Was Online-Identität mit Kleidern zu tun hat

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Wenn ich mir genau ansehe, was Internetpräsenz überhaupt ist und welche Qualitäten sie hat, fällt mir auf, dass ein Vergleich mit der Modewelt nicht abwegig ist. In beiden Fällen geht es nicht nur um Notwendigkeiten, sondern um Darstellung, um Attraktivität. PbalmainMan will sein Innerstes nach außen bringen. Vielleicht auch das genaue Gegenteil, kaschieren, dekorieren aufmascherln. Man will repräsentieren, Respekt bekommen, überzeugen. Es gibt Berufskleidung, private Seiten, Trends und Fetische. Notwendigkeiten aufgrund von regionalen Einflüssen oder Witterungsverhältnissen. Jahreszeitbedingte Kleidung. Und verschiedene Tageszeiten, zu denen man unterschiedlich gestylt sein will. Genau so ist es auch mit der Erscheinung seiner Person oder seines Unternehmens im Internet.

Es gibt für Webdesign – ebenso wie in der Mode – einerseits globale Anbieter, die massengefertigte Stangenware zum kleinen Preis anbieten, größtenteils in Ländern mit niedrigem Bruttoinlandsprodukt angefertigt. Es gibt aber auch die andere Seite, die Haute Couture, individuell maßgefertigt, aus luxuriösen Materialien hergestellt und vor Ort handgenäht. Und viele Abstufungen dazwischen. Für jeden Anlass und jeden Geldbeutel das passende Angebot.

Beim Aufbau meiner eigenen Internetpräsenz für Granaton fällt mir auf, dass die Arbeitsschritte sehr ähnlich zur Anfertigung einer perfekt sitzenden Garderobe sind. Zuerst ist die Planung wichtig: Welche Anlässe gibt es, wer wird mich sehen, wen will ich überzeugen? Wie praktisch bin ich veranlagt, wie viel Dekor ist für mich wichtig, was erwarten meine Arbeitgeber, meine Kunden, meine Familie, meine Freunde, meine Nachbarn? Will ich protzen oder dezent sein? Wie sind meine Lieblingsfarben? Elegant oder schrill? Wolle oder Viscose? Sexy oder casual?

Sobald ich grob umrissen habe, welche Kleidungsstücke ich brauchen werde, und wie sie untereinander harmonieren sollen, kann ich Entwürfe anfertigen. Zeichnungen. Eine ideale Situation kreieren. Das Ergebnis überdenken. Und es dann Schritt für Schritt umsetzen. Die fertige Zeichnung wird in ein Schnittmuster verwandelt. Das Schnittmuster wird erst mit billigem Material getestet, das schnell zusammengeheftet wird. Rat von Dritten wird eingeholt. Gefällt meinen Ratgebern und mir das Ergebnis, kann ich mich an teure Materialien heranwagen. Nicht, ohne vorher zu prüfen, ob diese Materialien gesundheitsschädlich sind oder moralisch fragwürdig hergestellt wurden. Der Stoff wird angezeichnet, geschnitten und erst einmal zusammengesteckt. Immer wieder korrigiert, dann geheftet. Es muss konsequent anprobiert werden. Erst dann wird genäht. Letzte Korrekturen werden gemacht, Nähte aufgetrennt, neu gemacht, angepasst. Und ganz am Schluss kommen die Zierelemente. Damit hat man ein Stück für seine Basisgarderobe. Die Schritte werden wiederholt, so lange, bis man seine Grundausstattung hat. Der Zufall kommt ins Spiel. Und der Lauf der Dinge.

Jedes Kleidungsstück hat ein Verfallsdatum. Je nachdem, wie hochwertig es angefertigt wurde und wie gut es gepflegt wird, hält es ein, zwei, manchmal fünf, manchmal fünfzig Jahre. Motten? Sind ein Problem. Schlechtes Waschpulver? Davon ist abzuraten. Man wird größer, dicker, schwanger, muskulöser, dünner, kleiner, gebrechlicher und passt nicht mehr in seine Kleider. So ist das Leben. Dann braucht man etwas Neues.

Die eigene Biografie bildet sich in seinem Kleiderschrank ab. Wo auch immer man ist, man entdeckt vielleicht ein schönes Stück, das man seiner Basisausstattung hinzufügt. Findet im Urlaub traditionelle Gewänder, die man als Erinnerung kauft. Tritt eine neue Stelle an und braucht neue repräsentative Kleidung. Oder kauft beim Klamottenriesen ums Eck ein schickes Paillettenkleidchen um 5 Euro, das man beim Vorbeigehen im Schaufenster bewundert hat.

Kann man sich seine Kleider selber nähen? Selbstverständlich! Jeder kann es lernen. Wenn man die Zeit dafür hat und auch die Geduld. Wenn man sich eine Nähmaschine kaufen will und gute Stoffhändler kennt. Dann kann man sich jederzeit selbst sein Outfit machen.

Soll man ins Ausland gehen, um gute Maßanfertigungen zu bekommen, für wesentlich weniger Geld als in Deutschland? Ja klar. Macht Sinn. Ich selbst habe mir als junge Studentin in Polen von einem Schneider einen Anzug machen lassen, er war perfekt. Und in Indonesien habe ich mir einen Lederrock nähen lassen, ich habe ihn geliebt. Aber ist es realistisch, dass man seine Basics international einkauft, wenn man tagaus, tagein seinem Alltag nachgeht? Sprachbarrieren inklusive? Wenn man Produkte in großem Umfang einkauft und vertrauensvollen Zugang zu Anbietern in anderen Ländern hat, kann man als Produzent gute Konditionen an die Kunden weitergeben. Aber lohnt es sich für Endverbraucher?

Wenn ich Granaton momentan mit der Modewelt vergleichen würde, dann würde ich sagen, ich bin Designerin mit einem Label in Berlin, das nur Maßanfertigungen herstellt. Für jeden Anlass vorab nach den passenden Formen sucht, auf Trends reagiert und über eigene Kollektionen nachdenkt, die individuell angepasst werden können. Mit internationalen Partnern arbeitet und weltweit die besten Materialien sucht. Zeitloses, frisches Design entwirft, innovationaffin aber dennoch traditionell geprägt. Teuer aber dafür richtig gut. Nachhaltig und vererbbar. Mit viel Naht- und Saumzugabe, damit man hineinwachsen kann.

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