Sonifikation und die akustische Erfassung der Welt

Labor Neunzehn zeigt im transmediale VORSPIEL eine hochkarätige Sound Art Show

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Kiefholzstraße 19? Die Adresse war mir unbekannt. Ich fuhr in einem menschenleeren Bus bis Alt-Treptow und spazierte von der windigen Puschkinallee Richtung Süden. Gerne hätte ich einen Milchkaffee getrunken, bevor ich die transmediale VORSPIEL Ausstellungseröffnung From Field Recording to Data Sonification in Late Capitalism erforschen würde, der Titel klang ein wenig anstrengend. Doch weit und breit waren nirgends Bäckerei oder Cafeteria zu finden – unbelebtes Niemandsland nördlich von Neukölln.
Gegenüber eines LIDL-Containermarktes prangte an der Einfahrt zu einem unsanierten Gewerbehaus ein ganzer Wald von Schildern, darüber „Labor 19„. Ich kam durch einen ersten Hinterhof, durchschritt einen stockdunklen Pförtner-Tunnel mit dutzenden Briefkästen auf blättriger Wandfarbe und entdeckte im zweiten Gewerbehof einen zum Wohnmobil umgebauten Kombi aus den Siebziger Jahren mit Flanellvorhängen an der Rückscheibe.

Der Aufgang zum Labor Neunzehn lag im Seitenflügel. Ich erklomm vier Stockwerke auf einer unscheinbaren Treppe mit DDR PVC-Belag, bevor ich von selbstausgedruckten Hinweisen durch einen kahlen, leicht schmuddeligen Gang mit verschlossenen Türen geleitet wurde.

labor neunzehn - Aufgang

Labor Neunzehn? Immer den Gang entlang.

Ein paarmal musste ich um nackte Ecken biegen, ehe mich ein strubbeliger Mann, der an einem weißen Türrahmen lehnte, freundlich mit einem breiten „Hi!“ begrüßte. Ich betrat einen früheren Lagerraum, der zum Büro mit Ausstellungsfunktion umfunktioniert worden war. Oliven, Chips und Orangensaft standen neben einem eingeschalteten Computermonitor auf einer Holzplatte. „Do you have coffee?“

Während ich mich im nächsten Ausstellungsraum umsah, der entkernt und aufgrund eines hellbeige lackierten Betonbodens sehr hellhörig war, brühte mir Alessandro frischen Löskaffee auf. Milch oder Zucker habe er leider nicht, entschuldigte er sich, als er mir die Tasse reichte.

Die Exponate waren aufgeräumt im Raum verteilt. Überall lagen dicke, schwarze Kopfhörer. Manche Werke wurden von Monitoren begleitet, andere von Texten. Ein Plattenspieler wartete darauf, eingeschaltet zu werden. Eine transparente, mit Rhythmus-Patterns verzierte Acryl-Artefakt-Schallplatte war limitiert aufgelegt.
Nachdem ich die erste Hemmschwelle überwunden hatte, mich über diese technischen Schnittstellen mit den Werken auseinanderzusetzen, kam ich an im akustischen Wunderland.

Die Kunstwerke an dieser Stelle zu erklären, wäre vermessen. Mit Worten kann ich nicht wiedergeben, welche emotionalen und auch erkenntnisreichen Momente ich erlebte, indem ich mich den Ideen der KünstlerInnen und ihren akustischen Klang-Räumen öffnete. Wenn ich Ihnen jetzt schreibe, dass ich plötzlich mitten unter Wildschweinen und Störchen saß, oder dass ich vom Klang des Eiswindes der Antarktis Gänsehaut bekam, dann können Sie sich darunter wenig vorstellen. Das müssen Sie selbst mit eigenen Ohren erfahren. Gehen Sie hin, nehmen Sie sich genug Zeit, haben Sie Spaß und erleben Sie spannende neue Eindrücke! Zwei Stunden sollten Sie dafür schon einplanen.

Alessandro Massobrio ist Sound Artist und Musiker, der sich ebenso kunsthistorisch wie auch konzeptionell mit audiovisueller Kunst beschäftigt. Gemeinsam mit Filmemacherin Valentina Besegher hat er die Räume in der Kienholzstraße angemietet, um einerseits dort selbst zu arbeiten, andererseits unter dem Label Labor Neunzehn Ausstellungen zu kuratieren und Avantgarde-Filmreihen zu veranstalten. Die Planung der Ausstellungen und die Auswahl der Werke geschieht partnerschaftlich.

labor neunzehn: Alessandro Massobrio und Valentina Besegher

Labor Neunzehn: Alessandro Massobrio und Valentina Besegher

Gerne wollte ich mehr erfahren über das kuratorische Konzept der Ausstellung. Alessandro erklärte mir die Einteilung der Werke in vier Kategorien:

Die Erfassung der Wirklichkeit durch Daten kann auf vielfältige Weise geschehen. Eine Quantifizierung der Welt ist nicht nur durch Bilder, Texte oder Filme möglich. Töne können ein beinahe unerschöpfliches Set an Informationen übermitteln und auch zur Vermittlung von Informationen dienen. Bei der Übertragung dieser Daten an Menschen werden die Emotionen der RezipientInnen auf völlig andere Weise angesprochen, als allein Bild oder Text dies bewerkstelligen könnten.

Begleitend zur Ausstellung stellten Alessandro Massobrio und Valentina Besegher ein virtuelles Archiv von Klangbeispielen und Sound Art Works zusammen. Es ist aus urheberrechtlichen Gründen ausschließlich über deren Intranet zu erforschen. Nehmen Sie sich Zeit dafür, es lohnt sich.

Abschließend wollte ich noch gerne von Alessandro wissen, was denn diese Ausstellung mit „late capitalism“ zu tun hat. Dazu meinte er schulterzuckend, dies sei einfach die Gesellschaft, in der wir leben. Durch sie entstehen die jeweiligen Technologien, mit denen die gezeigten Werke erzeugt oder für die die Aufnahmen konzipiert sind. Ich verdächtigte ihn in dem Moment ein klein wenig der PR-wirksamen Phrasendrescherei, die ich ihm jedoch sofort verzieh, denn die Auswahl der Werke ist exquisit und sein Kaffee wirklich sehr gut.

Meinen Milchkaffee bekam ich nach meinem Besuch bei Labor Neunzehn zusätzlich noch – gleich ums Eck vom Atelier in der Provinz. Ein hübsches Café mit Flohmarktmöbeln, Fenchel-Cranberry Quiche und Hummus mit französischem Flair trägt am Nordrand von Neukölln zur Gentrifizierung des Kiezes bei. Schauen Sie hin!

Die Ausstellung ist bis 27. Januar täglich (auch Sonntags) von 14:00 bis 18:00 geöffnet.
Der Eintritt ist frei.

Location auf Google Maps:

Labor Neunzehn
Kiefholzstr.19
12435 Berlin

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