Die Ziege als münchner Antagonimus

Markus von der Lühe über die kommende Konferenz YEAR OF THE GOAT

Geschätzte Lesezeit: 11 Minuten

Neugierig las ich eine mysteriöse Einladung per E-Mail zur quietschpinken Konferenz YEAR OF THE GOAT – Digital Transformation & Innovation. Sie wird am 19. März in München stattfinden. Worauf will der überraschend quer gedachte Titel hinaus? Warum sind Tickets nur über Geheimcodes oder nach persönlicher Einladung erhältlich?

Als Veranstalter zeichnen sich die SixReasons UG und die Free:Formers GmbH i.G verantwortlich. Ich will gerne mehr darüber wissen. Wer sind die Gastgeber? Was wollen sie erreichen? Worum geht es bei YEAR OF THE GOAT?

Markus von der Lühe, Geschäftsführer von Free:Formers und Co-Host der Konferenz, traf sich mit mir in Berlin zum persönlichen Gespräch.

Markus von der Lühe, Free:Formers, Year of the Goat Konferenz

 

Free:Formers – was macht dieses Unternehmen?

Free:Formers ist ursprünglich eine UK Company. Vergangenen November haben wir eine GmbH in Deutschland gegründet. Wir begleiten große Unternehmen bei der digitalen Transformation. Konkret bedeutet das, dass wir Workshops machen zu Themen wie Big Data, Internet der Dinge, Gamification, Cybersecurity, Social Media, Coding.

Das Besondere bei diesen Workshops ist, dass sie sehr praktisch sind. Das heißt, als Manager sitzt du da und tust erst mal. Du machst, du kreierst, du codest, du beschäftigst dich mit Hardware, und lernst dann, was diese Hardware oder Software eigentlich für eine Bedeutung für dein Unternehmen haben wird.

Für jeden Mitarbeiter, den wir in einer Unternehmung trainieren, schulen wir auch einen arbeitslosen Jugendlichen aus einem sozialen Umfeld. Das heißt, wir haben ein Social Entrepreneurship Thema in die DNA von Free:Formers integriert.

Die Workshops werden immer nur von Digital Natives durchgeführt, weil wir denken, dass diese authentischer sind, dass sie digital leben und das einfach viel besser rüberbringen können. Das haben wir hier in Deutschland pilotiert und wir haben festgestellt, dass gerade etablierte Manager mit diesen eher jungen Leuten sehr gut können.

Ich fühle mich gerade alt.

Ich auch (lacht). Digital Natives sind einfach Leute, die mit digitalen Technologien aufgewachsen sind. Die kennen eigentlich nichts anderes, als ein Smartphone. Wissen von Anfang an, wie man damit umgeht. Haben einen natürlichen Umgang damit und hinterfragen das nicht. Auf Unternehmensebene haben wir ja ein ähnliches Phänomen: Google, Netflix und Facebook. Auch diese Firmen sind digital Natives und gehen Dinge einfach anders an als Firmen, welche früher „geboren“ wurden. Und davon können wir lernen.

Markus von der Lühe, Free:Formers, Year of the Goat Konferenz

 

Diese Idee des Digital Native als Veränderer finde ich widersprüchlich. Ich habe den Eindruck, dass gerade die Leute, die damit aufgewachsen sind, oftmals keine Veränderungen in die digitale Welt mehr einbringen, sondern sie als gegeben hinnehmen.

Digital Natives mögen Transparenz, Offenheit und Unkompliziertheit. Sie gehen mit den neuen Medien so um, wie wir mit Gabel und Messer umgehen. So wie wir mit Fernsehen, Radio, vielleicht auch noch mit dem Computer aufgewachsen sind, so haben Digital Natives Smartphone und Mobile als Teil ihrer Existenz von Anfang in ihre Lebenswelt integriert. Sie wissen genau, was notwendig ist, um erfolgreich in dieser neuen Gesellschaft zu sein. Social Media heißt, dass du partizipierst – als Konsument, als Mitarbeiter, die denken da gar nicht darüber nach. Sie machen einfach. Im Englischen sagt man, they embody it.

YEAR OF THE GOAT ist der Titel Eurer Konferenz – wie seid Ihr darauf gekommen?

Im chinesischen Horoskop hat das Jahr der Ziege begonnen. Wir haben gedacht, das ist ein sehr guter Aufhänger. Die Digitalisierung verändert alles. Change is everything. Wenn es Veränderungen gibt, dann müssen wir uns als Individuen aber auch als Organisation mit verändern.

Wenn du so darüber nachdenkst, was Veränderung bedeutet, heißt das ja immer auch, Deinen inneren Schweinehund zu überwinden. Für uns steht die Ziege als Äquivalent zum inneren Schweinehund. Die Ziege ist stur, die will die Dinge so machen, wie sie sie schon immer gemacht hat, ist wenig flexibel.

Das gilt für uns alle, für die großen Organisationen genauso wie für kleinere. Und auch für uns als Individuen ist es eine sehr gute Metapher, um spielerisch damit umzugehen auf der Konferenz – und auch ein bisschen zu provozieren. Es geht also vor allem darum interne Widerstände abzubauen.

Markus von der Lühe, Free:Formers, Year of the Goat Konferenz

 

Wenn Du von Veränderungen sprichst – was meinst Du konkret damit?

Im Endeffekt betrifft das alle Bereiche: Gesellschaft, Parteiensystem, Bildungssystem, Business … in allen diesen Bereichen erfahren wir extreme Veränderungen und das passiert durch die Digitalisierung, weil Digitalisierung uns dazu zwingt, komplett umzudenken. Wir bewegen uns mehr und mehr auf eine Netzwerkgesellschaft zu, wo Information nicht länger von oben nach unten fließt, sondern sich wie ein Netzwerk horizontal verteilt.

Das heißt, als Parteien, als Unternehmen, als Individuen, als Leader müssen wir komplett umdenken und Dinge anders tun. Und das erzeugt bei vielen Menschen natürlich erst einmal Angst.

Was würdest Du in Deinem eigenen Umfeld verändern wollen? Oder wie würdest Du Dich verändern wollen? Siehst du Potenzial bei dir selbst?

Ich bin eigentlich in ständiger Veränderung und versuche so gut wie möglich Dinge ständig zu hinterfragen. Ich war lange in Australien und im Silicon Valley. Als Deutscher im Ausland musst du dich ständig verändern, denn du musst dich an neue Gegebenheiten anpassen. In Deutschland ist man z.B. sehr direkt während Du in Australien etwas diplomatischer sein musst, um Menschen nicht vor den Kopf zu stoßen. Das bedeutet, eine neue Kultur hält Dir plötzlich den Spiegel vor. Von daher ist Veränderung sowie fester Bestandteil meines Leben. Ich bekomme Feedback von außen und muss mich entscheiden, was ich mit dieser Information tue.

Ich mache mir also ständig darüber Gedanken, wie ich mit mir selbst, aber auch mit meinen Mitmenschen, im Business, besser umgehen kann. Es sind ganz bestimmte Werte, die ich lebe, die wichtig sind für mich.

Markus von der Lühe, Free:Formers, Year of the Goat Konferenz

 

Wenn du nach Werten lebst, die für dich wichtig sind, dann bedeutet das doch, dass du keine Veränderung möchtest, weil feste Werte das Leben stabilisieren? Wenn du diese Werte verändern müsstest – was würdest du dann tun? Und von welchen Werten sprechen wir?

Werte sind Dinge wie „Integrität“, anderen zuerst einmal etwas zu geben, bevor du etwas erwartest oder eine prinzipielle Offenheit für andere Perspektiven. Das sind klassische Werte, ich glaube, die sind immer wahr. Und die waren schon immer wahr. Das Problem ist, wir als Menschen, wenn wir unter Stress stehen, wenn wir extremen Veränderungsdruck erfahren, dann kommen wir leicht in eine Situation, wo wir diese Werte vergessen. Wir sind also manchmal aufgrund des wachsenden Stresses in einer digitalisierten Gesellschaft nicht mehr in der Lage, diese Werte zu leben. Und da ist es wichtig, dass man sich immer wieder am Kragen packt und sagt „Pass mal auf, es ist schwierig gerade, aber was ist wirklich wesentlich? Was für ein Mensch will ich sein?

Bei Year of the Goat geht es um genau solche Werte, die gibt es ja schon seit tausenden von Jahren, da ist nichts neu. Aber das Umfeld hat sich verändert und verändert sich ständig und da müssen wir sicher stellen, dass wir diese Werte gerade in Zeiten von extremem Umbruch weiterhin bewahren können. Das erfordert Disziplin und ständiges Hinterfragen.

Du sagtest „Transparenz, Integrität“ … noch etwas?

Ganz wichtig ist, wie wir in der Zukunft mit dem Thema Leadership umgehen. Für mich heißt das konkret, Leadership bedeutet eben nicht mehr von oben nach unten zu dirigieren und zu sagen „du machst das, du machst jenes“, sondern es heißt eigentlich, deinen Teams als Leader die Autorität zu geben, dass sie Dinge selbst entscheiden können.

Um dir ein Beispiel zu geben, ich hatte vor kurzem ein Meeting in einem DAX-Unternehmen, und in diesem Meeting haben sie mir allen Ernstes gesagt, um eine URL zu registrieren brauchen sie teilweise sechs Monate.

Ich glaube, das ist repräsentativ für viele Unternehmen. Viele wissen ja gar nicht, ob sie die Entscheidungskompetenz haben, so etwas zu tun. Sie WISSEN es einfach nicht. Sie sitzen da, sie haben so etwas vielleicht noch nie gemacht, haben vielleicht eine innovative Idee, würden die gern umsetzen, aber irgendetwas bindet ihnen die Hände! Die Strukturen sind gar nicht vorhanden, um Eigeninitiative ernsthaft zu entwickeln. Die können vielleicht keine fünfzig Euro ausgeben, um irgend etwas zu tun. Wie will man da innovativ werden?

Das alles muss sich komplett und von Grund auf verändern. Als Leader musst du deinen Abteilungen, Menschen, mit denen du arbeitest, diese Autorität und das notwendige Vertrauen geben, und natürlich auch ein gewisses Budget.

Markus von der Lühe, Free:Formers, Year of the Goat Konferenz

 

Wie seid Ihr denn auf die Idee gekommen, diese Konferenz zu veranstalten? Wie war der Entstehungsprozess? Da gehört ja auch viel dazu – vor allem Eigeninitiative.

Das war relativ spontan: wir sind im November mit Free:Formers offiziell gelaunched, sitzen in München zusammen mit einem Inkubator. Der Name des Inkubators ist Six Reasons, und wir haben sofort geklickt. Sie sind alle Digital Natives, und waren extrem offen für neue Dinge. Ich habe ihnen erzählt, dass ich gerne einen Launch-Event für Free:Formers machen würde. Und dann haben sie einfach gesagt „finden wir cool, sollen wir etwas gemeinsam machen?“. Ich habe gesagt ja, why not, let’s do it. Und so ist es entstanden. Dann haben wir noch am selben Tag ein Brainstorming gemacht, hatten die Idee für Year of the Goat, haben dann gesagt, das ist cool, das passt, YEAR OF THE GOAT, das klingt nach Veränderung.

Innerhalb von einer Woche hatten wir dann eine Website live. Wir haben die ersten Speaker aus Australien, USA und UK gewinnen können, das ging so schnell und lief fast von selbst … Und das ist eben der Unterschied zu einer klassischen, großen Organisation. Wenn du Leute hast, die Verantwortung übernehmen, die etwas Geld in die Hand nehmen können, dann können Dinge sich unglaublich schnell bewegen. Und jetzt sind wir in einer Position, wo wir über zwanzig Speaker haben, viele Workshops, über 200 Teilnehmer. Innerhalb von vier Monaten haben wir das Ding auf die Beine gestellt.

Und die Finanzierung?

Gute Frage … Wir haben das Ganze erst einmal lean gemacht, also so günstig wie möglich. Nichtsdestotrotz brauchst du natürlich Geld für die Location, Technologie, Catering, etc. Wir finanzieren das Ganze über Teilnehmer-Gebühren und Sponsoren.

Was ist das Ziel der Konferenz?

Wahrscheinlich drei Dinge: Inspiration, Community, Sustainability – also Nachhaltigkeit. Wir wollen zum einen Leute inspirieren, und zwar dass du auch im Kleinen Dinge verändern kannst, wenn du wirklich willst. Wir wollen eine echte Community bauen, das heißt, wir wollen, dass die Leute auf Year of the Goat miteinander connecten, vielleicht sogar zu Freunden werden, dass sie vielleicht auf bestimmten Initiativen kollaborieren … einer der Gründe weshalb das ganze Umfeld der Goat sehr, sehr anders positioniert ist.

Wir sind auf der Praterinsel, im Haus 3. Das ist ein Haus, wo es häufig Kunstausstellungen gibt und Graffiti an den Wänden. Und wir haben halt gesagt „genau SO!“ Das ist die richtige Atmosphäre. Also Berlin-like, ganz untypisch für München. Das war das Thema Community, und das Dritte, es ist uns wichtig, dass etwas nachhaltig passiert, also dass die Community sich vielleicht wieder trifft, dass daraus Initiativen entstehen, Freunde werden … das muss aber selbständig entstehen. Es ist noch ein bisschen early days, aber das sind die drei Ziele, welche wir uns gesetzt haben.

Markus von der Lühe, Free:Formers, Year of the Goat Konferenz

 

Nach welchen Kriterien habt Ihr die Vortragenden ausgesucht?

Ich habe mit allen Speakern erst einmal persönliche Interviews geführt. Ich wollte sicherstellen, dass wir entsprechende Qualität haben, und auch Leute ansprechen, welche wir als early adopter klassifizieren. Diese bringen von Haus aus eine gewisse Offenheit mit.

Ausserdem wollten wir nicht nur Business-Speaker, wir wollen einfach Menschen vor Ort, ob jetzt als Speaker oder als Teilnehmer, welche den neuen Spirit der Digitalisierung repräsentieren. Leute, welche so ein bisschen über den Tellerrand hinausschauen. Und eben auch für diese neuen Themen offen sind. Das war das Kriterium Nummer eins. Darüber hinaus wollen wir Speaker aus anderen Disziplinen, wie Sport oder Education. Wir haben einen Neurowissenschaftler aus Australien, der vortragen wird. Wir haben eine Weltmeisterin im Synchronschwimmen. Wir haben Gina Deininger, das ist eine Australierin, die in München die erste Createschool aufgebaut hat. Also jemand aus dem Bildungssystem. Wir haben gesagt, dass auch Business-Leute von solchen Menschen lernen können, weil diese oft sehr außergewöhnliche Dinge in schwierigen Umständen realisiert haben.

Kannst du umreißen, welches Publikum Ihr damit ansprechen möchtet?

Ursprünglich hatten wir gedacht, eigentlich nur Business-Leute. Aber nun sind wir uns einig, es muss noch viel breiter werden. Man kann die Audience eigentlich gar nicht klassifizieren, zumindest nicht nach herkömmlichen Merkmalen: es geht darum Leute zu erreichen, welche flexibel im Denken sind und die neugierig sind auf das was da kommt. Das kann ein Arzt sein, das kann ein CEO sein, völlig egal.

Du hattest ja erwähnt, dass Ihr gerne noch mehr Frauen im Publikum hättet …

Ganz offen, die meisten Business-Konferenzen, auf denen ich gewesen bin, sind voll von Testosteron. Du weißt, was ich meine … das ist oft sehr sehr einseitig. Ich weiß nicht, ob wir 50:50 hinbekommen, aber wir versuchen es, wir haben bewusst eine Partnerschaft mit Female Founders gemacht, um auch Frauen als Zielgruppe zu erreichen.

Was sollen Frauen mitbringen?

Ich könnte dir natürlich jetzt die klassische Antwort geben.

Was ist denn die klassische Antwort?

Na, die klassische Antwort wär natürlich: Männer sind eher rational. Die klassische Frau bringt Wärme, Empathie und Sozialkompetenz mit.

Natürlich gibt’s Frauen, die sind eher männlich, und Männer, die sind eher weiblich. Der Punkt ist aber, ich find’s eigenartig, wenn du auf einer Konferenz bist, und da sind nur 90% Männer. Ich fänd’s wahrscheinlich auch komisch, wenn da nur 90% Frauen wären.

Markus von der Lühe, Free:Formers, Year of the Goat Konferenz

 

Du sagtest, die Location ist sehr künstlerisch angehaucht, eher in Richtung Berlin-Stil, welchen Stellenwert hat die Kunst dabei für dich?

Kunst bedeutet auch Kreativität.

Das Problem ist, dass Kreativität in großen Organisationen oft wenig gelebt wird. Was dahintersteckt, ist oftmals vielleicht eine gewisse Angst und Unsicherheit: Darf ich so etwas überhaupt hier? Darf ich innovativ sein? Darf ich anders sein? Kunst und Kreativität baut immer auf einer gewissen … ich weiß nicht, ob ich es Sicherheit nennen will, aber die Erlaubnis, dass ich so sein darf, wie ich will. Self-Expression hat etwas mit Kunst zu tun. Die Aufgabe eines Leaders ist es seinen Mitarbeitern ein sicheres Umfeld zu bieten, in welchem diese ihren kreativen Aspirationen freien Lauf lassen können.

Die Year of the Goat Konferenz lädt am 19. März zum Austausch in München ein.
Es gibt nur noch wenige Tickets auf Anfrage.

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