Begeisterung! Doch wie kann ich sie ausdrücken, ohne missverstanden oder ausgenutzt zu werden?

Über den Gewissenskonflikt als Bloggerin zwischen einem gesponserten Beitrag und einem unabhängigen Test.

Wie schon angekündigt, will ich Makroaufnahmen machen. Ich habe eine tolle Kamera dafür gefunden. Will sie testen und darüber schreiben. Das ist keine Werbung! Das ist Begeisterung! Wirklich! Mich bezahlt niemand für diesen Beitrag. Verflixt, niemand glaubt mir.

Private Websites mit Katzenfotos laden im Hintergrund Google Adsense. Facebook-Freunde schicken Links auf Putzmittel, Provider und große Onlineversandshops. Marketing-Mails überschwemmen meine Mailbox. Die „KEINE WERBUNG“ Aufschrift auf meinem Briefkasten wird nicht selten gnadenlos ignoriert. In meinem Fitnesscenter gab es eine Dildoparty, bei der eine Vertreterin von Sexartikeln vibrierende und glibbernde Objekte präsentiert. Wir alle sind anscheinend käuflich, wir alle werden anscheinend irgendwie bezahlt von Konzernen dafür, dass wir Werbung für sie machen, wir alle sind korrupt …

Ist das so? Wirklich?

Vor ein paar Wochen sah ich einen temporären Stand eines Kameraherstellers in einem großen Einkaufszentrum. Man pries die neue Produktserie an. Ich nahm eines der Geräte in die Hand, war positiv überrascht, alles fühlte sich richtig an. Man hatte auch eine Ausstellung zu bieten – eine Guerilla-Kunstshow in Berlin mit tollen Namen jüngerer Künstler, die von diesem Hersteller veranstaltet und finanziert war. Ich sah mir diese Show an, die eine Hybridisierung zwischen Kunstpräsentation und Produktwerbung war, fand das irgendwie cool – und hatte heute längere Zeit eine dieser Kameras in der Hand, weil ich eine brauche, die gute Makrobilder macht.

Der Marketing-Rummel war nicht einfach nur ein Gag. Diese Produktserie ist so gut durchdacht, dass ich mich, die ich noch mit Praktika und Pentax fotografieren lernen durfte, dann Nikon- und Lomoprofi war und mir aus reiner Liebhaberei sogar eine original Pentacon gekauft habe, sofort zu Hause fühlte, als ich zum ersten Mal damit spielte. Und gleichzeitig ist das Innere dieser Kamera mit ausgefeiltester Digitaltechnik bestückt.

Was nun? Soll ich jetzt einfach so, out of the blue, meine Begeisterung teilen? Und das Produkt beschreiben, meine Erfahrungen damit festhalten? Warum sollte ich das tun – ohne Gegenleistung des Herstellers? Meine LeserInnen vermuten sowieso, dass man mich dafür bezahlt. Soll ich nicht genau das auch umsetzen, wofür man mich verdächtigt, und den Produzenten um ein kostenfreies Testgerät bitten? Um so das Gute und das Böse miteinander zu vereinen? Dann kann ich wahre Hymnen schreiben, ohne das Gefühl zu haben, unklug gewesen zu sein, und gleichzeitig aber so ehrlich dabei sein, wie ich möchte.

Was für ein Gewissenskonflikt… Ich weiß, was ich mache. Ich schreibe die Marketing-Abteilung einmal an. Und wenn sie großzügig sind, und mir ein Gerät zur Verfügung stellen, dann freue ich mich.

[Nachtrag vom 13. September 2013]

Ich habe die Marketingabteilung des Produkts kontaktiert. Bekam ein Testgerät, habe es ausprobiert und ein paar Nachteile entdeckt, die andere Kameras nicht haben. Daraufhin habe ich weiter nach der idealen Reportagekamera gesucht. Weitere Marketing- und PR Abteilungen kontaktiert. Weitere Testgeräte bekommen. Und verstanden, dass das etwas mit meinem Urteilsvermögen macht. Die Unternehmen, die freundlich zu mir sind, bekommen automatisch einen Bonus und das Produkt wird ggf. besser von mir bewertet. Die HerstellerInnen jedoch, die mir die kalte Schulter zeigen, bleiben außen vor. So soll es nicht sein. Ich möchte das ALLERBESTE Produkt finden, unabhängig vom PR-Konzept eines Produzenten. Deshalb bin ich dazu übergegangen, nicht mehr direkt auf die Unternehmen selbst zuzugehen, sondern mich im Fachhandel beraten zu lassen. Noch bin ich nicht zu einem abschließenden Ergebnis gekommen, was das Modell betrifft, das mich in Zukunft auf meinen Exkursionen in die Kunst- und Marketingwelt begleiten wird. Habe mich auf der IFA umgesehen, werde morgen zu einer Produktpräsentation eines Fotohändlers gehen und lernen – was gute Reportagemodelle betrifft. Die Kamera, die ich dann im Endeffekt aussuche, wird genau das repräsentieren, wonach ich suche: beste Qualität.

Was ich bereits jetzt für mich und meinen Blog entschieden habe: Ich will unabhängig bleiben. Die Produkte, über die ich schreibe, sollen so gut sein, dass ich sie guten Gewissens jederzeit weiterempfehlen kann. Für diese Tipps will ich nicht bezahlt werden und auch nicht gesponsert werden. Nur so bleibe ich echt. Und meine Tipps bleiben wertbeständig. Aus genau diesem Grund werde ich auch keine Werbung auf der Granaton-Seite schalten. Die Glaubwürdigkeit der Seite wird aufgeweicht. Das möchte ich nicht. Geld verdiene ich lieber auf andere Weise.

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