konferenz beteiligen und erwähnt stolz, dass dieses Jahr zum ersten Mal Mumbai mit dabei war. Der Anspruch der Social Media Week Berlin, einen 5050 Anteil an Frauen als Speaker in den Panels zu erreichen, wurde nicht ganz erfüllt, man bewegt sich derzeit noch bei rund 40 % Frauenanteil. Doch bereits nächstes Jahr soll das Programm ausgeglichen sein. Dieser visionäre Ansatz ist voll aufgegangen. Ich habe eine ganze Woche lang zufriedene Menschen gesehen, die kulturelle, gendergerechte Vielfalt hebt die Qualität der gesamten Konferenz spürbar. Panelisten werden hier nicht wegen Geschlecht, Herkunft oder Sprache eingeladen, sondern aufgrund von Können und Inhalt. Und das merkt man auch.

Die Party wird laut. Ein DJ macht Musik, wer sich normal unterhalten möchte, muss ins Freie. Dort treffe ich den jungen Mann von neulich, der unbedingt im Wikipedia Frauenworkshop mitmachen wollte. Er ist eigentlich gar nicht so übel. Ein Hacker. Mit enormem Mitteilungsbedürfnis. Er erzählt mir innerhalb von fünfzehn Minuten sein halbes Leben. Warum warst du so ungeschickt neulich? Warum hast du dir nicht einfach einen Sessel genommen, dich zu uns gesetzt, ein wenig zugehört und dich positiv eingebracht, anstatt mit Tropetenlautstärke in unseren Workshop zu platzen? Wie? Es gab keine Sessel? Da waren doch noch freie Stühle! Du bist eine Weile dagestanden und hast zugehört? Nö. Du bist gekommen und hast dich lautstark bemerkbar gemacht. Was wolltest du da eigentlich, das war doch eine Infoveranstaltung, um Probleme von Frauen bei Wikipedia zu diskutieren? Wie? Du bist Feminist? A-Ha. Und warum kann ich dann keinen einzigen Satz zu Ende sprechen? Warum unterbrichst du mich ständig, bevor ich am Punkt angekommen bin? Weil du meine Gedanken lesen kannst? Soso. Und warum  muss ich BRÜLLEN, wenn ich mit dir spreche, um meine Position klarzumachen, weil du mich sonst mit deiner lauten Männerstimme übertönst und ich mich selber nicht mehr hören kann? Das fällt dir gar nicht auf. Du bist nicht aggressiv, du bist der netteste Mensch der Welt. Oh weh. Na gut. Frieden. Lass uns bei Gelegenheit Kaffee trinken … ^^

Wer sind eigentlich die Leute an den Laptops gewesen, die man in fast allen Vorträgen der Social Media Week Berlin gesehen hat und die man immer wieder angetroffen hat? Sie schreiben unaufhörlich und stellen gegebenenfalls auch Fragen zu den Inhalten. Isis Wiedmann erklärt mir die Hintergründe. Sie gehört zu einer Crowd aus Bloggerinnen und Bloggern, die für die Social Media Week Zusammenfassungen über selbst ausgewählte Panels verfassen und auf der offiziellen Website veröffentlichen. Top ausgebildete Köpfe, die freiwillig dabei sind.  Isis ist Master of Business Administration und engagiert sich in NGOs. Auch Debbie Randall gehört zur Bloggercrew. Sie betreibt selbst den Blog Überblick, wo sie ihre täglichen Erfahrungen in Berlin beschreibt. Und berät Nokia Maps in Bezug auf WordPress Content für die Website here.com. HeadhunterInnen, KonferenzveranstalterInnen und potenzielle KundInnen dieser Welt, holt Euch diese Frauen!

Debbie Randall, Überblick
Debbie Randall, Überblick

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