Weltraum Visionen

Joerg Blumtritt über die Wechselwirkungen von Literatur, Kunst und Kultur mit Raumfahrt-Technologie und Space-Development

Geschätzte Lesezeit: 9 Minuten

Was hatte Datarella-Jockey Joerg Blumtritt im Sinn, als er der Re:Publica Konferenz einen Vortrag über Raumfahrt anbot? Sollte er im Kontext „digitale Gesellschaft“ nicht lieber über Quantified Self Gefahren diskutieren? Er hätte auch die Arduino-Erweiterung Bayduino vorstellen können. Vielmehr zog er vor, uns gemeinsam mit Silke Schmidt vom Bayerischen Staatsministerium die Zugangsbedingungen ins Weltall zu zeigen. Warum?

Granaton: Warum hat so lange kein Mensch mehr den Mond betreten?

Joerg Blumtritt: Ich war noch ein Kind, als der letzte bemannte Mondflug stattgefunden hat. Seither gab es ein permanentes Zurückgehen von Interesse an Raumfahrt. Anfang der Achtziger Jahre kam das Spaceshuttle-Programm. Da war nichts dahinter, keine Vision mehr. Warum sollte man auf den Mond fliegen? Warum sollte man überhaupt ins Weltall fliegen?

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Nachdem der Boom von Raumfahrt vor wenigen Jahren wieder angefangen hat, habe ich mir angeschaut, wie es in der Literatur aussieht. Man findet auch in Science Fiction diese harte Wende, die Mitte der Achtziger Jahre kommt. Von Science Fiction, die im Weltall spielt, zu Science Fiction, die auf der Erde spielt.

Im Vorgriff auf die digitale Revolution kommt die Cyberpunk Welle. Cyberpunk Novels spielen eigentlich immer auf der Erde. In Neuromancer von William Gibson haben wir eine große Raumstation, aber dabei ist nicht wichtig, dass sie im Weltraum liegt. Das ist keine Space-Soap.

Das Gleiche beobachten wir bei Science-Fiction Filmen. Klar, Star Wars, Return of the Jedi, das war 1986, wenn ich mich recht entsinne. Danach gab es nur noch selten große Space Operas. Das hat sich geändert. Jetzt kommen jedes Jahr Top-Kinohits heraus. Vor zwei Jahren Interstellar, jetzt The Martian, die vor allem die zeitgenössische Form der Raumfahrt übersetzen. Die nicht weit in der Zukunft spielen, sondern sich mit Ingenieursthemen auseinandersetzen.

Granaton: Hat das zu tun mit dem Verhältnis der Menschen zur Erde?

Joerg Blumtritt: Das Verhältnis der Menschen zur Erde verändert sich damit, wie viele Menschen es gibt. Als die Mondflüge aktuell waren, haben deutlich weniger als die Hälfte der Menschen gelebt, wie wir sie heute haben. Ich weiß noch, wie der vier milliardste Erdenbürger gefeiert wurde, das muss irgendwann Ende der Siebziger Jahre gewesen sein. Jetzt sind wir deutlich bei sieben, in die Richtung von acht Milliarden gehend. Es sind vielleicht schon acht. Acht Milliarden Menschen von denen zweieinhalb Milliarden Internetzugang über ihre Smartphones haben … das macht die Erde zu einem anderen Ort!

Das globale Gefühl, das die Leute in Angst und Schrecken versetzt, sodass sie in Scharen an den rechten Rand wandern, diese Vorstellung davon, dass es keinen Platz auf der Erde gibt, der wirklich entfernt ist – das ist neu.

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Im kalten Krieg gab es Ecken auf der Welt, da konnte man einfach nicht hin. Diese Orte gibt es nicht mehr. Klar, es ist mühselig, nach Afghanistan oder in den Sudan zu reisen, aber wir brauchen nur auf Twitter schauen und wir sehen, wie es da ist. Alles ist immer präsent.

Ich beobachte auch eine starke Zunahme in naturwissenschaftlicher Bildung. Es gibt so viele Menschen heute, die Interesse an Naturwissenschaften und Ingenieursthemen haben. Auch durch die Zugänglichkeit zu Informationen über Wikipedia, über Youtube …

Das funktioniert auch in der Popkultur. Man kann sehr komplizierte Science Fiction heutzutage lesen. Wenn man etwas nicht kennt, kann man es ganz leicht nachschlagen. Neal Stephenson, Seveneves, da sind viele Fachbegriffe drin. Man schaut auf Wikipedia nach, wovon sie handeln. Früher wäre es sehr schwierig gewesen, so ein Buch überhaupt zu verstehen.

Auf der Unternehmerseite kommt eine Generation, die sich anschickt, die nächsten Henry Fords zu sein. Das ist ein neuer Wettbewerb. Da sind alle der Überzeugung, dass rein digitale Technologien dieses Ziel nicht hergeben. Die Googles, Facebooks dieser Welt sorgen auch für sehr viel Reichtum, aber keiner erwartet, dass sie über einen sehr langen Zeitraum für diesen unvorstellbaren Wohlstand sorgen, wie das Ford oder General Motors für deren Shareholder gemacht haben. Und das gefällt Leuten wie Elon Musk oder auch Jeff Bezos. Mal abgesehen davon, dass die einfach auch cool sein wollen. Das sieht man schon an den T-Shirts, die sie immer tragen (lacht).

Granaton: Dein T-Shirt ist auch cool.

Joerg Blumtritt: Ein Data-T-Shirt. Von der Strata Konferenz in San Jose.

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Granaton: Was muss ein Entrepreneur mitbringen, der ein Space Henry Ford werden möchte?

Joerg Blumtritt: Die Vorstellung davon, etwas zu erreichen in einem Feld, wo nicht sehr viel Konkurrenz ist. Das beschreibt Peter Thiel in seinem Buch Zero to One sehr gut. Ich bin weit davon entfernt, dass ich Thiels Ansichten unterstütze – aus politischen und moralischen Gründen – aber es sind sehr interessante Beobachtungen, die er macht. Sich nicht in das Haifischbecken zu begeben, sondern sich den „blue Ocean“ zu suchen.

Space, so beschreibt es Elon Musk selber, Space nach sechzig, siebzig Jahren reiner Staatswirtschaft, mit ganz wenigen dieser typischen Verteidigungsfirmen wie Boeing, Lockheed Martin undsoweiter, ist ein ineffizientes Geschäft gewesen. Für einen Menschen, der weiß, wo man Geld auftreibt, der weiß, wie man mit Investoren spricht, wurde es relativ leicht, eine Success-Story zu bauen, und zu sagen, „hey, jetzt probieren wir es einfach einmal, das geht auch für zehn Prozent der Kosten“. Damit ist er zu einem guten Zeitpunkt zur US-Regierung gegangen und hat gesagt „hey Leute, lasst uns einfach mal dieses Monopol dieser Verteidigungskonzerne brechen und eine neue Zeit von Space beginnen, die viel billiger ist“.

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Da darf man nicht vergessen, dass die NASA mit Programmen wie zum Beispiel dem Mars Rover oder auch dem Sondenprogramm vollkommen andere Kosten investiert, als in frühere NASA-Missionen. Da ist kein Backup, kein doppelter Boden. Wenn das ausgefallen wäre, wäre das einfach ein Verlust gewesen. Dafür sind die Kosten verschwindend im Vergleich zu bisherigen Missionen. Der Mars Rover läuft jetzt, glaube ich, seit zwölf Jahren.

Granaton: Haben die kulturellen Vorreiter, die Science Fiction geschrieben haben, unsere Vorstellung vom Raum und von der Technologie so stark geprägt, dass sie nun Wirklichkeit werden? Oder ist das ein Vorwegnehmen der Zukunft?

Joerg Blumtritt: Ich bin überzeugt, dass eine Wechselwirkung zwischen Kultur und zivilisatorischer Entwicklung stattfindet. Autoren wie Robert Heinlein, Bruce Sterling, den ich auch besonders schätze, oder William Gibson, merken, in welche Richtung sich die Gesellschaft entwickelt, und zwar sehr sehr früh. Sehr oft viele Jahre, bevor es sonst jemandem auffällt. Damit reproduzieren sie Ideen, die schon da sind, die sich aber ohne, dass sie artikuliert werden, nie entfalten würden. Dadurch, dass Autoren behaupten „das ist möglich, weil ich darüber geschrieben habe“ antworten Leute „endlich sagt’s mal einer und jetzt machen wir’s“.

Das ist bei Neal Stephenson eindeutig so. Lange Zeit, bevor er Seveneves geschrieben hat, hat er für Blue Origin gearbeitet, eine der großen Space Firmen. Jeff Bezos brauchte Neal Stephenson. Er wurde dafür bezahlt, dass er Visionen entfaltet.

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Granaton: Gibt in der Wechselwirkung zwischen Kultur und Technik Visionäre, die man jetzt schon ausmachen kann, die vielleicht in der Zukunft sichtbar werden?

Joerg Blumtritt: Ein Buch, das mich persönlich sehr bewegt hat, das vor vier Jahren herausgekommen ist, war Ready Player One von Ernest Cline. Das Buch handelt von einer dystopischen Zukunft – eine Cyberpunk Geschichte. Die Welt ist ein ziemlich unschöner Ort. Die Menschen überleben, weil alles weitgehend automatisiert funktioniert. Sie sind Entertainment-Sklaven. Der Ort, in dem die Leute Zuflucht finden, heißt Oasis. Das ist so eine Art Internet. Der Mann, der Oasis gebaut hat, stirbt im Alter von achtzig Jahren. So kann man sich ungefähr vorstellen, wann das spielt – 2050 vermutlich. Er hinterlässt ein obskures Buch, das eine Anleitung ist, einen versteckten Schatz zu finden in dieser Internetwelt, in dieser Oasis.

Da er selber nie über seine Kindheit hinweggekommen ist, die in den Achtziger Jahren stattfand, beschreibt er diese Rätsel, die man lösen muss, mit der Kultur der Achtziger Jahre. Die ganze Welt erlebt in einer Art Explosion plötzlich ein Achtziger Jahre Revival – aber in 2050! Jeder kennt alle Filme aus den Achtzigern und die Popkultur auswendig, die Leute fangen an, Schatzsucher zu werden. Das ist ein sehr gutes Buch.

Auf der einen Seite sehr traurig, weil diese dystopische Zukunft wenig Hoffnung lässt. Auf der anderen Seite ist es, wie ich finde, die beste Aufarbeitung der digitalen Nostalgie, die unsereins vielleicht schon mal ergreifen kann.

Ein Forschungsprojekt, das ich gerade angefangen habe, liegt im Bereich der Kunst. So ähnlich, wie es mit Cyberpunkt war, und auch davor, mit stark durch die Digitalisierung geprägten kulturellen Stilen, haben wir sehr viele noch rohe Formen. Ich zitiere Bruce Sterling: Das ist so wie Italienisch im Vierzehnten Jahrhundert, bevor Dante das Inferno geschrieben hat. Aus Sicht der klassischen Kultur war das verkommenes Latein. Lohnte sich nicht, das zu beachten, das war keine richtige Kunst, keine richtige Literatur. Sehr viel, von dem, was wir sehen, hat diesen vernakularen Zustand noch. Wir sehen aber gerade in der Post-Internet Culture, dass die ersten Phänomene das Vernakular verlassen und echte Schwergewichte kulturell werden. Das finde ich einen ganz interessanten Moment.

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Wir haben das geschrieben schon gesehen mit vielen Blogs. Das war einfacher, weil das Medium Text im Internet nur graduell anders ist als gedruckter Text – wenn man von Hypertextanwendungen wie Wikipedia absieht. Einen Blog kann man auch drucken. Aber bei bildender Kunst zum Beispiel, bei Video, bei Film, ist die Mechanik ganz anders.

Das Vernakular kann man deutlich sehen, wenn man Youtube anschaut. Es ist vollkommen klar, dass das eine andere Art von Gestaltung, von Ausdruck ist als klassisches Fernsehen oder Kino. Viel davon ist so, dass man sich denkt „naja, das ist so toll auch noch nicht“. Da fehlen noch die Kriterien, es als das zu erkennen, was es ist.

Granaton: Was ist es?

Joerg Blumtritt: Gerade auf Youtube, aber auch auf Instagram entsteht sehr viel, was das Zeug dazu hat, das zu werden, was Bildende Kunst früher war. Oder was Film früher war. So lange wir aber dieselben Kriterien anlegen, die wir an die klassische Kultur anlegen, erkennen wir das nicht. Da fällt das durch. Das ist wie bei Leuten, die von Musik kompositorische Schöpfung erwarten, und nicht begreifen, dass Techno Musik ist. Oder DJ-Werke. Da wird nichts komponiert. Das hat sehr viel von Collagen. Man geht nur noch in kleinen Schritten weiter.

Dadurch, dass man alles sieht, ist alles verfügbar. Das macht einen demütig. Was kann man noch groß leisten, wenn es schon alles gibt. Da denkt man, „na ok, spielerisch weiter“. So wie ein DJ, der sagt, „hey, es gibt coole Sachen, coole Musik, die muss ich nur neu mixen. In einen neuen Rhythmus bringen“.

Granaton: Die Definition von Kreativität ist auch nicht unbedingt, alles neu zu erfinden, sondern Ideen zusammenzubringen und daraus neue Aspekte zu generieren.

Joerg Blumtritt: Vor zweihundert, vielleicht zweihundertfünfzig Jahren, ist das Schöpferprinzip zur Kreativität gekommen. Das wird gerade sukzessive abgelöst. Ich sehe die Rückkehr zu einer Art handwerklichen oder kunsthandwerklichen Tradition. Es ist ganz interessant, welche Renaissance gerade Keramik in der Kunst hat. Keramik war tot. Künstler, die mit Keramik gearbeitet haben, hatten eine kleine Nische in der Kunst. Das ist nicht mehr so. Keramik spielt inzwischen wieder eine große Rolle. Schmuck als künstlerische Ausdrucksform auch.

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Sehr viel, was vorher Design war, wird plötzlich auch zur Kunst. Das finde ich sehr interessant, diese kunsthandwerklichen Richtungen. Die Trennung zwischen Kunst und Kunsthandwerk ist noch nicht alt. Wir sehen sehr viel von dem aus meiner Sicht jetzt gerade wiederkommen. Ich sage immer, mit der Maker Bewegung kommt eine Art neue Arts and Crafts Bewegung. Viele von den Werken sehen auch so ähnlich aus.

Granaton: Ist die jüngste Eroberung des Weltraums eine Folge von Angst? Angst vor Zerstörung der Erde?

Joerg Blumtritt: Es ist auch eine Reaktion darauf. Klimakontrolle und Klimaforschung werden vorangebracht. Die Abholzung der Wälder wird kontrolliert. Das ganze Kartenthema, Verbesserung von Karten, von Navigation, das hat sehr viel damit zu tun, auf der Erde sicherer zu sein. Zuerst war Überwachungstechnik im Weltraum. Es waren militärische Technologien. Satellitennavigation, Orbital Reconnaissance Systems, die dazu da waren, Leute auszuspionieren. Das hat eine starke Zivilisierung erfahren.

Die ISS ist ein bemerkenswertes Projekt. Zwanzigmal so teuer wie CERN. Unglaublich, was man da an Geld hineingepulvert hat. Auf der anderen Seite: Die Popularität ist irre. Samantha Cristoforetti, die italienische Astronautin, die so lange auf der ISS war, ist eine Top-Twitterpersönlichkeit. Eine sehr coole Frau. Sie hat mehrere Millionen Follower. Das zeigt gut, welche Popularität Weltraumthemen gerade haben. Es ist wohl nicht so sehr Angst, es ist eher Verantwortungsgefühl. Man gibt Geld aus, um etwas Gutes zu erreichen.

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